Der Herbert-Haag-Preis 2020 steht unter dem Motto der sexuellen Vielfalt und geht unter anderem an Pierre Stutz. Foto: Roger Wehrli

«Ich überlasse die Kirche nicht den Hardlinern»

Mit seinem Coming-out hat sich Pierre Stutz vor fast zwanzig Jahren befreit. Doch er musste seinen Herzensberuf als Priester aufgeben. Jetzt hat der heutige Bestsellerautor einen Preis erhalten – für mutiges Handeln.


Interview: Marcel Friedli


«pfarrblatt»: Sind Sie mutig?

Pierre Stutz: Ich bin kein Mensch, der auf Konfrontation geht. Es dauert manchmal lange, bis ich reagiere – mit einem Mutanfall, dem Wut zugrunde liegt. Bei meinen sozialen Tätigkeiten war ich mutig, wenn ich mich für andere einsetzte. Dank heftiger Krisen habe ich gelernt, auch zu mir selber fürsorglich zu sein; da braucht es besonders Mut.

Ihr Mut hat sich im Nachhinein gelohnt. Hätten Sie sich früher outen sollen?

Mein Coming-out hatte ich erst mit 49. Ich wünsche jedem, dass es weniger lange dauert. Diese Zeit habe ich gebraucht, um zu mir stehen zu können. Dazu gehörte auch, den tiefen Schmerz zu erleben, dass ich mich selber verrate, wenn ich dies nicht tue. Ich war zeitweise zutiefst verzweifelt, geplagt von der Angst, in einer todlangweiligen Tätigkeit gefangen zu sein, um ökonomisch überleben zu können.

Und heute?

Heute bin ich mit meinem Leben versöhnt – anders als andere, die ich begleite: Sie stecken in der Angst fest, ihre Familie zu verlassen oder ihren Priesterberuf aufzugeben, wenn sie dazu stehen, dass sie einen Mann lieben, sich zu Männern hingezogen fühlen.

Wie sehr mögen Sie die Rolle des Aussenseiters?

Ich strebe eher nach Harmonie. Doch in der katholischen Kirche bin ich in der Opposition. Eigentlich geht das ja gar nicht. Sonst wäre ich Protestant. Ich war nahe dran auszutreten. Aber ich überlasse die katholische Kirche nicht den Hardlinern. Deshalb akzeptiere ich meine Rolle in der Opposition und versuche, mit Ärger, Wut und Zorn heilsam und heilend umzugehen. Ich bleibe der Hoffnung treu, langfristig einen Beitrag für eine liebevolle, tolerante, lebensbejahende katholische Kirche zu leisten – in der zum Beispiel auch homo-, bi- und transsexuelle Männer sowie Frauen das Priesteramt ausüben dürfen.

Wie viele schwule Würdenträger wagen – auch dank Vorbildern wie Ihnen – den Schritt in die Freiheit?

Leider viel zu wenige; viele sind verletzt, resigniert. Es fehlt eine Aufbruchstimmung, weil zu viele Amtsträger nicht bereit sind, ihre Macht zu teilen und wirkliche Reformen anzugehen.

Das klingt pessimistisch.

Das Kämpferische, das ist schon noch da. Dass der diesjährige Preis unter dem Motto der sexuellen Vielfalt steht, symbolisiert die Hoffnung, die auch in mir leuchtet.

Mit dem Preis erhalten Sie 10 000 Franken. Gibt’s dafür eine Kreuzfahrt?

Mit dem Geld mache ich mit meinem Mann auch aus ökologischen Gründen keine Kreuzfahrt. Wir werden uns etwas Schönes leisten. Der Preis kam aus heiterem Himmel. Diese Anerkennung bedeutet mir – unabhängig von seinem materiellen Wert – unendlich viel. Als ich erfuhr, dass ich einer der vier Preisträger bin (siehe Kasten), erlebte ich vier Minuten Schrei-Heul-Befreiung.

 


Gottes Liebe ist bunt

Der 66-jährige Autor, Referent und spirituelle Begleiter Pierre Stutz hat 2002 sein Amt als Priester niedergelegt; dies nach Tätigkeiten als Jugendseelsorger und Leiter des offenen Neuenburger Klosters Fontaine-André. Mit einem Mann verheiratet, lebt er in Osnabrück (D). Den Herbert-Haag-Preis 2020 erhalten nebst Pierre Stutz auch die deutsche ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche HUK, der Theologe Dr. Ondrej Prostredník sowie die deutsche katholische Theologin Dr. Hedwig Porsch. Die Stiftung zeichnet Personen aus, die sich durch freie Meinungsäusserung und mutiges Handeln in der Christenheit exponieren.
www.pierrestutz.ch
www.herberthaag-stiftung.ch

 

 

 

7. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 15
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