Michael Triegel malt seine Sehnsüchte, Ängste, Zweifel. Foto: Galerie Schwind

«Ich zeige das Bekannte als etwas Unbekanntes»

Der Leipziger Maler Michael Triegel wuchs konfessionslos auf und liess sich katholisch taufen. Er malt unter anderem für Kirchen. Triegel ist Hauptreferent an den Studientagen der Uni Fribourg zum Thema «Die Macht des Heiligen». Diese wurden kurzfristig vom Juni auf den Januar 2022 verschoben.

Interview: Sylvia Stam

«pfarrblatt»: Sie malten schon vor Ihrer Taufe auch für Kirchen. Weshalb?

Michael Triegel: Bei jedem Auftrag frage ich mich: Hat das was mit mir zu tun? Berührt mich das? Ich kann andere nur begeistern, wenn ich selber begeistert bin. Damals habe ich mich gefragt: «Warum kommt die Kirche gerade zu mir? Ich male meine Sehnsüchte, Ängste, Zweifel, aber keine Glaubensgewissheit.» Doch genau das wollten meine Auftraggeber.

Weshalb malen Sie im Stil der Renaissance?

In der Renaissance nimmt der Mensch die Welt in die Hand und tritt an die Stelle Gottes. An dieser In-Besitznahme der Welt ist etwas Grossartiges, aber genau da liegt das Problem, unter dem wir heute leiden. Die Renaissance setzte das Individuum immer noch in Beziehung zu dem, was grösser ist als der Mensch. Heute haben wir uns die Welt so zu eigen gemacht, dass wir sie zerstören. Zu untersuchen, woher das kommt, ist für mich interessant.

«Deus absconditus»    Foto: Galerie Schwind

Ich nehme in Ihren Bildern aber auch eine Brechung wahr. Das Bild «Deus absconditus» auf dem Flyer der Studientage zeigt neben dem Kreuz eine Schreibmaschine und jemanden aus dem Klu-Klux-Clan.

Die Leute sehen diese Bilder und lassen sich erst mal fangen von der schönen Malerei, die vermeintlich bekannt ist. Doch wenn man versucht, das Bild mit der Ikonografie des 16. Jahrhunderts zu lesen, klappt das nicht. In meinen Bildern widerspreche ich bestimmten Lesarten und deute das Gegenteil an. Ich zeige das Bekannte als etwas Unbekanntes. Dann kommt der/die Betrachter*in, vielleicht zu ganz eigenen Antworten.

Hat es mit der Malerei zu tun, dass Sie katholisch und nicht evangelisch wurden?

Das Katholische ist stärker vom Bild geprägt, weniger vom Wort wie der Protestantismus. Für mich spielt dieses bildliche Erleben von Kunst, aber auch von Glauben eine grosse Rolle. Ich habe zudem den Eindruck, dass im Katholizismus ein letztes Geheimnis bleibt. Es wird weniger rationalisiert, das Letzte bleibt verschleiert.

Was hat zu Ihrer Taufe geführt?

Dieser Prozess fing in meiner Jugend an. In Erfurt, wo ich aufgewachsen bin, standen wir zum Martinstag mit unseren Laternen am Strassenrand, die grösste Glocke läutete. Das war wie das Versprechen einer anderen Welt, die einen aus dem Grau der Umgebung und der DDR wegkommen liess. Ich fand damals schon, es wäre grossartig zu glauben, aber das ging einfach nicht. Unbefleckte Empfängnis und Auferstehung, das hielt ich für Quatsch. Und trotzdem war diese Sehnsucht da.

Was war schliesslich der Auslöser?

Ich hätte es gern erzwungen, glauben zu können. Doch das gelang weder bei eine Ostermesse im Markusdom von Venedig noch bei einer Generalaudienz mit Papst Benedikt. Ein junger Jesuit sagte mir, wenn ich mich für das 16. Jahrhundert und für Ignatius von Loyola interessiere, solle ich einmal Exerzitien machen: Vier Wochen jeden Tag einen Text lesen, darüber nachdenken, die Gebete sprechen, mich einmal in der Woche mit den anderen treffen. Nach etwa drei Wochen hatte ich das Gefühl: Ich muss das gar nicht mehr intellektuell auseinandernehmen. Jetzt fühlt es sich richtig an.

Das klingt nach einem langen Prozess. Weshalb hat das so lange gedauert?

Ich habe befürchtet, dass das, was meine Arbeit ausmacht, mit der Taufe auf einmal weg sein könnte. Wenn ich keine Zweifel mehr habe, was mache ich dann?

Ist das eingetreten?

Im Gegenteil. Die Taufe ist kein Endpunkt. Die Zweifel kommen auch jetzt oft. Sie sind sogar existenzieller, weil sie eine ganze Lebensentscheidung in Frage stellen.

Sie referieren an der Tagung über «Das Heilige in der Kunst». Ist dieser Begriff in der modernen Kunst von Bedeutung?

Nein. Aber die Verbindung von Religion und Kunst war über Jahrtausende eine grosse Selbstverständlichkeit. Wir hätten kein Theater, wenn es nicht den Dionysos-Kult gegeben hätte. Die sixtinische Madonna von Raffael wäre nicht entstanden, wenn nicht jemand ein Altarbild gebraucht hätte. Was mich dabei berührt: Wäre Raffael zu teuer gewesen oder hätte er keine Lust gehabt, hätte man dennoch jemanden beauftragt, weil der Altar letztlich ein Gebrauchsgegenstand ist.

Gilt das auch für Ihre kirchlichen Werke?

Durchaus. In einer Kirche habe ich ein Altarbild gemalt. Da kam eine Frau zu mir, die sagte, sie habe in dieser Kirche seit Jahren nicht mehr beten können. Vor diesem Bild sei es ihr das erste Mal wieder gelungen. Ein solches Geschenk ist für mich wertvoller als der Scheck, den ich am Ende des Auftrags kriege.

Michael Triegel (52) ist deutscher Maler, Zeichner und Grafiker. Er lebt in Leipzig und gilt als Teil der «Neuen Leipziger Schule». Triegel führte viele Aufträge für Kirchen aus und hat mehrere Kunstpreise gewonnen.

Hinweis: Die Studientage «Die Macht des Heiligen» an der Universität Freiburg waren vom 16. bis 18. Juni in hybrider Form geplant. Kurzfristig wurden sie auf den 24. bis 26. Januar 2022 verschoben.

31. Mai 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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