Foto: John Doyle, unsplash.com

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Identität und Intensivstation

Spätestens seit Richard David Prechts Bestseller wissen wir, dass wir mehrfach gespaltene Persönlichkeiten sind, und die Rede von einer «Identität» fragwürdig ist. Schon Heraklit wusste: Alles ist im Fluss. Wir können nicht einmal, zweimal in denselben Fluss steigen. Trotzdem wäre es nicht nur juristisch bedenklich, wenn wir den Identitätsbegriff aufgeben würden.

Was uns zu dem macht, was wir unverwechselbar sind, ist mehr als Passnummer, Fingerabdruck und DNA. Die Suche nach Identität lässt uns nach dem fragen, was über verschiedene Lebensphasen hinweg irgendwie beständig ist. Spontan würden wir vermutlich auf kulturelle Prägungen und einige Eigenschaften verweisen, die eine oder andere Dazugehörigkeit erwähnen. Aber schon da spüren wir: Eindeutig ist das nicht. Mani Matters Lied «Mir hei e Verein» sickert durch: Wir gehören manchmal dazu und manchmal lieber doch nicht. Schliesslich gibt es überall solche, mit denen wir uns lieber nicht identifizieren möchten.

Menschen, die in einem komatösen Zustand auf der Intensivstation lagen, müssen sich oft mit der Frage auseinandersetzen, wie sie anders dieselben bleiben können. Die veränderten Bewusstseinszustände beeinträchtigen das bisherige Selbstbewusstsein. Die Erinnerungslücken fühlen sich an wie blinde Flecken der Identitätsentwicklung. Häufig geht es darum, diese Phasen mit viel Geduld und behutsamen sozialen Interaktionen in das eigene Selbstbild zu integrieren. Tagebuchnotizen, verfasst von Pflegenden und Angehörigen, auch Bilder und Zeichnungen, helfen zu jener Beziehung zurückzufinden, die ein Mensch zu sich selbst hat. Nicht jedes Puzzleteil passt ins Gesamtbild. Und manchmal passt das Gesamtbild nicht mehr. Die Aufgeschlossenheit gegenüber unfreiwilligen Erfahrungen führt manchmal gar zu einer neuen Selbstfindung: Zu einer Identität zwischen Autonomie und Anpassung, die sich vergewissert, was sie – mit dem Rest des Lebens – will und wem sie das Leben verdankt.

Thomas Wild, ref. Co-Leiter Seelsorge Inselspital

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge

 

 

11. Dezember 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 26
  • Pfarrblatt / Angelus
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