Claudia Babst ist seit 2013 Co-Direktorin des Hilfswerks Caritas Bern. Foto: Tanja Kurt

«Achtung vor und Wertschätzung für unsere Mitmenschen.» Claudia Babst. Foto: Tanja Kurt

«Im Zentrum unserer Arbeit steht immer die Integration benachteiligter Menschen»

Claudia Babst ist Co-Direktorin der Caritas Bern. Das Hilfswerk ist vor allem durch die Caritas-Märkte oder die KulturLegi bekannt. In der aktuellen Debatte um die Sozialhilfe melden sich die Verantwortlichen pointiert zu Wort. Ein Gespräch über benachteiligte Menschen, Armutsbekämpfung mit dem Zauberstab und persönliche Grenzen.

Von Andreas Krummenacher

«pfarrblatt»: Was bedeutet für Sie der Begriff Caritas?

Claudia Babst: Für mich ist Caritas ein ganzheitlicher, umfassender Begriff. Er beinhaltet Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe; gleichzeitig aber auch Achtung vor und Wertschätzung für unsere Mitmenschen, soziales Engagement und Solidarität.

Ihre Organisation trägt die Wohltätigkeit, die christliche Nächstenliebe im Namen. Spielt die katholische Kirche für die Caritas als moderne Hilfsorganisation eine Rolle? Die katholische Kirche spielte und spielt für Caritas eine wichtige Rolle.

Ohne katholische Kirche gäbe es im Kanton Bern keine Caritas. Heute pflegen wir die Zusammenarbeit und den Austausch auf verschiedenen Ebenen. Zum einen sind wir institutionell eng verknüpft. Landeskirche, Pfarreien und Kirchen bilden die Basis unseres Vereins. Dann leisten die Landeskirche und verschiedene Kirchgemeinden massgebliche finanzielle Beiträge an unsere sozialdiakonischen Projekte. Ohne diese Beiträge könnten wir unsere Projekte nicht durchführen. Zudem kommen viele unserer Freiwilligen und Spender*innen aus dem katholischen Milieu. Und sehr aktuell und wichtig: Wir äussern uns gemeinsam zu sozialpolitischen Vorlagen.

Im Kanton Bern wird unablässig über die Sozialhilfe diskutiert. Aktuell stehen die sozialen Leistungsangebote oder die Höhe der Sozialhilfe generell im Fokus. Wie lautet die Position der Caritas Bern dazu?

Caritas kritisiert – übrigens zusammen mit der Landeskirche – die geplante Revision des Sozialhilfegesetzes. Das angedachte «Anreizsystem» kann nicht funktionieren, da der Arbeitsmarkt schlicht zu wenig Arbeitsplätze für schlecht qualifizierte Arbeitskräfte hergibt. Dann lehnen wir das Gesetz auch aus einer grundsätzlichen Überzeugung ab: Der Staat hat für das soziale Wohlergehen seiner Bürgerinnen und Bürger zu sorgen, insbesondere in Notlagen. Da kann es nicht sein, dass wir die sozial Schwächsten immer weiter an den Rand drängen.

Das ständige Sparen auf Kosten der Schwächsten, gleichsam das Treten nach unten – woher rührt das Ihrer Meinung nach?

Auf politischer Ebene hat dies sicher mit der Zunahme der Sozialausgaben und dem gleichzeitig stattfindenden Steuerwettbewerb zu tun. Dadurch geraten die öffentlichen Budgets unter Druck. Spardebatten sind die Folge. Gleichzeitig gibt es einen Trend, die bedingungslose Hilfe, wie sie die Sozialhilfe darstellt, mehr und mehr infrage zu stellen. Dazu gehören auch die ganzen Missbrauchsdebatten.

Wird die Stimme der Caritas politisch gehört?

Ja, die Stimme der Caritas wird gehört. Caritas Schweiz liefert fundierte Grundlagen zu allen Fragen rund um das Thema Armut und Caritas Bern hat – wie übrigens auch andere Caritas-Organisationen in der ganzen Schweiz – langjährige praktische Erfahrung in der Armutsbekämpfung. Es geht aber nicht nur darum, sich politisch Gehör zu verschaffen, sondern die breite Öffentlichkeit auf Probleme und Nöte von Menschen hinzuweisen.

Würden Sie sich gerne mehr politisch exponieren?

Caritas Bern ist keine politische Partei, sondern eine Fachorganisation, die im Bereich  der Integration und der Armutsbekämpfung tätig ist. Für mich ist es wichtig, dass wir uns dann zu Wort melden, wenn es sich aufgrund unserer Grundhaltung oder aus fachlicher Sicht aufdrängt.

Caritas, so sagte mir unlängst jemand, das sei doch für die 3. Welt. In der Schweiz besteht ein soziales Netz. Wieso braucht es da die Caritas?

Die Zahlen sprechen für sich: 615 000 Menschen in der Schweiz sind von Armut betroffen. 40 Prozent davon sind junge Menschen unter 25 Jahren! Weitere 600 000 leben knapp über der Armutsgrenze. Die Hälfte davon kann eine unerwartete Rechnung von 2500 Franken nicht bezahlen.

Wenn Sie frei handeln könnten, mit welcher Massnahme würde man diese Armut effektiv bekämpfen können?

Ist das die Frage nach dem Zauberstab? Nein, ernsthaft und absolut nicht neu: Bildung und Erwerbstätigkeit sind in unserer Gesellschaft die Schlüssel zur Bekämpfung von Armut, d. h., Menschen Zugang zu verschaffen zu Qualifikationen und zum Arbeitsmarkt. Zusätzlich braucht es für Menschen, denen der Schritt aus der Sozialhilfe nicht gelingt, soziale Auffangnetze. Dazu gehören die Sozialhilfe oder andere Unterstützungsleistungen. An dieser Stelle setzen auch wir mit unseren Projekten wie den Caritas-Märkten an.

Caritas eröffnet in diesem Jahr in Biel einen weiteren Markt. Gibt es andere, wichtige Projekte, die anstehen?

Der Caritas-Markt Biel ist für uns ein sehr wichtiges Projekt; dann planen wir für 2020 einen Standortwechsel für den Caritas-Markt Bern. Wir stossen mit unserem jetzigen Standort an Kapazitätsgrenzen: Der Laden ist zu klein, unsere Kunden haben zu wenig Platz.
Der Kanton Bern organisiert bis Mitte 2020 das Asyl- und Flüchtlingswesen neu, dies wurde in den letzten Wochen wiederholt auch in der Tagespresse thematisiert. Aufgrund unserer Leistungsverträge mit dem Kanton sind wir von diesen Umwälzungen sehr stark betroffen. Wir setzen alles daran, auch weiterhin einen wichtigen Part im Flüchtlingsbereich zu spielen.

Wofür gibt die Caritas am meisten Geld aus, für welches Projekt, für welche Personengruppe?

Neben den Leistungsaufträgen, die vollumfänglich von der öffentlichen Hand finanziert werden, geben wir unser Geld für Menschen aus, die wenig, respektive zu wenig Geld haben. Das sind insbesondere die Caritas-Märkte und die KulturLegi.

Das ist ja auch eine grosse Verantwortung, Prioritäten zu setzen. Wie wählen Sie am Ende aus?

Wir sind thematisch sehr fokussiert: Im Zentrum unserer Arbeit stehen immer die Integration benachteiligter Menschen und die Armutsbekämpfung. Entsprechend treten wir als Partnerin der öffentlichen Hand auf oder lancieren eigene Projekte.

Sie arbeiten für eine soziale Organisation, Sie helfen Menschen, Sie stehen an der Seite der Menschen am Rand. Was gibt Ihnen das? Sie müssen abends doch mit einem guten Gefühl nach Hause gehen ...

Um ehrlich zu sein: Die nicht enden wollende Debatte um Flüchtlinge, die Verpolitisierung und Polarisierung von Migrationsfragen und die dazu gehörige Missbrauchsdebatte sind manchmal auch ermüdend.
Aber Menschen im Alltag dabei zu unterstützen, Zugang zu unserer Gesellschaft zu finden, das ist absolut spannend. Und wenn wir dabei Erfolg haben, gibt das ein sehr gutes Gefühl!

 

Zur Person
Claudia Babst ist Co-Direktorin der Caritas Bern. Sie arbeitet seit 2013 für das Hilfswerk. Davor war sie während vieler Jahre in verschiedenen Führungsfunktionen im Behindertenbereich tätig. Claudia Babst verfügt über ein Lizenziat und einen Executive MBA in Non-Profit- und Organisations-Management.

 



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23. Januar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 3
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  • Soziales