Raum der Nachdenklichkeit. Spiegelungen in einem Glaskörper von Roni Horn (Well and Truly). Installation «Luogo e Segni», Punta della Dogana, 2019, Venedig. Foto: Andreas Krummenacher

Ist Glaube alltagstauglich?

Was ist der Sinn des Lebens? Wie finde ich das Glück? Wieso gibt es Leid und Schmerz? Am 12. August sind die Sommerferien vorbei, Zeit also, die grossen Fragen des Lebens zu stellen. Immer wieder sind wir damit konfrontiert, suchen Antworten. Diese finden sich mitunter im Glauben. Wir haben verschiedene Menschen gefragt, wie sie in ihrem Alltag und bei der Arbeit mit diesen «grossen Themen» umgehen.

Kurzinterviews: Anouk Hiedl

Dr. Sarah Gigandet

Katechetin, Lehrbeauftragte für Religionspädagogik und theologische Mitarbeiterin von Bischof Felix Gmür

 

Welche Fragen wirft das Leben für Sie auf?

Je nach Lebensphase steht die eine oder andere im Vordergrund. Was mich von Kindheit an beschäftigt, ist die Frage nach meinem Fundament: Wer und was gibt mir tatsächlich Halt?

Welche Fragen wirft Ihr Beruf für Sie auf? Wie gehen Sie damit um?

Die grossen Sinnfragen, Fragen nach den «letzten Dingen» und wie man sie zeitgemäss zur Sprache bringen kann. Es ist ein grosses Privileg, dass ich auf verschiedenen Ebenen im Austausch über diese Fragen nachdenken darf. Damit dies möglich ist, braucht es gegenseitiges Vertrauen. Das kann man nicht erzwingen. Ich versuche, Räume des Austausches zu ermöglichen, durch Offenheit und Achtsamkeit für das, was die Kinder und Jugendlichen gerade bewegt. Im Religionsunterricht gibt es keine Tabuthemen und oft auch keine letztgültigen Antworten. Das ist aber auch nicht das Ziel. Mit Kindern und Jugendlichen versuche ich, die grossen Fragen des Lebens stets aus der Perspektive des Glaubens anzuschauen.

 

Matthias Vatter

Verleger, Kulturvermittler und Ideenschmied, Koordinator des Zentrums Arts in Context der Berner Fachhochschule

 

Welche Fragen wirft das Leben für Sie auf?

Viele! Einerseits, seit meiner Kindheit, durch das persönliche Nachdenken und Sinnieren im Alltag über die üblichen Grundfragen. Andererseits durch persönliche Erlebnisse oder Schicksalsschläge wie beispielsweise den Tod meines Vaters, als ich neun Jahre alt war. Da stellten sich mir Fragen wie: Warum gerade mein Vater? Warum jetzt? Was machen wir jetzt? Wie geht es meiner Mutter? Und viele mehr.

Haben Sie Antworten gefunden?

Ja, bisher immer. Diese sind sehr häufig an Beziehungen gekoppelt: die Sicherheit, die vertraute Menschen vermitteln, die Stärke, die man dank positiver Erlebnisse aufbaut. Manchmal sind die Antworten auch pragmatisch und geprägt von einer gewissen Demut: Nun ist es halt so, damit kann man auch leben, jetzt finden wir halt einen anderen Weg.

Spielen Glaube und Religion in Ihrem Alltag und bei Ihrer Arbeit eine Rolle?

Wenn man Religion im ursprünglichen Wortsinn versteht und auf das lateinische «relegere» (wieder lesen, achtgeben, bedenken) zurückgreift, dann versuche ich, eben dieses Achtgeben überall zu berücksichtigen. Allzu oft geht das im Alltag unter – aber der Vorsatz bleibt ... Als religiöser Glaube ist das Christentum für mich vor allem kulturell präsent – unser ganzer Alltag ist entsprechend geprägt, und es lohnt, sich dessen bewusst zu sein.

Passt ein Thema aus Ihrem Leben zu einer biblischen Geschichte?

Persönlich finde ich die verschiedenen Gleichnisse Jesu spannend – vor allem als effizientes Vermittlungsformat. Passend scheint mir, mit Blick auf meine bisherigen beruflichen und privaten Erlebnisse und auf viele gesellschaftliche Diskussionen, das Gleichnis vom «jungen Wein in alten Schläuchen». Wenn auch manchmal als «alter Wein in neuen Schläuchen» falsch zitiert, gibt es allemal Anlass, Behauptungen nochmals zu überdenken.

 

Hubert Kössler

Co-Leiter Seelsorge am Inselspital Bern

 

Welche Fragen wirft das Leben für Sie auf?

Das Leben wirft für mich einerseits die grossen Themen auf, die uns alle betreffen: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Es gibt hier keine einfachen Lösungen, und ich fürchte, dass Empathie und Solidarität schwinden. Und andererseits beschäftigen mich natürlich die persönlichen Fragen: Wie geht es meinen Liebsten? Mir selbst? Nehme ich mir genug Zeit für meine Partnerschaft, für meine Hobbies, für meine Spiritualität?

Welche Fragen wirft Ihr Beruf für Sie auf? Wie gehen Sie damit um?

In meinem Beruf bin ich mit vielen Fragen rund um Gesundheit, Medizin und Ethik konfrontiert. Da frage ich mich zum Beispiel, ob man die Endlichkeit, das Leiden, das Sterben zu einem «Projekt» machen kann, wie ich es verschiedentlich wahrnehme. Kann man wirklich alles vorwegnehmen? Was ist mit dem Unplanbaren? Was ändert sich, wenn wir unsere Beeinträchtigungen nicht bekämpfen und ausschliessen, sondern mit ihnen leben? Wo sind unsere Ressourcen, um mit ihnen umzugehen? Ist Gesundheit wirklich das «Wichtigste», wie man es oft bei Geburtstagen hört? Oder gibt es vielleicht noch etwas Wichtigeres? Und was wäre das? Sonst könnten ja alle, die krank werden, schon einmal klar das Wichtigste nicht mehr erreichen. Im Gespräch versuche ich zu verstehen, wie der Patient seine Situation deutet. Worunter leidet er eigentlich? Das muss nicht unbedingt die Diagnose sein, die in seiner Krankenakte steht. Und dann versuche ich, mit der Patientin zu ergründen, welchen Spielraum, welchen – vielleicht minimal erscheinenden – Freiheitsraum es gibt. Gibt es Kraftquellen, Ressourcen? Was man da entdeckt, ist natürlich individuell sehr unterschiedlich, zum Beispiel: klagen, weinen, die Ohnmacht zulassen, sich erinnern, versöhnen, sich mitteilen.

Finden Sie Antworten? Spielt der Glaube dabei eine Rolle?

Die Haltung «Ich nehme wahr, was ist und lasse geschehen, was kommt» ist eine ganz gute Basis, dass tatsächlich neue Perspektiven entstehen. «Antworten» ist mir allerdings ein bisschen zu wortlastig. Manches, vielleicht das Wichtigere, gehört in eine andere Kategorie als das sprachlich Benennbare. Für Fragen gibt es Antworten, für Probleme gibt es Lösungen. Für das Leben gibt es vielleicht einfach nur – das Leben. Warum soll ich überhaupt am Morgen aufstehen und mich einsetzen, beruflich, privat, sozial, politisch? Für solche Fragen ist der Glaube fundamental. Ich bin eingebettet in eine ganze Erzähltradition. Das tröstet mich, es verleiht mir Orientierung und stärkt mein Vertrauen. In dieser Hinsicht ist mein Glaube im Lauf der Jahre eher gewachsen.



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Wie lernt man glauben?

Menschen lernen religiös, wenn sie tief betroffen und berührt werden. Erst wenn sich Leben und Botschaft verbinden, wird letztere relevant. Die Kirche bietet dazu Räume der Nachdenklichkeit an.


Von Judith Furrer und Patrik Böhler, Fachstelle Religionspädagogik Bern

Klassische religiöse Bildung vermittelt Wissen an Kinder, die lernen müssen, was ihnen geboten wird. Die Schwierigkeit dieser Lehr-Lern-Gefässe: Sie treffen nur mit Glück die aktuellen Lebensfragen der Menschen, an die sie sich richten, weil deren Lebensgestaltung vielfältig ist. Lernpsychologisch bleibt nur haften, was Menschen als dienlich und relevant für sich ausmachen können. Am Ende der Schulzeit steht dann nicht selten die Feststellung, dass nur wenig hängen geblieben ist.

Bibel-Teilen ist eine offene Form des Austauschs über einen Bibeltext. Wenn dabei ein Wort, ein Satz oder ein Abschnitt zutiefst trifft, weil darin etwas anklingt, was im Leben gerade wichtig ist – eine Bestärkung, eine Ahnung von einer Antwort, eine Provokation –, dann ist das ein grundlegend anderes Lernen. Dann entsteht eine Verbindung von Leben und Botschaft, von Biografie und Glauben, die von Leser*innen entdeckt und als wahr erkannt wird und so Relevanz entstehen lässt. Dies geschieht auch, wenn Seelsorger*innen Menschen in Krisen und Höhepunkten ihres Lebens begleiten, mit ihnen beten, feiern, Fragen stellen und nach Antworten suchen. Oder wenn die Kirche gläubige, suchende Menschen miteinander in Beziehung und ins Gespräch über ihre Hoffnungen und ihren Glauben bringt. So wird sie zu einem Resonanzraum, in dem über das eigene Leben und die biblische Botschaft nachgedacht und gesprochen werden kann. Es gibt nicht vieles zu tun, sondern vieles anders zu tun – es gilt, Räume der Nachdenklichkeit zu eröffnen.

7. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 17
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