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News-Artikel

«Das Militär, das vorgegeben hat, unsere Revolution zu schützen, bringt sie zu Fall.» Foto: Reuters/ Stringer

Jasmin El Sonbati - Weinen über Ägypten

Jahresende. Ausruhen nach dem Weihnachtsshoppingstress, Silvesterparty zum Abtanzen, um Mitternacht werden Champagnerflaschen um die Wette geköpft, Feuerwerk, Glückwünsche und ab ins Bett. 

Die Jahreswende in Kairo ist leise und bedacht, so richtig zum Feiern ist niemandem zumute, denn alle blicken zurück, auch ich. Auf den arabischen Frühling, der im Winter begann und längst zum Winter wurde. Dabei war der Start so fulminant! Hunderttausende auf den Strassen, «Das Volk will das Ende des Systems!» skandierend. Und dann das Wunder von Kairo: Hosni Mubarak tritt ab. Nach 30 Jahren ist Ägypten ein Scherbenhaufen. Die Euphorie war trotzdem unbeschreiblich, Revolution dank Twitter und Facebook. Flower Power, gemeinsame Gebete zwischen Christen und Muslimen, spontane Jazzkonzerte auf dem Tahrirplatz. Durch Ägypten weht zum ersten Mal ein Hauch von Freiheit. 

Ein Jahr danach ist der Siegestaummel verstummt und der berühmteste Platz der arabischen Welt ist zur offenen Kampfzone mutiert. Das Militär, das vorgegeben hat, unsere Revolution heroisch zu schützen, bringt sie ebenso heroisch zu Fall. Vorläufiger «Höhepunkt», der Tritt des Soldaten auf den entblössten Oberkörper einer Demonstrantin, gegen den die ägyptischen Frauen aufmarschieren. Auch ich bin bei ihnen und schreie mir die Wut aus dem Leib.

 Doch nicht nur das Militär hält an der Macht, an der alten Ordnung fest, auch der Mann meiner Cousine, ein wohlhabender Geschäftsmann. «Seit der Revolution herrscht Chaos, diese jungen Leute reden und reden und die Wirtschaft steht still!» Diese Aussage durfte ich mir im Freizeitpark von Maadi (Quartier im Süden von Kairo) anhören, als ich mich am Silvestertag mit meiner Cousine zum Tee verabrede. Ewiggestrig rühmt der Gatte die Leistungen Mubaraks in allen Farben des Regenbogens und wie sicher es im Lande war unter ihm. Man nennt sie «Fulul», diese Übriggebliebenen, die entweder keine Wende wünschen, weil sie ihre Privilegien dahinschwinden sehen, in Ruhe gelassen werden wollen oder ganz einfach nicht mehr mitkommen (wollen). 

Ganz rot wird sein Kopf, wenn er vor mir hin und her fuchtelt und mir am liebsten das Wort verbieten möchte. Versuche, mit dem Helvetischen in mir – was in diesem Fall das Beste ist – sachlich zu reagieren, spreche von verletzten Menschenrechten, von den 40% unter der Armutsgrenze Lebenden, den 30% Analphabeten im Land, rühme die Demokratie und dass wir eine gerechtere Gesellschaft möchten. «Und das soll die Saura (arab. ‹Revolution›) ändern?» schreit es aus ihm heraus. «Gott sei Dank haben wir noch das Militär, die werden es denen schon zeigen!» Wie recht er hat. Meine Antwort wartet er nicht mehr ab, die schweigende Cousine – sie ist anderer Meinung, hält sich aber vor dem Ehemann zurück – und er verabschieden sich abrupt, der frisch duftende Pfefferminztee dampft noch aus den Tassen.

 Die Tage am Tahrir haben die Gesellschaft aufgerüttelt, dabei wurden auch Befindlichkeiten angekratzt, wie Patriarchismus , blinder Respekt der Jüngeren den Älteren gegenüber, grundsätzlich die Idee, dass junge Menschen a priori Unrecht hätten und nichts wüssten vom Leben. Ich sinke in meinen Rattansessel hinein, betrachte die untergehende Sonne über Kairo und weine über Ägypten.

Jasmin El-Sonbati (1960), Tochter einer Österreicherin und eines Ägypters, geboren in Wien, aufgewachsen in Kairo und in Basel. Studium der Romanistik in Basel und Wien. Mitbegründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Gymnasiallehrerin in Basel, Autorin und Referentin zu Migration, Islam in der Schweiz und islamische Bewegungen. Sie ist politisch im ägyptischen Demokratisierungsprozess aktiv. Autorenportraits

12. Januar 2012