In der nachgebildeten Gefängniszelle auf der Grossen Schanze in Bern: «Das Gefängnis ist mitten in unserem Leben, im Alltag. Es ist leichter reinzukommen, als man denkt.» Foto: Pia Neuenschwander

«Je mehr wir Gott wegdenken, desto einsamer stehen wir da»

Joachim Cabezas ist Gefängnisseelsorger. Er besucht diese Menschen am Rand der Gesellschaft, isst mit ihnen und begegnet dabei einer bunten Vielfalt an Mentalitäten und Kulturen. Sie und ihre seelischen Zusammenhänge sind ein Spiegel der Welt draussen.


Interview: Anouk Hiedl


«pfarrblatt»: Ist Ostern im Gefängnis ein Thema?

Joachim Cabezas: Das ist unterschiedlich. Für Ostchristen schon, sie leben bewusst darauf hin, auch in der Fastenzeit. In unserer westlichen Kultur ist Weihnachten wichtiger geworden – das Licht und das Baby dieser Zeit sind schöner anzusehen als ein Zusammengeschlagener, Getöteter. Ich denke, da machen wir uns etwas vor. Im Baby liegt die Hoffnung, im Gekreuzigten das Leben. Der spanische Dichter Antonio Machado schrieb einmal, er glaube lieber an den Jesus, der übers Wasser geht. Doch ohne Kreuz und Auferstehung wäre dieses Wunder nicht möglich gewesen. Christus lebt im Leid. Man muss den Mut haben hinzusehen.

Weinen Sie manchmal?

Im Gefängnis nicht. Ich glaube, ich habe als Jugendlicher genug geweint, heute bin ich nicht mehr so nah am Wasser gebaut. Es kommt vor, dass ich bei der Anbetung zu Tränen gerührt werde, oft wenn ich darüber staune, wie Gott in zerbrochenen Seelen wirken kann.

  • «Christus lebt im Leid. Man muss den Mut haben hinzusehen.»

Warum sind Sie Priester bzw. Gefängnisseelsorger geworden?

In Spanien war ich in einem Pallottinerinternat. Diese Gemeinschaft hat mir in Deutschland das Fundament für ein spirituelles Leben geschaffen. Nach einer intensiven pastoralen Erfahrung als Gemeindeleiter in Gunzgen ging ich zum Trappistenorden nach Spanien, wo ich das kontemplative Leben schätzte. Nach einem Jahr setzte mich der Abt vor die Tür, weil er fand, dass ich zu viele Fragen stellte. Während meiner Zeit als Pastoralassistent in Neuhausen fragte man mich öfter, wann ich denn zum Priester geweiht werde. Da verstand ich, dass Gott mich führt. Das Priesteramt wurde von aussen an mich herangetragen. Als ich nicht mehr danach suchte, hat man mich hier reingeholt.

Ich fühle mich nicht als Manager in einer Organisation, Struktur und Administration berufen. Mein Fokus liegt auf Christus und darin, zu entdecken, wie er aus den Menschen herausstrahlt. Das ist als Seelsorger und geistlicher Begleiter möglich. Da geht es mir manchmal wie Michelangelo. Er erahnte die Kunstwerke und brauchte den Marmor nur noch zu bearbeiten, so dass sie sich daraus befreien konnten. Im Spital und im Gefängnis erlebe ich, wie Christus in Schmerz und Fragen, in der Wut und im Hadern plötzlich durchscheint – wenn man ihm in der Ohnmacht Raum gibt. Diese Grunddimension hält mich in der Seelsorge. Ich bin sehr dankbar, dass mich Bischof Felix dazu ins Gefängnis gesteckt hat.

  • «In der Ohnmacht scheint Christus manchmal plötzlich durch.»

Wie waren Ihre ersten Gespräche als Gefängnisseelsorger?

Im Regionalgefängnis Schaffhausen habe ich mehrere tiefe und berührende Gespräche mit einem lateinamerikanischen jungen Mann geführt – ein richtiger Muskelprotz. Bei seiner Freilassung entdeckte er mich. Er kam auf mich zu und umarmte mich fest und liebevoll. Berührungen sind im Gefängnis ein «no go». Die zwei Betreuer waren etwas überrascht, aber da hat es gestimmt. Für mich war es eine besondere Christuserfahrung.

Gab es weitere solche Momente?

Ich treffe auf unterschiedlichste Situationen und Menschen. Einige sind zerstört oder sehen ihr Leben zerronnen. Manche können nicht mehr weinen oder tun nichts anderes mehr. Auch wenn sich sonst äusserlich nichts verändert hat: Wenn sich die Menschen nach einem Seelsorgegespräch mit einem strahlenden Lächeln verabschieden, erkenne ich darin die befreiende Gegenwart Gottes und sinne der tieferen Bedeutung von Freiheit nach. Vielleicht hat sich in ihnen eine Gruft aufgetan, aus der heraus sie ein Licht erkannt haben. Auch in der Beichte erlebe ich sehr viel Heil.

Im Gefängnis gibt es viele, auch jüngere Menschen, deren Leben von einem Moment auf den anderen zerbricht und ein Stück von ihnen abstirbt. Ich kann ihnen zuhören, mit ihnen sprechen, ihnen Dinge aufzeigen, aber wenn es um existentielle Abgründe geht, muss ich unsere Ohnmacht aushalten, und es ist Christus, der wirkt. Einmal war ich bei einem jungen Moldawier. Wir hatten keine gemeinsame Sprache, die wir verstanden. Dennoch war der Austausch bis zu seiner Freilassung so dicht und heilsam, dass ich auch hier von einer Christuserfahrung spreche.

Ein anderes Mal besuchte ich einen Insassen, der aus einer langen Isolierhaft kam. Während dieser Zeit hatte sich einiges bei ihm angestaut, und er wurde zusehends nervöser und aggressiver. Als ich befürchtete, mit einem blauen Auge hier rauszukommen, wehrte er heftig ab: «Nein, Sie doch nicht, Padre, Sie doch nicht!» Bei Seelsorgenden im Vollzug haben die Inhaftierten einen Raum, wo sie fast alles dürfen, ohne Kontrolle und Dokumentation von aussen. Hier dürfen sie sich so geben, wie sie sind.

Wie ehrlich sind die Gefangenen zu Ihnen?

Ich stelle fest, dass wir Menschen einander oder uns selbst immer wieder etwas vormachen. Es kann sein, dass mir einer etwas erzählt, weil er nur Dreck auf sich geworfen sieht und etwas Farbe einbringen will. Ich frage mich vielleicht, ob das stimmt. Aber es spielt keine Rolle, eine Lüge hat für mich keine Konsequenzen. Ich kann nachfragen, ob dies eine ganze Wahrheit ist oder ob wir den Mut haben, auf das Rechte zu gehen. Ich übe mich darin, den Menschen ernst zu nehmen.

Wie wirkt sich das Gefängnis als Arbeitsort aus?

Die Institution an sich ist schockierend nüchtern. Aber jedes Gefängnis hat eine eigene Ausstrahlung. Am Anfang hatte ich vor allem Mühe mit dem Warten: bis einer kommt, bis er wieder abgeholt wird, auf die nächste Begegnung. Das Gefängnis ist eine hilflose Antwort unserer Gesellschaft. Die richtigen Fragen müssten wir uns schon viel früher stellen – vor allem jene nach Beziehungen, nicht zuletzt nach der Beziehung zu Gott. Je weiter wir Gott von uns wegschieben, je mehr wir ihn wegdenken, desto einsamer stehen wir da. Ich stelle fest, dass sich viele im Gefängnis die Frage nach Gott vom Neuem stellen, nicht nur Eingewiesene. Das Leben und Arbeiten in einem solchen Rahmen wird humaner im Licht der Transzendenz.

  • «Die Frage nach unserer Beziehung zu Gott müssten wir uns schon viel früher stellen.»

Wer sind die Gefangenen?

Menschen von 16 Jahren bis übers Pensionsalter aus allen möglichen Ländern. Sie und die vielfältigen Zusammenhänge in ihrer Seele sind ein Spiegel unserer Welt. Sie sind viel mehr als ihr Delikt.

Wissen Sie von den begangenen Verbrechen?

Ich frage die Insassen nicht, was sie getan haben und informiere mich auch nicht aktiv darüber. Sie sind vielleicht deswegen da, ich aber nicht. Oft haben sie das Bedürfnis, etwas zu erzählen. Mehr als über ihr Delikt sprechen sie über Schwierigkeiten im juristischen Vorgehen oder über Worte, die etwas in ihnen ausgelöst haben. Manchmal dreht sich ihr Fokus nur um ein Problem oder um bestimmte Menschen und Beziehungen.

Kommen Sie in der Pfarreiseelsorge auch mit Opfern von Verbrechen in Kontakt?

Auch Opfer sind mehr als nur Opfer. Wir haben alle unsere Geschichte, mit Freud’ und Leid. Alle, die Seelsorge suchen, tun dies auch als Opfer.

  • «Die Gefangenen sind viel mehr als ihr Delikt.»

Wie wirkt sich die Pandemie auf Ihre Arbeit aus?

Bis vor einem Jahr ging ich in Thun regelmässig mit einem Zivi durch die Anlage. Im Moment geht das nicht mehr. Jetzt können wir nur unter den vorgeschriebenen Schutzmassnahmen in einem kleinen Gesprächszimmer zusammenkommen. Die Insassen wollen eine Bibel oder ein Gespräch, manchmal auch Geld oder einfach mal raus aus ihrer Zelle, wo sie in der Untersuchungshaft rund 23 Stunden pro Tag verbringen. Mein theologischer Ansatz ist der Name Gottes, seine Gegenwart. Wenn ich da bin oder einen Rundgang mache, erzählt mir jemand vielleicht spontan einen Witz. Ein anderer fragt nach einem Gebet für die Tochter, die Prüfungen schreibt oder bittet um einen Segen für einen Gegenstand. Oder jemand zeigt mir seine Bibel, die er von seiner Freundin bekommen hat. Solche Dinge passieren im Vorbeigehen, nicht auf Anmeldung.

Welche Rolle spielen Gott und Religion?

Das kommt oft aufs Umfeld und die bisherigen Gotteserfahrungen an. Davon kann es zu wenige geben oder zu tiefe, solche mit Verletzungen oder gesunde, haltgebende. Manche merken, ich habe Gott den Rücken gekehrt. Jetzt bin ich da, und ich weiss warum. Religiöser Fundamentalismus, bei dem wir aufmerksam sein müssen, ist momentan zum Glück kein grosses Thema. In einem radikalen Umfeld werden Gemüter mit einem (Schein-)Sinn gefüllt, der dann zerstörerisch wirken kann. Manche Eingewiesenen möchten getauft werden. Dem geht eine Vorbereitung mit mir voraus. Die nächste Erwachsenentaufe mit Firmung feiern wir zu Ostern in Hindelbank – mit anderen Insassinnen. Die Frauen schmücken sich in der Regel sehr feierlich mit Gewändern aus ihren Herkunftsländern.

 

 

 


Joachim Cabezas, 50,
hat in Deutschland Theologie studiert und wollte in Spanien Mönch werden. Er wurde 2014 in Neuhausen (SH) zum Priester geweiht und 2015 von Bischof Felix Gmür zum Gefängnisseelsorger im Kanton Bern berufen.

Er ist in den Regionalgefängnissen Bern und Thun sowie in den Justizvollzugsanstalten Hindelbank (für Frauen) und St. Johannsen (für psychisch belastete oder suchtkranke Straftäter) tätig. Daneben arbeitet er als Vikar im Pastoralraum Seeland.

Foto: Pia Neuenschwander

4. April 2021
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Soziales
  • Spirituelles