«Jeder Schweizergardist soll als Missionar nach Hause gehen»

Im Vatikan sind am Samstag, 6. Mai, 40 neue Schweizergardisten vereidigt worden. Der traditionelle Anlass bot verschiedenen Persönlichkeiten die Möglichkeit, sich vor Ort zur Bedeutung der Garde zu äussern. Etwa der Bundespräsidentin Doris Leuthard, dem Obwaldner Landesammann Franz Enderli und dem Gardekommandanten Christoph Graf.

Von Oliver Sittel, cic

Am Nachmittag des 6. Mai regnet es kurz in Rom. Nachdem die Sonne wieder herauskommt, fühlt sich die Luft schwer und feucht an. Die Schweizergardisten, die an diesem Nachmittag im Damasushof des Apostolischen Palasts stehen, haben eine schwere Stunde zu bestehen. Nicht nur ist es unter ihrem schweren Harnisch mehr als warm, 40 von ihnen leisten an diesem Nachmittag ihren Eid, den Papst und seine Nachfolger zu schützen und – wie es die Eidesformel verlangt – «wenn es erheischt sein sollte, für Ihren Schutz selbst mein Leben hinzugeben».

Neue Gardisten demonstrieren Entschlossenheit

Einzeln treten die neuen Gardisten aus ihrer Reihe, ergreifen die Fahne und rufen den Eid laut aus. Bei manch einem grenzt es an ein Schreien. Trotz unterschiedlicher Lautstärke, ist man von der demonstrierten Entschlossenheit des Einzelnen beeindruckt. Ob jeder auch wirklich weiss, was er da schwört?

Auf jeden Fall werden die Schweizergardisten seit Ende Oktober 2016 intensiver ausgebildet. «Neu haben wir eine verlängerte Ausbildung. Früher war es ein Monat, heute sind es zwei», sagte der Medienverantwortliche der päpstlichen Schutztruppe, Wachtmeister Urs Breitenmoser, am Rande des Anlasses gegenüber kath.ch. Zusätzlich zur Schulung im Vatikan absolvieren die Gardisten neu eine einmonatige Ausbildung bei der Tessiner Kantonspolizei.

Garde macht Tradition sichtbar

Die lange Tradition der Schweizergarde, die vor 511 Jahren ins Leben gerufen wurde, wird nun noch intensiver weitergeführt. Dieser Umstand ist für viele Gäste, die der Vereidigung beiwohnen, sehr wichtig. Aus Sicht des Landammanns des diesjährigen Gastkantons Obwalden, Franz Enderli, etwa hat die Schweizergarde eine grosse Bedeutung für die Kirche. «Sie hat eine Bedeutung für die katholische Kirche in dem Sinn, dass sie eine Tradition, die ebenfalls wichtig ist, unterstreicht und sichtbar macht», sagte er gegenüber kath.ch.

Leuthard macht Link zur Aussenpolitik

Bundespräsidentin Doris Leuthard, die ebenfalls Gast an der Vereidigung war und am Vormittag Papst Franziskus in Privataudienz treffen konnte, erweitert den Rahmen und misst der Garde auch eine höhere Bedeutung für die Schweiz zu. «Ich glaube, sie hat auch zu tun mit unserer Bereitschaft, gute Dienste anzubieten. Nicht nur für uns, aber auch für andere», sagte die Bundespräsidentin an der Pressekonferenz vom Samstagvormittag auf die Frage eines Journalisten. Dies mache die Schweiz auch in der Aussenpolitik.

Engagement in der lokalen Kirche

Wachtmeister Breitenmoser macht darauf aufmerksam, dass für die Gardisten nicht nur der Sicherheitsaspekt zählen soll. Denn es gebe auch Zeiten, in denen man nicht über das Leben des Papstes zu wachen habe. «Sicherheit ist zwar ein wichtiger Aspekt. Aber der Kommandant will nicht, dass nur über Sicherheit gesprochen wird.» Fundamental sei auch der Glaube. Es sei schön, den Glauben im Zentrum der katholischen Kirche vertiefen zu können. Und dies jeden Tag. Das unterscheide die Garde von anderen militärischen Formationen, so Breitenmoser gegenüber kath.ch.

Der Kommandant der Schweizergarde, Christoph Graf, selber geht noch einen Schritt weiter und denkt bereits an die Zeit, wo die Gardisten wieder zurück in ihrer Heimat sein werden. «Das Ziel wäre, dass jeder Gardist nach Hause ginge als Missionar, dass er sich auch in der lokalen Kirche zu Hause engagiert», sagte Graf am Donnerstag an einer Pressekonferenz.

Mehr zum Thema auf kath.ch

Rekordzahl an Rekruten – hohe Gäste aus der Schweiz
Im Vatikan sind am Samstag 40 neue Schweizergardisten vereidigt worden - damit ist die Zahl der Rekruten so hoch wie seit Jahren nicht mehr. 23 der neuen Gardisten stammen aus der Deutschschweiz, 13 aus dem französischsprachigen Landesteil, vier aus dem Tessin. Die Rekruten legten ihren feierlichen Schwur zur Verteidigung des Papstes im Beisein von Paolo Borgia, Assessor im vatikanischen Staatssekretariat, und Kommandant Christoph Graf ab. Kommandant Christoph Graf nahm in seiner Ansprache vor der feierlichen Vereidigung auf die aktuelle Krise in Europa Bezug. Er forderte von Politik und Wirtschaft, die Familie zu stärken. Nur so könne Europa überleben. Die Rekruten rief er auf, sich am Leben der Heiligen zu orientieren.
Bischöfe Morerod und Gmür reisten nach Rom
Zu der Zeremonie, die der Tradition entsprechend am 6. Mai im Damasushof des Apostolischen Palasts stattfand, waren als Gäste aus der Schweiz unter anderem Bundespräsidentin Doris Leuthard und Ständeratspräsident Ivo Bischofsberger sowie weitere Repräsentanten aus Politik und Armee gekommen. Aus dem Gastkanton Obwalden war unter anderem Landamann Franz Enderli angereist. Für die Schweizer Bischofskonferenz reiste deren Vorsitzender Charles Morerod an, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg. Auch der Basler Bischof Felix Gmür kam zur Vereidigung nach Rom. Das Datum der jährlichen Vereidigung erinnert an die Plünderung Roms durch die Landsknechte Kaiser Karls V., den sogenannten Sacco di Roma am 6. Mai 1527. Damals fielen 147 Soldaten bei der Verteidigung von Papst Clemens VII. (1523-1534). Die meisten Rekruten verpflichten sich heute für eine zweijährige Dienstzeit. (cic)

10. Mai 2017
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Kirche und Staat
  • Brennpunkte