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Jesus, aus dem Credo verbannt

Leonardo Boff, Hans Küng und andere kritische Theologen erhielten von der Kirchenleitung ein Lehrverbot. Etwas Ähnliches passierte dem Befreiungstheologen Jesus nach seinem Tod. Wie das? Im römischen Reich galten die Christen zunächst als jüdische Sekte und wurden als Freidenker verfolgt. Sie mussten erst noch ihre Identität und Einheit finden. Ihre Identifikationsfigur war Jesus, aber ihr jüdischer Geschichtssinn fragte: Wer ist Jesus für uns in unserer Geschichte? Schon bald deuteten sie ihn als Christus und Messias. Auch von Sohn Gottes war die Rede. Auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 drängte Kaiser Konstantin darauf, Jesus endlich als Sohn Gottes – wesensgleich mit Gott-Vater – zu definieren. Da die römischen Götter ausgedient hatten, sah er in diesem neuen Gott und in den gut organisierten Christengemeinden zwei Kräfte, mit denen er Ordnung in seinem grossen Reich schaffen konnte. Die neue Definition gefiel nicht allen Kirchenführern, denn sie entsprach alten mythologischen Bildern (Echnaton, Apollon, Sol invictus). Andere befürworteten sie, denn sie stärkte das Ansehen der jungen Glaubensschar. So überblendete die Vergöttlichung von Jesus den Menschen Jesus. Im offiziellen Credo steht nichts von seinem Leben und seiner Botschaft, nur: «Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gestorben und begraben.» Das Credo verschweigt seine kritischen Worte und wurde so zu einem gefährlichen Machtinstrument.

José Balmer vertritt seine persönliche Sicht. Wer auf seine Anregungen einsteigen will, kritisch, zustimmen oder ergänzend, kann das in unserem begleitenden Forum tun (Online-Formular, Email).

12. März 2014