Bild: cc, Stephi 2006, flickr.com

Keine Greisengeräusche

Immer, wenn ich meine Füsse in die Skischuhe zwänge, muss ich an Isabel Allende und Sophia Loren denken. Dass ich zu Beginn eines Tages auf der Skipiste an diese beiden Frauen denke, hat einen einfachen Grund: Das Anziehen der Skischuhe ist mühsam und verleitet mich dazu, zu ächzen und zu stöhnen. Doch die chilenische Schriftstellerin hat in einem ihrer Bücher verraten, welchen Trick sie von der italienischen Filmdiva abgeschaut hat, um jung und frisch zu wirken: Sie bemüht sich nämlich, sich immer gerade zu halten und keine Greisengeräusche von sich zu geben. Also keine Seufzer, Grunzer, Schnaufer, Rülpser, keine Selbstgespräche und vor allem keine abgelassenen Darmwinde. 

Ich denke an Isabel und Sophia, steige in die Skischuhe, freue mich, dass dies (fast) ohne Ächzen und Stöhnen gelingt, und spätestens auf dem Skilift ist die vorherige Anstrengung vergessen. Der Schnee, die Sonne und die frische Luft lassen meine Gedanken schweifen. Was wird in unserem Land – in Kirche, Politik und Gesellschaft – nicht ständig vieldeutig geseufzt, dumm gegrunzt, tief geschnauft und hemmungslos gerülpst? Wie viele Fachgremien und Spezialistenteams sind vom normalen Leben der meisten Menschen derart abgekoppelt, dass sie nur noch mit sich selbst und ihresgleichen im Gespräch sind? Und welches Problem, welche Frage wird nicht medial von warmer, übelriechender Luft begleitet? In der Kirche, in der ich seit vielen Jahren unterwegs bin, sind es nicht unbedingt die Kirchgänger und Kirchgängerinnen, sondern vor allem das kirchliche Personal – Kleriker wie Laien – und die Mitglieder diverser Gremien, aber auch kirchliche Medien und manche Theologieprofessorinnen und -professoren, die oft einen hässlichen Lärm verbreiten. Ja, was wird in unserer Kirche doch vieldeutig geseufzt, tief geschnauft, dumm gegrunzt und hemmungslos gerülpst! Öffnet dieses Gejammer irgendjemandem das Ohr für die Frohbotschaft Jesu Christi? Ich glaube nicht! Aber weshalb ächzen und stöhnen wir dann tagaus, tagein? 
Die Kirche kann bei uns in grosser Freiheit wirken, und sie ist immer noch mit vielen personellen und finanziellen Möglichkeiten ausgestattet. Wessen Schicksal bemitleiden wir also mit unserem Gejammer? 

Im Gespräch mit der jüngeren Generation, mit MinistrantInnen, Firmlingen, Angehörigen der Armee, Brautpaaren oder Taufeltern, ist mir aufgefallen: Junge Menschen fragen auch heute nach Gott, vielleicht nicht im Religionsunterricht, dafür im Sportverein. Und auch ältere Menschen reden über Religion, vielleicht nicht in der Bibelgruppe, aber ganz sicher auf der Ferienreise, dann, wenn aus unbekannten Leuten Tischnachbarn und Reisebekanntschaften werden. 
Alle Getauften dürfen die Frohbotschaft Jesu Christi zu den Menschen tragen. Sein Evangelium ist das, was die Kirche anziehend gemacht hat und immer noch anziehend macht und durch dich und mich die Kirche, die Politik und die Gesellschaft im Geiste Jesu neu macht. Und können wir diesen Auftrag, den Menschen von Jesus zu erzählen, nicht leichter erfüllen, wenn wir uns dabei gerade halten und Greisengeräusche vermeiden? Wenn ich mir die Skischuhe anziehen will, weiss ich, dass dies nicht ganz leicht geht. Aber ich gebe mir redlich Mühe, dies ohne Ächzen und Stöhnen zu tun! 

Alex L. Maier, Theologe, Domherr, Co-Dekan, Pfarrer in Wangen an der Aare. Autorenportraits

2. Februar 2012