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Kinder trauern anders

Lias kleiner Bruder Diar war tot geboren. Seine Eltern versuchten das, was sehr viele in dieser Situation spontan tun möchten: ihre Tochter vor dem Schmerz und der Trauer schützen, die diese Situation mit sich bringt. Denn plötzlich warteten Abschied und Tränen statt Freude und Lachen auf die Familie.

Gerne hätten die Eltern das Geschehene ungeschehen gemacht. Und weil das nicht ging, wollten sie zumindest das tragische Ereignis vor ihrer fünfjährigen Tochter verbergen. Mit diesem Schmerz und der grossen Ohnmacht um den kleinen Diar sassen wir zusammen. Sollte Lia bei dem Abschied dabei sein? Die Frage war unausweichlich. Aber die Eltern waren bei dem Gedanken bestürzt. Ihre Tochter sollte ihren kleinen Bruder sehen und sich verabschieden? Sie sollte mit all der Trauer konfrontiert werden, die wir kaum aushalten können?

Im ersten Moment ist das eine ganz verständliche Reaktion. Eltern möchten ihr Kind vor der Begegnung mit Tod und Trauer bewahren. Abschied und Trauer gehören für uns alle zu den schwierigsten Aufgaben. Oft erscheinen sie uns kaum aushaltbar und wir haben Angst vor solchen Situationen. Doch wenn wir damit konfrontiert werden, sind Ausweichen und Leugnen kein Schutz. Um den Schmerz verarbeiten zu können, ist die Trauer eine wichtige Wegbereiterin. Sie hilft uns, Abschied nehmen zu können von einem geliebten Menschen, indem wir ihn sehen, berühren oder ihm etwas schenken. Mit solcher Anteilnahme lernen wir, das Unbegreifliche zu begreifen. Es hilft, sich von Verstorbenen zu verabschieden, ihnen Gutes zu sagen und Gutes zu tun.

Als Lia ihren kleinen Bruder zusammen mit der ganzen Familie sehen durfte, beugte sie sich über ihn und sagte: «Er ist ja wirklich so klein, wie ihr gesagt habt. Darf ich ihn in die Arme nehmen?» Uns berührte Lias Wunsch sehr, und wir legten ihr ihn in den Arm. Sie, ganz die stolze Schwester, blickte liebevoll auf ihn. Dann sagte sie zu ihrer Mama: «Nimm ihn auch mal!» Kurz darauf sassen alle beieinander und der Kleine wanderte von einem Schoss zum anderen. Er wurde genau betrachtet und beschrieben. Es war eine berührende Atmosphäre. Und in diesem Moment war es keine Frage mehr, ob Lia bei der Beerdigung dabei sein würde. Statt über den kleinen Diar zu schweigen, wurde er ein Teil ihres Lebens.

Isabella Skuljan

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

15. Oktober 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 22
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