Agnes Hirschi, 82, will die Erinnerung am Mord der europäischen Jüdinnen und Juden wachhalten. Foto: zVg.

Carl Lutz mit Tomi, dem Sohn des Chauffeurs, und mit Agnes Hirschi in Budapest. Foto: Privatbesitz Agnes Hirschi.

Carl Lutz, Schweizer Vizekonsul in Budapest, in seinem Büro. Foto: Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi: NL Carl Lutz/ 266.

Menschen, die vor dem Glashaus in Budapest anstehen, um Schutzbriefe zu erhalten. Foto: Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi: NL Carl Lutz/ 271.

Menschen, die vor dem Glashaus in Budapest anstehen, um Schutzbriefe zu erhalten. Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi: NL Carl Lutz/ 271.

Gruppe um Carl und Gertrud Lutz, die während der Belagerung und den Kampfhandlungen im Keller der britischen Gesandtschaft ausgeharrt hat. Rechts von Gertrud Lutz: Maria Magdalena Grausz (mit hellem Kopftuch), Agnes Hirschis Mutter und spätere Ehefrau von Carl Lutz. Agnes Hirschi ist das Mädchen bei G. Lutz und M. Grausz. Foto: Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi: NL Carl Lutz/ 267.

Kindergeburtstag im Luftschutzkeller

Der Diplomat Carl Lutz rettete während des Zweiten Weltkriegs mehrere Zehntausend Juden und Jüdinnen vor dem Tod, auch die heute 82-jährige Agnes Hirschi und ihre Mutter. Vor 75 Jahren ging der Krieg zu Ende – eine Zeitzeugin erinnert sich.

Interview: Anouk Hiedl

Als Kind haben Sie den Zweiten Weltkrieg in Budapest miterlebt. Woran erinnern Sie sich?

Ich kam 1938 als Tochter jüdisch-ungarischer Eltern in London zur Welt. Das machte die Situation in Budapest nicht ungefährlicher. Der Schweizer Vizekonsul Carl Lutz vertrat in Ungarn auch die Interessen der Briten. So fragte meine Mutter im Mai 1944 bei ihm um Schutzdokumente für uns an. Carl Lutz war sehr kinderlieb, fand Gefallen an meiner Mutter und wollte mehr für uns beide tun. Er besprach sich mit seiner Frau und stellte meine Mutter als Hausdame bei ihnen an. So siedelten wir im Sommer ins riesige Gebäude der britischen Gesandtschaft über. Dort gab es für die grosse Belegschaft um die 50 Zimmer. Am Anfang war es noch friedlich, doch im November verschärfte sich die Situation, und die Bombardierungen begannen. Bei Fliegeralarm mussten wir nachts in den Keller. Frau Lutz hatte ihn mit Vorräten, Esstisch, Küche und WC eingerichtet, falls wir länger bleiben müssten. Nach Weihnachten war es soweit. Wir waren 30 Personen im Keller. Nebst dem Ehepaar Lutz und ihrem Hauspersonal waren auch Engländer da, die ihre Wohnungen verloren hatten, sechs Polizisten und zwei weitere Kinder. Als der Krieg andauerte, stiessen weitere Nachbarn dazu, um mit uns zu essen. Wir litten keinen Hunger, zuletzt assen wir einfach Suppe.

Hat ihr junges Alter die Art, wie sie den Krieg erlebt haben, mitgeprägt?

Ganz sicher. Ich bin nicht ängstlich und von Haus aus eine Optimistin. Zudem war ich sehr verspielt, und meine Mutter schützte mich gut. So erlebte ich den Krieg meist nicht als schlimm und beängstigend. Bei Carl Lutz waren wir gut abgeschirmt, und auch im Keller waren alle sehr nett zu mir. Zwei grün bezogene Samtfauteuils waren mein Bett, die anderen schliefen auf Matratzen. Mit Tomi, dem Sohn des Chauffeurs, hatte ich sogar einen Spielkameraden dort unten. Meinen siebten Geburtstag erlebte ich im Keller. Carl Lutz schenkte mir eine Büchse Nestrovit (Anm. d. Red.: weisse Vitaminschokolade), und wir tranken verdünnten Kakao – das werde ich nie vergessen! Am Anfang hatten wir noch Öllampen und Kerzen. Doch der Vorrat schwand, so dass wir schliesslich auch tagsüber im Finstern waren. Dieses Eingesperrtsein ohne Licht setzte mir dann schon zu. Und schliesslich brannte das Haus über unserem Kopf ab. Erst heute sehe ich, in welcher Gefahr wir waren und was Carl Lutz für uns getan hat. Als Kind merkte ich nicht viel davon, ich war gut beschützt und betreut und hatte Glück. Heutzutage ist der 1. August gar nicht mein Fall. Er erinnert mich immer an den Krieg und die Bombardierungen.

Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?

Es gab immer auch lebensgefährliche Situationen. Als uns die Russen nach der Schlacht um Budapest im Februar 1945 befreien kamen, waren das ungepflegte, wilde Kerle, die viele Kämpfe hinter sich hatten. Meine Mutter hatte mich unter dem Bett versteckt, wo ich keinen Mucks machen sollte. Die Russen wussten, dass hier Schweizer waren und verlangten alle Uhren. Und sie waren sehr auf Alkohol aus, sie tranken sogar Mutters Kölnischwasser aus. Einer schoss unters Bett, wo ich war. Ich hielt wie angeordnet still und kam später heil herausgekrochen. Ich habe immer wieder einen Schutzengel gehabt. Im Krieg war man immer in Lebensgefahr, das war anders als heute mit diesem Virus. In der aktuellen Ausnahmesituation erinnert mich die Ungewissheit, wie es weitergeht an den Krieg. Nach der Befreiung durften wir nach sechs Wochen endlich wieder aus dem Keller raus. Draussen fanden wir Ruinen und Trümmerhaufen, Bombenhülsen und tote Pferde. Es stank furchtbar, die Menschen waren zerlumpt. Ich trug immer einen Trainer, und wir konnten uns wegen des knappen Wassers nicht oft waschen.

Wie ging es weiter?

Es folgten harte Jahre. Ungarn musste seine guten Agrarprodukte an Russland exportieren. Innerhalb von drei Monaten holte ich mit ein paar anderen die erste Klasse nach und ging ab der zweiten Klasse normal in Budapest zur Schule. Mein Vater schlug sich alleine durch und war froh, dass wir gut versorgt waren. 1949 heirateten Carl Lutz und meine Mutter, und wir reisten mit ihm in die Schweiz.

Wie haben Sie diesen Wechsel erlebt?

Das war sehr schlimm. Meine Eltern waren im Frieden auseinandergegangen. Obwohl es harte Zeiten waren und wir wenig zu essen hatten, hatte ich meinen Vater und meine Freundinnen in Budapest. Mein Vater freute sich für mich und ermutigte mich mit dem guten Essen, der guten Luft und den Entwicklungsmöglichkeiten, die ich haben würde. Wir wohnten bis zuletzt mit meinem Vater zusammen. Nach der letzten Übernachtung in der elterlichen Wohnung fuhren wir mit dem Taxi zum Bahnhof und mussten immer wieder anhalten. Mein Vater hatte viele Menschen am Strassenrand platziert, die mir alle sagten, was für ein Glückspilz ich sei und wie gut ich es in der Schweiz haben würde. Mein Vater blieb in Ungarn, und wir korrespondierten noch zeitlebens miteinander. Der Anfang in der Schweiz war hart. In meiner neuen 5. Klasse war ich die einzige Ausländerin, und ich konnte anfangs weder Deutsch noch Französisch. Doch ich integrierte mich schnell, anders als meine Mutter, die viel mehr Mühe hatte.

Was denken Sie über die Feierlichkeiten zum 75. Jubiläum des Kriegsendes?

Ich finde es sehr wichtig, dass man sich an diese Zeit erinnert und mit diesen Anlässen Gelegenheit dazu gibt. Man darf nicht vergessen, was passiert ist und dass Millionen unschuldige Menschen gequält und umgebracht wurden. Gewalttaten liegen in der menschlichen Natur – leider. Die junge Generation muss davon wissen, damit es in Zukunft nicht wieder so schlimm kommt. Ich habe meinem Ziehvater Carl Lutz versprochen, dafür zu sorgen, dass seine Rettungsaktionen nicht in Vergessenheit geraten und dass vor allem die Jugend über die Greueltaten, die im Zweiten Weltkrieg an Juden begangen wurden, erfährt. Ich habe meine Erlebnisse 40 Jahre lang verdrängt. Die intensive Beschäftigung mit Carl Lutz hat mir geholfen, meine eigene Vergangenheit aufzuarbeiten.

Weitere Informationen

Carl Lutz Gesellschaft

«Carl Lutz – Der vergessene Held» (Dokumentarfilm, 91 Minuten)

Ausstellung über Schweizer Holocaustüberlebende



Buchtipp

Agnes Hirschi und Charlotte Schallié (Hrsg.): «Under Swiss Protection – Jewish Eyewitness Accounts from Wartime in Budapest», Ibidem Verlag, 2017, 403 Seiten, CHF 42.30.

Die deutsche Ausgabe ist voraussichtlich ab August 2020 erhältlich. «Unter Schweizer Schutz: Zeitzeugen berichten», Limmat Verlag, ca. 400 Seiten und 130 Fotos, ca. CHF 48.-.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8. Mai 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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