Offene Goldmine «Raul Rojas», Cerro de Pasco, Peru. Foto: Jonathan Chancasana / Alamy Stock Foto

Jonathan Gardy, Theologe, Pfarreiseelsorger in Ausbildung, Pfarrei Guthirt Ostermundigen. Foto: Pia Neuenschwander

Jonathan Gardy während der Predigt in der Kirche Guthirt Ostermundigen. Foto: Katharina Boerlin

Im Zeichen der Konzernverantwortungsinitiative. Kirche Guthurt Ostermundigen. Foto: zVg

Kirche, Politik, Konzernverantwortung

Am Sonntag, 4. Oktober, hielt der Theologe Jonathan Gardy in der Kirche Guthirt in Ostermundigen eine Predigt zur Konzernverantwortungsinitiative, zu «Kirche für Konzernverantwortung» und damit grundsätzlich zur Rolle der Kirche und deren Verantwortlichen in politischen Debatten und bei politischen Verlautbarungen. Wir dokumentieren hier seine Einleitungsworte und die Predigt selbst.


Ein Team der Tagesschau des Schweizer Fernsehens war am 4. Oktober vor Ort. Unter dem Titel «Konzernverantwortungsinitiative und die Kirche» wurde der Beitrag am 11. Oktober in der Tagesschau-Hauptausgabe gesendet. Zu Wort kommt auch Edith Zingg, Gemeindeleiterin von Guthirt Ostermundigen. Hier geht es direkt zum Beitrag, SRF Tagesschau, 11. Oktober

 

Von Jonathan Gardy

Liebe Schwestern und Brüder,

herzlich willkommen zu unserem Sonntagsgottesdienst. Wir haben uns versammelt, um miteinander das Brot zu brechen und auf Gottes Wort zu hören. So pflegen wir als Christ*innen unsere lebendige Beziehung zu dem, der alles gut geschaffen hat und die Welt zum Guten führen will. Die Erde soll ein friedlicher und gerechter Ort für alle Menschen sein. Um diesem Ziel näher zu kommen, zählt Gott auf uns.

Als Christ*innen beten wir nicht nur täglich «Dein Wille geschehe», sondern fragen auch konkret nach: Was ist Gottes Wunsch in dieser Situation? Diese Frage bietet sich in grossen und den kleinen Dingen des Lebens an. Sie ist für eine Christin aber auch dann geboten, wenn sie als Stimmbürgerin politisch mitbestimmt. In der Politik geht es ja, kurz gesagt, darum, die verschiedenen Interessen so auszugleichen, dass dem Wohl aller Menschen bestmöglich gedient ist. Das Gemeinwohl liegt uns als Christen am Herzen – als einzelne Gläubige, aber auch als Gemeinschaft.

Dass eine einzelne Christin politisch sein darf oder es sogar sein soll, ist unbestritten. Aber darf auch die Kirche politisch sein? Manche beantworten diese Frage allzu schnell mit Nein – ich kann es ihnen nicht verdenken. Wenn die Kirche sich früher politisch äusserte, dann tat sie das mit quasi göttlicher Autorität und mit einem absoluten Anspruch, der keinen Widerspruch zuliess. Zu Recht wurde das als Bedrohung für die freie Willensbildung und die Integrität des politischen Prozesses empfunden.

Heute liegen die Dinge aber anders. Wenn wir uns heute als Kirche zu ausgewählten Fragen äussern, dann zählt allein die Kraft des besseren Arguments. Nach innen, wenn wir uns als Kirchenmitglieder darüber verständigen, was aus christlicher Perspektive politisch besser ist – und auch nach aussen, wenn wir unseren Standpunkt wie alle anderen in den politischen Diskurs einbringen. Wir greifen dabei nur auf Argumente zurück, die auch von Nichtchristinnen nachvollzogen werden können. In der Diskussion müssen unsere Argumente dann aber auch gehört werden – der Kirche nur den Mund verbieten zu wollen, kann nicht angehen.

Als Christ*innen lassen wir uns nicht den Mund verbieten. Zu oft hat die Kirche in ihrer langen Vergangenheit geschwiegen und sich dadurch mit den Mächtigen gemein gemacht. Aber nicht immer: Christen haben auch früher schon gegen ungerechte Verhältnisse das Wort ergriffen. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel engagierten sie sich gegen Sklaverei und Kinderarbeit – obwohl die Mächtigen warnten, dass deren Abschaffung für die Wirtschaft schädlich sei.

Die Kirche darf nicht unpolitisch sein, denn das Evangelium ist in Fragen der Gerechtigkeit nicht neutral. Es ergreift Partei für die Armen und Schwachen. Darum muss die Kirche ihnen ihre Stimme geben. Sie muss sich einsetzen für eine gerechte Welt, die dem Reich Gottes ähnlicher wird.

In diesen Wochen tritt der Ernstfall des politischen Engagements der Kirche ein: Am 29. November entscheiden die Stimmbürger*innen über die Konzernverantwortungsinitiative. Wie ihr an unserem Kirchturm schon gesehen habt, bezieht unsere Pfarrei gemeinsam mit zahlreichen Bistümern, Landeskirchen und Kirchgemeinden eine klare Position zur Initiative. Ich möchte in diesem Gottesdienst gemeinsam mit ihnen und euch auf Gottes Wort hören und davon ausgehend überlegen, was aus christlicher Perspektive für oder gegen die Initiative spricht. Hier wird die Frage nach Gottes Willen konkret – eine Frage, auf die jede Stimmbürgerin bis zum 29. November eine persönlich verantwortete Antwort finden soll.

Predigt zu  Ex 22,20-26 und  Mt 5,1-12

Liebe Schwestern und Brüder,

in der peruanischen Stadt Cerro de Pasco gibt es eine riesige Mine. Hier werden Blei, Zink und Silber abgebaut – mit schlimmen Folgen für Menschen und Umwelt. Luft, Wasser und Boden sind mit Schwermetallen belastet. Die Lebenserwartung der Erwachsenen liegt fünf Jahre tiefer als in anderen peruanischen Städten. Besonders hart trifft es die Kinder: Ihre Körper nehmen besonders viel Blei auf. Die Folgen sind Blutarmut, Behinderungen und Lähmungen. In der Region leben 2000 Kinder mit chronischen Schwermetallvergiftungen. Die Kindersterblichkeit ist hoch. Die Mine produziert derweil zu den niedrigsten Kosten der Branche. Kontrolliert wird sie von Glencore. Der Konzern hat seinen Sitz in Baar, Kanton Zug.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie manche grosse Konzerne mit Sitz in der Schweiz im Ausland ihren Geschäften nachgehen: ohne Rücksicht auf Menschenrechte und Umweltstandards. Sie tun es, weil sie es können und weil das marktwirtschaftliche System es ihnen geradezu gebietet: Wer die Kosten um jeden Preis niedrig hält, kann sich auf dem Weltmarkt besser behaupten. Möglich ist das nur auf Grund fehlender Gesetze und weil die Justiz in den Produktionsländern häufig schwach aufgestellt ist.

Der Gewinn fliesst in die Taschen weniger Reicher – den Schaden tragen viele arme Menschen: Bauern, von Pestiziden vergiftet; Kinder, durch Emissionen einer Zementfabrik an Staublunge erkrankt; ganze Dörfer, deren Vieh an schwermetall-belastetem Wasser verendete. Diese Dinge geschehen in anderen Ländern täglich. Das ist unstrittig. Die Frage ist nur: Wie stehen wir dazu?

Eines ist klar: Gleichgültigkeit ist keine Option. Wer zu solchem Unrecht schweigt, stellt sich auf die Seite der Stärkeren. Er lässt die Schwachen schutzlos zurück und macht sich mitschuldig an ihrem Leid.

Als Christinnen und Christen dürfen wir nicht mit den Schultern zucken und sagen «Der Markt wird es schon regeln». Marktgläubigkeit ist kein katholisches Dogma. Auf dem freien, unregulierten Markt gilt das Recht des Stärkeren. Unsere Sache als Kirche ist es, für die Schwachen einzutreten. Wir tun das seit jeher durch die internationalen Hilfswerke Caritas, Fastenopfer und Brot für alle; wir spenden grosszügig und nicht nur zu Weihnachten ein wenig von dem vielen, das wir selbst haben. Wir sind barmherzig, wie unser himmlischer Vater es ist. Aber wollen wir nur barmherzig sein oder auch gerecht? Beschränken wir uns darauf, mit Spenden die schlimmsten Folgen ungerechter Verhältnisse zu lindern – nach Art einer Besenwagen-Barmherzigkeit, die die Scherben aufkehrt – oder bringen wir es fertig, gleichzeitig diese ungerechten Verhältnisse zu ändern?

Vergessen wir nicht, dass auch Gott barmherzig und gerecht ist! Schon das Alte Testament kennt nicht nur die Pflicht, Almosen zu geben, sondern auch eine Sozialgesetzgebung, die die strukturelle Armut lindert: zum Beispiel das vorhin gehörte Zinsverbot, einen regelmässigen Schulderlass und weiteres. Und im Neuen Testament preist Jesus Christus nicht nur die Barmherzigen selig, sondern auch die, welche «hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit»: Wer die Komfortzone der Grosszügigkeit verlässt und Gerechtigkeit fordert, der darf sich jetzt auf Erden und einst im Himmel glücklich schätzen.

Gerechtigkeitsfragen sind übrigens deshalb so unbequem, weil es darum geht, Macht abzugeben: Sollen peruanischen Minenarbeiter*innen die gleichen Menschenrechte haben wie wir? Sollen sie, die bisher Ohnmächtigen, den selben Rechtsweg beschreiten können wie wir, wenn uns hier Unrecht widerfährt? Sollen Schweizer Konzerne für ihr Handeln Rechenschaft ablegen müssen?

Die Konzernverantwortungsinitiative will Gerechtigkeit schaffen: Grosse Konzerne, die auf Kinderarbeit setzen oder Flüsse verschmutzen, sollen dafür geradestehen. Es darf nicht angehen, dass sie im Ausland tun, was ihnen hier selbstverständlich verboten wäre – darauf hat übrigens schon Papst Franziskus im Jahr 2015 mit seiner Enzyklika Laudato Sì hingewiesen.

Die Mehrheit der Unternehmen, die heute schon verantwortungsvoll handelt, ist nicht betroffen. Ihr nützt die Initiative sogar noch: Es würde nämlich keine Konkurrenzvorteile mehr geben für die Konzerne, welche skrupellos handeln. Profit soll es geben, aber nicht um jeden Preis.

Ich bin froh und dankbar, in einem der reichsten Länder der Welt zu leben. Der grosse Wohlstand wurde von vielen Menschen hart erarbeitet. Mir wird allerdings unwohl, wenn ich mir vor Augen führe, dass ein Teil dieses Wohlstands auf dem völlig inakzeptablen Wirtschaften einiger Konzerne beruht. Das muss doch nicht sein!

Ich möchte feine Schweizer Schoggi geniessen, ohne an die Kinder denken zu müssen, die auf den Plantagen in Ghana und der Côte d’Ivoire wie Sklaven gehalten werden. Auf Plantagen übrigens, die sich mehrheitlich in Naturschutzgebieten befinden.

«Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten», heisst es im Buch Exodus. Es wäre das Beste, wenn jeder einzelne und auch jedes Unternehmen diesen Grundsatz beherzigte. Wenn Menschenrechte und Umweltstandards auf freiwilliger Basis eingehalten würden. Die kirchlichen Hilfswerke haben sich dafür seit Jahrzehnten engagiert. Leider funktioniert die Freiwilligkeit nicht – auch wegen der Dynamik des Wirtschaftssystems: Solange es billiger ist, Umweltschäden und die Verletzung fundamentaler Menschenrechte in Kauf zu nehmen, werden diese weitergehen. Darum müssen wir den Menschen im Süden ein Mindestmass des Rechtsschutzes gewähren, den wir alle hier schon selbstverständlich geniessen.

Die Gegner*innen der Initiative befürchten Nachteile für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Wenn hier statt Freiwilligkeit plötzlich strengere Gesetze gälten, könnten Konzerne abwandern. Dieser Angst nachzugeben bedeutet aber, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen und die Frage nach Gerechtigkeit nicht zu stellen. Das ist unserer nicht würdig. Als Christ*innen sollten wir unsere Werte kennen und für sie einstehen: Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Unseren schönen Worten müssen Taten folgen. Die Vorbilder gibt es schon: Länder wie Kanada, Frankreich und Grossbritannien nehmen international operierende Konzerne bereits in die Verantwortung.

Das bedeutet für uns Christ*innen: Wir legen uns Rechenschaft darüber ab, welches Votum dem Evangelium mehr entspricht. Wir nehmen alle Menschen in den Blick, die von einer Annahme oder Ablehnung der Initiative betroffen wären – die Reichen und die Armen. Und wir entscheiden so, dass mehr Wirklichkeit wird, worum wir täglich beten: dass Gottes Reich komme; dass sein Wille geschehe; dass alle ihr tägliches Brot erhalten.

Amen.

 


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12. Oktober 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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