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Können Sie schweigen?

«Der Schnellere ist der Geschwindere» heisst es in einem Sprichwort. Das gilt oft auch in unserer Kommunikation und in unserem Miteinander. Wer dagegen schweigt, wird je nachdem überhört und kommt buchstäblich nicht zu Wort. Was macht das Schweigen für einen Sinn in einer Welt, die laut, schnell und komplex geworden ist?

Ein Schweigen kann Mauern zwischen Gesprächspartnern aufbauen, ein Schweigen kann verbinden, aber auch belasten. Ein Schweigen kann das Gegenüber auch zu sich selbst führen. Diese letzte Form, die im Spitalalltag eine wertvolle Perle ist, wurde sehr schön von Michael Ende in seinem Buch Momo beschrieben: «Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. (...) Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. (...) Momo konnte zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie sass nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren grossen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder das Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder das Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.»

Diese spezielle Art der Aufmerksamkeit des Zuhörens ist besonders in Krisenzeiten des Lebens wertvoll. Wenn aufgrund eines Schicksalsschlages, einer schwerwiegenden Diagnose oder in Zeiten von Krankheit Menschen meinen, ihr Leben sei bedeutungslos, sinnlos und verfehlt geworden. Wenn es dann gelingt, im Erzählen der eigenen Geschichte durch ein Gegenüber, das zuhört und Anteil nimmt, wieder den roten Faden im Leben zu finden, geschieht es wie bei einem, dem Momo ihre Geschichte erzählte: «Noch während er redete, wurde auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine Weise für die Welt wichtig war.»

Ob Sie auch so einen Menschen um sich haben, der Ihnen zuhört und Ihnen zeigt, wie einmalig Sie sind?

Isabella Skuljan

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

28. Mai 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 12
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