Preisträgerin Regina Ammicht Quinn: Theologin, Ethikerin, Professorin. Foto: zVg

Körper, Religion und Sexualität

Am 8. März wird in Luzern die deutsche Theologin Regina Ammicht Quinn mit der Medaille der Herbert-Haag-Stiftung für «Freiheit und Menschlichkeit innerhalb der Kirche» ausgezeichnet. Sie hat sich die Fragen rund um Körper, Religion und Sexualität zu ihrem Forschungsschwerpunkt gemacht und teuer dafür bezahlen müssen.


Papst Franziskus bittet im Vorfeld der Bischofssynode auch dieses Jahr wieder zum Gespräch. Haben sich noch vor einem Jahr über 24 000 Frauen und Männer an der Online- Umfrage der Schweizer Bischöfe zu Ehe, Familie und Sexualität beteiligt, so wollen die Synodengespräche dieses Mal nicht so richtig in Gang kommen. Das von der Bischofskonferenz initiierte Dossier überzeugt nicht. Auch in aufbereiteter Form sind die Synodentexte wenig einladend, die Sprache idealisierend bis überheblich, der zeitliche Rahmen eng. Dass der zwischenzeitliche Elan wieder verflogen ist, liegt aber auch daran, dass die Lebenswirklichkeit der Menschen und die konkreten Herausforderungen des Zusammenlebens im Vorbereitungsdokument nicht wirklich in den Blick kommen. Und selbstverständlich krankt der Synodenprozess auch am strukturellen kirchlichen Ausschluss der Frauen. Frauen waren in der Vergangenheit in besonderer Weise Adressatinnen der kirchlichen Moral, hatten aber keine Möglichkeit, die Lehre über Ehe und Familie mitzugestalten. Auch an der Bischofssynode 2015 wird keine Frau stimmberechtigt beteiligt sein.

Ein Preis für die Freiheit
Am 8. März zeichnet die Herbert-Haag-Stiftung «Für Freiheit in der Kirche» in Luzern eine Theologin aus, die sich mehrfach zur Sexualmoral äusserte, die Fragen rund um Körper, Religion und Sexualität zu ihrem Forschungsschwerpunkt machte – und teuer dafür bezahlen musste. Regina Ammicht Quinn war zweimal für eine theologische Professur nominiert, beide Male verweigerte die Amtskirche die Lehrerlaubnis, das «Nihil obstat» («es steht nichts dagegen»). Was ihrer Berufung an eine theologische Fakultät entgegenstand, hat sie nie erfahren. Die Tagung «Let’s think about sex», an der sie 2011 mitbeteiligt war, wurde von ihrem Bischof abgesagt. Eine Absage, die sie als ausgesprochen bitter empfand: «Der Grund dafür, eine solche Tagung zu planen, waren ja die Fälle sexueller Gewalt, die in der Kirche passiert sind, und die lange ein verborgenes Wissen waren, das jetzt im Lauf des letzten Jahres an die Öffentlichkeit gelangt ist, ein verborgenes und verschwiegenes Wissen von sexueller Gewalt im kirchlichen Kontext, und mit dem Verbot dieser Tagung setzt sich für mich auf einer anderen Ebene dieses Verschweigen fort.»
Wie so viele Theologinnen musste sich Ammicht Quinn neue Arbeitsfelder erschliessen. Heute lehrt sie am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften in Tübingen. Die 57-Jährige war Staatsrätin für interkulturellen Dialog und Werteentwicklung in der Landesregierung von Baden-Württemberg. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Neue Körperfeindlichkeit
Die Preisverleihung erinnert daran, dass es nicht bloss um praktische, sondern auch um theologische Fragen geht. Ammicht Quinn weist auf die Tatsache hin, dass wir in den Evangelien keine Aussage finden zu den Fragen, die kirchlich so beschäftigen. Es gibt allein das Verbot der Ehescheidung, das aber sehr viel mehr ein soziales denn ein sexuelles Verbot sei. Die Abwertung des Körperlichen prägte das Christentum seit dem 3. Jahrhundert und ist, so Ammicht Quinn, weiterhin wirksam. Diese Aussage mag überraschen, stellt unsere Zeit den Körper doch in nie dagewesener Weise in den Mittelpunkt. Geändert hätten sich nur die Vorzeichen: Suchte man früher in der Vernachlässigung des Körpers das Heil, so heute in der Perfektionierung. Jung, schön und fit ist die Norm. Der ständige Versuch, den Körper zu verbessern, schlägt jedoch um in Körperhass, da der Körper in seiner Begrenztheit die erhofften Standards nicht erreichen wird. Der Körper wird zum Handicap – und gehörte eigentlich abgeschafft.

Und die Moral?
Haben Moral und Ethik im Kontext von Konsum, Leistung und Spass noch irgendwelche Möglichkeiten? Oder führte die Befreiung der Sexualität von einer repressiven Kontrollmoral notwendigerweise in eine moralfreie Zone? Ammicht Quinn plädiert dafür, Moral wieder vermehrt zu thematisieren, ohne aber ein komplettes Regelsystem zu entwerfen. Vielmehr gehe es darum, Haltungen zu stärken und Modelle gelingenden Lebens aufzuzeigen. Sollenssätze, so Ammicht Quinn, gebe es nur zwei: Verbot der Gewalt und Achtung der Personenwürde. Innerhalb dieser Pflöcke spannt sich die weite Frage nach einem guten körperlichen Leben auf. Mit seiner Vielfalt an Traditionen kann das Christentum einiges dazu beitragen.

Fruchtbarkeit
Das kirchliche Reden würde so bescheidener und intensiver. Fruchtbarkeit beispielsweise nicht mehr als Sollen, Müssen, Dürfen, sondern als eine Möglichkeit gelingenden Lebens, im eigentlichen Sinn und Glück eines Lebens mit Kindern, aber auch im übertragenen Sinn. Eine Liebesbeziehung ist dort fruchtbar, wo sie die Menschen nicht abschottet gegen die Welt. Ein Ansatz, der gleichgeschlechtliche Liebe ebenso einschliesst wie verschiedene Lebensphasen. Als Replik auf den Papst, der in seiner Rede in Strassburg Europa mit einer unfruchtbaren Grossmutter vergleicht, ist noch anzufügen: war es nicht die Liebe und Kraft der Mütter und Grossmütter, die Europa aus Schutt und Asche wieder aufbaute? Und auch heute sind Grossmütter weit entfernt, nicht mehr fruchtbar und lebendig zu sein!

Angela Büchel Sladkovic


Hinweis: Preisverleihung am Sonntag, 8. März, 16.00 bis 18.30, Hotel Schweizerhof Luzern. www.herberthaag-stiftung.ch

25. Februar 2015