Sinnbildlicher Niesen. Foto: Pia Neuenschwander

Kraft-Ort

Mächtig erhebt sich der Niesen, er scheint geradewegs aus dem Thunersee zu wachsen. Ich wandere einen meiner Lieblingswege: von Thun nach Interlaken. Die schöne Seepromenade lädt zum Verweilen ein, doch ich habe noch ein gutes Stück Weg vor mir. Aufstieg zum Panoramaweg, weiter durch schöne Villenquartiere, später eintauchen in geheimnisvolle Wälder und Schluchten.

Meine Gedanken machen einen Zeitsprung. Schon seit Urzeiten sind Menschen diesen Weg gegangen. Rund um den Thunersee finden sich prähistorische Funde. Die Kelten, Germanen und Römer haben ihre Spuren hinterlassen. Hier befinden sich die ersten frühchristlichen Zeugnisse der Schweiz. Die berühmten Thunersee-Kirchen waren bis zur Reformation bedeutende Wallfahrtsorte.

Der Jakobsweg führt geradewegs an den St. Beatus-Höhlen vorbei. Der Heilige Beatus soll im frühen 2. Jahrhundert in dieser Höhle seine Einsiedelei errichtet und dann von hier aus den christlichen Glauben verbreitet haben. Oder kam er doch eher erst im 6. Jahrhundert als Gefährte des irischen Abtes Columban in diese Gegend? Der Urvater des Mönchtums nördlich der Alpen setzte im Jahr 591 mit einem Dutzend Gefährten von Irland nach der Bretagne über. Mit grossem Eifer und einiger Radikalität verkündete er den christlichen Glauben in Frankreich, am Bodensee bis nach Norditalien. Gut möglich, dass der namentlich nicht erwähnte Beatus auch zu dieser Gruppe Wandermönche gehörte und es ihm am Thunersee so gut gefiel, dass er grad da blieb …

Was für eine geballte Symbolik befindet sich doch an diesem Ort! Da ist zum Ersten die Höhle: Sinnbild für die Geborgenheit im Mutterschoss, Sinnbild auch für das Himmelsgewölbe. Da ist zum Zweiten der Niesen: Der Fels ist Sinnbild der Unsterblichkeit, das Dreieck des Niesen erinnert an die Dreifaltigkeit, das Göttliche. Da ist zum Dritten der See: Wasser als Ursymbol des Lebens. Diese Gegend ist bis heute Anziehungspunkt für Einheimische wie Touristen aus aller Welt. Ein Kraft-Ort durch alle Welt-Zeiten.

 

 

 

Ariane Piller
… ist Pianistin, Organistin, Kantorin, Chorleiterin und Musiklehrerin in und um Bern. Auftritte führen sie quer durch Europa.
Illustration: schlorian

 

 

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

24. Juli 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 16
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