Krone der Hildegard von Bingen: Mit Goldfäden gesticktes Medaillon auf der Stirnseite, Lamm Gottes mit Kreuzstab. Foto: Christoph von Viràg, Abegg-Stiftung

Bortenkrone mit gestickten Medaillons und neuzeitlich ergänzter stützender Haube aus blauem Samt. Verschiedene Seidengewebe, Goldborten Stickerei mit Gold-, Silber- und Seidenfäden, 1170er Jahre. Foto: Christoph von Viràg, Abegg-Stiftung

Krönende Sensation

Die Abegg-Stiftung Riggisberg hat in ihrer imposanten Sammlung an historischen Textilien eine ganz besondere Kopfbedeckung entdeckt: die Nonnenkrone der Hildegard von Bingen.

Von Christina Burghagen


Vor mehr als zwanzig Jahren erwarb ein amerikanischer Privatsammler bei einer Versteigerung im französischen Neuilly eine mittelalterliche Kopfbedeckung. Worum es sich bei der Kappe allerdings handelte, wusste niemand so genau. Es wurde als Käppi eines Papstes oder Bischofs angesehen. Die Fachleute der Abegg-Stiftung in Riggisberg folgten einer Intuition, denn sie liessen nicht locker und konnten die Kappe im Jahr 2000 für die eigene Sammlung im renommierten Museum und textilwissenschaftlichen Institut erwerben.

Doch konnte vorderhand weder Fundort noch Bestimmung der Kopfbedeckung ausgemacht werden. Zwischen den Jahren 2007 bis 2019 kamen die Spezialistinnen in Riggisberg zu einer sich festigenden These, die sie in grosses Staunen versetzte: Das Käppchen ist eine Nonnenkrone, wie sie in den Aufzeichnungen der Äbtissin Hildegard von Bingen vorkommt.

Jetzt verdeutlicht die Abegg-Stiftung in ihrer kürzlich erschienenen Monografie mit Analysen zahlreicher Schrift- und Textilquellen, dass es sich um die Krone der Hildegard von Bingen handelt. Sie ist somit die einzige bekannte Nonnenkrone aus dem Mittelalter. Vor rund 850 Jahren entstanden, kamen nach dem Tod Hildegards 1179 ihre Krone, ihr Schleier und ihre Haarreliquien in die Benediktinerabtei St. Matthias in Trier. Nach der Auflösung der Abtei im Jahr 1802 ist der weitere Verbleib zunächst unbekannt, dann gelangten die Gegenstände in den Besitz einer französischen Adelsfamilie in der Region Avignon.

Doch warum trug die Benediktinerin Hildegard eine Krone? Dieser Frage gingen Evelin Wetter und Philippe Cordez nach. Mit Zitaten aus Hildegards Werken und Briefen können sie in ihrer Monografie zeigen, dass die Äbtissin den Entwurf einer Krone für die Frauen des von ihr gegründeten Klosters Rupertsberg selbst angefertigt hatte.

Ihre Nonnen wurden bei der Jungfrauenweihe gekrönt, als Zeichen ihrer Vermählung mit Christus. Das galt als Novum, das zu jener Zeit für Aufsehen sorgte. So wurde Hildegard von der Klostervorsteherin Tengswich von Andernach in einem Brief wegen der «golddurchwirkten Kränze» zur Rede gestellt. Hildegards Antwort ist ebenso erhalten wie weitere Briefe, in denen der Benediktinermönch Wibert von Gembloux wiederholt den Grund für die Krone wissen wollte.

Der Autor und die Autorin der Monografie sind davon überzeugt, dass die Krone für Hildegard nicht nur schmücken sollte. Hildegard akzeptierte nicht, das äussere Zeichen des kirchlichen Ranges nur den Männern vorbehalten sein sollten. Die weissen Schleier und die textile Krone sehen Wetter und Cordez als «weibliche Entsprechung zu den männlichen Insignien» und nehmen Bezug auf die kirchenrechtlichen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts.

Die Textstellen in Hildegards Werken über die Kopfbedeckung der Nonnen sind in Fachkreisen bekannt. Doch die Nonnenkrone ist dank der Forschung der Abegg-Stiftung ein atemberaubender Beweis, dass diese Kopfbedeckung nicht nur ein Wunschbild blieb.

 

Monografie und Hildegard-Führung
Die neue Monografie der Abegg-Stiftung «Die Krone der Hildegard von Bingen» von Evelin Wetter und Philippe Cordez erzählt die aufregende Geschichte der Nonnenkrone. Die einzigartige Kopfbedeckung ist in Riggisberg ausgestellt. Das Museum ist bis 8. November 2020 täglich von 14.00 bis 17.30 geöffnet. Am Mittwoch, 5. August, 16.00, gibt es eine Themenführung mit Evelin Wetter zur Krone der Hildegard von Bingen. Anmeldung empfohlen: www.abegg-stiftung.ch

 

 

7. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 15
  • Pfarrblatt / Angelus