Doris Wagner

Kundgebung im Zeichen gegen Missbrauch

Ein Aktionsbündnis aus Theolog*innen hat am 29. Juni mit einer Kundgebung in Bern vom Vatikan Massnahmen gegen Missbrauch und Reformen gefordert. Auch die deutsche Theologin Doris Reisinger, geborene Wagner, sprach vor den etwa 150 Menschen. Diese waren aus der ganzen Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland angereist.

Von Andreas Krummenacher

Viele Teilnehmer*innen der Kundgebung brachten einen Besen mit, um symbolisch die alten, überkommenen Verhältnisse in der Kirche im Umgang mit Missbrauch wegzuwischen. Das System im Umgang mit Missbrauch, ja die Kirche selbst müsse sich ändern: Das Amtsverständnis, die Rolle der Frau, der hierarchische Aufbau.

An der Kundgebung forderten die Teilnehmer*innen, dass das kirchliche Strafrecht ergänzt werde: Jede sexuelle Ausbeutung soll unter Strafe gestellt und konsequent geahndet werden, nicht nur diejenige von Kindern. Opfer sollen Akteneinsicht erhalten, und es sollen unabhängige Beratungsstellen geschaffen werden. Mitte August will das Bündnis dem apostolischen Nuntius in der Schweiz diese Forderungen übergeben, zusammen mit einer Petition.

Die Kundgebung organisiert hatte das Aktionsbündnis «Zeichen gegen Missbrauch», das nach eigenen Angaben aus Theologinnen und Theologen aus dem Kanton Zürich besteht. Die Veranstaltung fand auf dem Helvetiaplatz in Bern statt, weil die Botschaft des Vatikan in der Schweiz nur unweit davon entfernt liegt.

Hauptrednerin an der Kundgebung war die Autorin Doris Wagner. Die 36-jährige Theologin und Philosophin war sieben Jahre lang Teil der Gemeinschaft «Das Werk». Sie wurde von einem Priester vergewaltigt, belästigt und erfuhr «spirituellen Missbrauch». Vor elf Jahren schaffte sie den Absprung.

Wir publizieren hier die Rede von Doris Wagner, die sie am 29. Juni auf dem Helvetiaplatz in Bern gehalten hat, ungekürzt ab:

«Das Grausamste am Missbrauch ist die Ohnmacht und die Einsamkeit. Täter haben leichtes Spiel, wenn ihre Opfer wehrlos sind. Durch die Tat machen sie sie noch wehrloser. Durch die Tat vermittelt der Täter seinem Opfer: Du zählst hier nicht, niemand kann dir jetzt helfen, niemand wird dir glauben, ich kann mit dir machen, was ich will, du bist ganz allein. Gottverlassen, mutterseelenallein.

Das ist es, was Opfer fühlen, das ist es, was viele von uns so lange – viel zu lange – nicht nur geglaubt, sondern auch erlebt haben, dass wir tatsächlich alleine waren. In unseren Familien, unseren Gemeinschaften, in der Kirche und in der Öffentlichkeit. Diese Einsamkeit der Opfer, hat es den Tätern, den Vertuschern und den Wegguckern so leicht gemacht.

 Sie hatten es so unglaublich leicht uns zum Schweigen zu bringen, obwohl wir so viele sind. Wir Menschen, die unter Machtmissbrauch in der Kirche leiden, deren psychische und physische Integrität verletzt worden ist, deren Freiheit und Würde missachtet wird. Menschen, die sexualisierte Gewalt durch Priester, Diakone, Ordensschwestern und andere kirchliche Bedienstete erlebt haben.

Junge Menschen, die ihr Leben begeistert in den Dienst der Kirche gestellt haben und die dann sexuelle Übergriffe, psychische Gewalt und geistlichen Missbrauch erleben mussten.

 Theologinnen und Theologen, die mit Verfahren und Strafmassnahmen überzogen wurden, weil sie es gewagt haben, im Geist der Wissenschaftsfreiheit theologisch zu arbeiten.

 Whistleblower, die unter Druck gesetzt und verleumdet worden sind. Menschen, denen ihre Arbeit, ihr Amt oder sogar ihre Kirchenzugehörigkeit genommen wurde, einfach, weil sie sich verliebt haben. Wir sehen uns kirchlichen Verantwortungsträgern gegenüber, die auf eine Art Macht über Menschen in dieser Kirche ausüben, die Ähnlichkeiten mit einem totalitären Regime hat. Denn unsere Möglichkeiten, uns auf formalem Weg zu wehren, gehen gegen Null.

Es gibt kein Parlament in dieser Kirche, es gibt keine offenen Debatten und keine wirklich freie, theologische Forschung. Es gibt keine transparenten Verfahren und Gesetzgebungsprozesse. Es gibt keine unabhängigen Kirchenrichter oder Kirchenanwälte. Es gib keine Untersuchungsausschüsse, es gibt keine Kontrollinstanzen und keine Amtsenthebungsverfahren in dieser Kirche.

Noch nicht! Aber das nehmen wir nicht mehr hin. Darum sind wir heute hier. Wir wollen ein Zeichen gegen Missbrauch setzen, wir wollen deutlich machen:

Dass wir nicht einverstanden sind damit, wie von offizieller Seite in der Kirche mit Tätern, mit Vertuschern und mit Betroffenen umgegangen wird.

Dass Verfahren weiterhin im Dunkeln stattfinden unter Geheimhaltungspflichten, ohne Akteneinsicht der Betroffenen oder der Öffentlichkeit.

Dass Gesetze und Massnahmen in der Kirche zum Umgang mit Missbrauch in kleinen, anonymen kirchlichen Hinterzimmern verhandelt und von oben herab verkündet werden, ohne dass innerkirchliche Debatten und Erkenntnisse von unabhängigen Fachleuten Berücksichtigung finden.

Dass die Mehrzahl der Beschuldigten ihre Schuld nicht eingesteht.

Dass Bischöfe, Ordensobere und ihre Helfer, die über Jahrzehnte systematisch vertuscht haben, sich dafür vor keinem Kirchengericht verantworten müssen und weiter regieren, als hätten sie sich nichts zu Schulden kommen lassen.

 Es ist Wut, die uns treibt, aber es ist noch viel mehr. Es ist – und das traue ich mich zu sagen – Liebeskummer. Es ist Liebe, die uns hierherführt, denn wir lieben unseren Glauben. Wir lieben unsere Kirche, sonst wären wir heute nicht hier. Wir sind hier, weil wir die Kirche so lange geliebt haben und weil wir in dieser Kirche zu Hause sind und weiter in ihr zu Hause bleiben wollen.

Gerade deswegen ertragen wir es nicht mehr, was wir nunmehr über Jahre schmerzlich erleben müssen, dass unsere Kirche – anders als wir lange gedacht haben – eben kein gutes Zuhause ist. Dass die Kirche ein Haus ist, indem das Recht des Stärkeren regiert. In dem einige Wenige sich über viele andere hinwegsetzen. In dem Kinder, junge Frauen und Männer sexuell missbraucht werden und in dem die, welche den Mund aufmachen, geschlagen oder vor die Tür gesetzt werden.

 Das machen wir nicht mehr mit, gerade weil wir unsere Kirche lieben. Und: weil wir am Kern der christlichen Botschaft festhalten. Deswegen sind wir heute hier. Wir wollen, dass die Kirche ein gutes Zuhause ist, ein Ort, an dem auch die Verletzlichsten unter uns sicher und geborgen sind. Wo jeder und jede mit den eigenen Erfahrungen und Bedürfnissen gesehen wird und sich ausdrücken kann.

Ein Ort, an dem Menschen in Leitungspositionen nicht nur Macht haben, sondern auch Verantwortung übernehmen. Verantwortung übernehmen, in dem sie auf die Menschen, für die sie da sind, hören, ihnen Raum geben, sie schützen und fördern.

Ein Ort, an dem jede und jeder willkommen ist. Und ein Ort, an dem Gerechtigkeit herrscht und Gewalttätern keinen Spielraum gegeben wird. Auch wenn wir formal wenig Macht haben, heute wissen wir, wir sind längst nicht mehr ohnmächtig, wir sind nicht mehr wehrlos, denn wir sind viele. Wir haben die besseren Argumente. Vor allem aber geht es uns um etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt:

Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit. Es geht um eine Kirche, welche die Botschaft Jesu ernst nimmt. Ich masse mir gar nicht an, ganz genau zu wissen, was die Botschaft Jesu ist. Aber mit aller gebotenen Vorsicht lässt sich doch eines sagen: Andere zu dominieren, zu marginalisieren und zum Schweigen zu bringen, ist niemals mit der Botschaft Jesu vereinbar. Niemals!

Die Botschaft Jesu ist in ihrem Kern immer, die Befreiung der Unterdrückten, die Heilung der Verwundeten und die Zugehörigkeit der Ausgeschlossenen. Deshalb schauen wir uns heute in die Augen und wissen: Wir alle, die in dieser Kirche gelitten haben und noch leiden, wir sind nicht allein. Das heisst auch, wir sind nicht mehr wehrlos, denn wir sind viele.

Wir sind Teil einer weltweiten Bewegung, auch wenn wir heute in Bern eine überschaubare Gruppe sind. Weltweit stehen mit uns Katholikinnen und Katholiken in allen Ländern dieser Erde auf. In allen Ortskirchen von Südamerika über Afrika, Europa bis nach Ostasien erheben Menschen ihre Stimme. Betroffene verbünden sich, Fachleute stehen ihnen zu Seite, Ärzte du Psychologinnen, Juristen, Theologinnen und Politiker. Und mutige Priester und Bischöfe.

 Wir wissen, wir alle kämpfen gemeinsam für etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Für eine gerechte, eine menschliche und eine liebenswerte Kirche. Wir sind heute hier, nicht nur, weil sich etwas verändern muss, sondern, weil sich schon etwas verändert hat: Menschen schauen nicht länger weg, Opfer sind nicht länger allein, sondern viele Menschen stehen auf, entschlossen sich eine menschliche Kirche zu erringen.

 Ich glaube, dass sich die Kraft dieser Bewegung nicht aufhalten lassen wird. Was uns bewegt ist die Liebe zur Kirche. Nicht zur Kirche als einer abstrakten Kategorie, sondern es ist die Liebe zu den Menschen in dieser Kirche, zu Menschen mit einem Namen und einem Gesicht. Darum gibt es nichts, was uns zurückhalten kann, denn Menschlichkeit ist keine Ansichtssache und wer liebt, braucht keine Angst zu haben.» 

 

 

29. Juni 2019
erstellt von «pfarrblatt» online
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