«Die Installation in der Velostation stellt eine Kreuzigungsszene dar», sagt der Künstler Philipp Zürcher. Fotos: Vera Rüttimann

Und zwischen den Velos ein Skelett mit Gitarre

Mit «kunstkreuztweg» führt ein besonderer Kreuzweg durch Bern. Wegen der Corona-Pandemie führt er dieses Jahr per App mitten durch den öffentlichen Raum.

Von Vera Rüttimann

In der Velostation Milchgässli beim Bahnhof Bern steht ein Skelett. Es ist mannshoch und blickt die Passanten aus nackten Augenhöhlen an. Eine unerwartete, irritierende Begegnung. Die Station XII heisst «Sterben». Die Besucher, die hier bewusst Halt machen, nehmen Teil am «Kunstkreuzweg», einer Veranstaltung der Offenen Kirche Bern, die jedes Jahr zur Passionszeit stattfindet. Via App sind sie hierher gelotst worden und erfahren über einen QR-Code auf einem Plakat mehr über Text, Musik und Video zum Werk.

Skelett in der Velostation

Philipp Zürcher ist einer der Berner Kunstschaffenden, der bei der Gestaltung der 14 Stationen beteiligt ist. «Die Installation in der Velostation stellt eine Kreuzigungsszene dar», erklärt der Musiker. Das Skelett schultert Philipp Zürchers E-Gitarre. «Eine Reminiszenz an Jimmy Hendrix, der beim Gitarrenspiel hinter seinem Rücken wie ein Gekreuzigter aussah.»

Der Musiker arbeitet gerne mit Symbolen. «Ihre Sprache ist universal. Jeder Mensch deutet sie aber durch die eigene Auseinandersetzung mit ihnen anders», sagt er. Die Regenbogenfarben beispielsweise, die das Skelett in einer Art Dornenkrone über dem Schädel trägt, sei auf den Fahnen von ganz unterschiedlichen Gruppierungen zu finden.

Mit seiner Installation verarbeitet Philipp Zürcher auch den Tod seines Vaters. Dieser habe einmal gesagt: «Sterben ist der persönliche Weltuntergang eines Menschen.» Da habe Philipp in Passionsgeschichte und Johannes-Offenbarung nach Parallelen gesucht. Der Todesschrei des Messias und die Posaunen der Engel. Oder: Der zerreissende Vorhang im Tempel und die Enthüllungen der Apokalypse. Der Besucher kann sich durch einen QR-Code die Soundcollagen «Ist es die Angst» anhören. Darin ist unter anderem ein Gloria, gesungen von einem elektronisch mutierten Knabenchor, zu hören.

«Was bleibt übrig?»

An der Monbijoustrasse 27 befindet sich die Station IX. Der Künstler Alex Güdel hat sie gestaltet. Er steht vor einem Schaufenster, in dem das Porträt seines Vaters hängt. Gemalt hat er es nach einem Foto aus den 60er Jahren. Da war sein Vater um die 30 Jahre alt. Die Station auf dem Kreuzweg heisst «Zum Dritten Mal fallen».

Dieser Titel passt auch zum Leben seines Vaters, eines ehemaligen Lehrers. «In seinem Leben konnte er sich von vielen Zwängen nicht befreien», erzählt Alex Güdel. Unter dem Bild steht der Satz: «Was übrigbleibt». Dieser bezieht sich auf die Räumung des Hauses seines Vaters, der ein grosser Sammler war. In zwei Fotorahmen, die im Schaufenster hängen, sind Bilder zu sehen die vor und nach seinem Tod entstanden sind.

Als sein Vater nicht mehr da war, habe er sich gefragt: Was hat das alle jetzt noch für einen Wert? Was bleibt übrig am Ende des Lebens? Mit der Gestaltung dieser Kreuzwegstation verarbeitet Alex Güdel diese Fragen. Er resümiert: «Es bleibt nichts übrig. Ich kann nur versuchen, so bewusst wie möglich durch das Leben zu gehen.» Er sei weniger verhaftet im Materiellen als sein Vater. Sich frei machen von Zwängen, klar und unbefangen zu sein – das ist dem Berner Künstler wichtig.

Schweigen im Florapark

Im Florapark befindet sich die Station VIII. Sie heisst «Weinen». Vor dem kleinen Pavillon steht Araxi Kurnusian. Die freischaffende Musikerin hält eine Duduk, eine armenische Hirtenflöte in der Hand. Sie stammt aus dem Kaukasus und klingt für die Bernerin wie eine weinende Person.
Immer wieder spielt sie auf dieser Flöte das armenische Lied «Le Le Yaman». Ein Klagelied, das durch den Musiker Vardapet Komitas aufgeschrieben. Oft werde es, so Araxi Kurnusian, als Hymne beim Gedenktag für den Genozid gespielt.

Die Frau mit den wachen Augen sagt: «Ich finde dieses Klagelied passend zur Station ‹Weinen›.» Mit diesem Gefühl verbindet die Pfarrerstochter vieles in dieser Pandemie-geplagten Zeit. Sie spricht von der Arbeit der Künstler*innen, die nicht «systemrelevant» sei. Von der Einsamkeit vieler Menschen und der immer weiter auseinanderklaffenden Einkommensschere. «Drängende Probleme werden durch die Covid-19-Krise noch sichtbarer», beobachtet die Musikerin.

Der Untertitel ihrer Station heisst denn auch: «Und Jesus schwieg». Er passt für sie in diese Zeit. «Viele wissen doch, wie es eigentlich steht um diese Gesellschaft. Aber alle Probleme werden mit vielen Worte überspielt», sagt sie. Araxi Kurnusian glaubt: «Manchmal kommt man im Schweigen und in der Stille der Wahrheit näher, als im Lärm der Worte.»

 

Hinweis
«kunst kreuzt weg» findet vom 7. März bis am 3. April in der Stadt Bern statt.
Der andere Kreuzweg führt via App durch den öffentlichen Raum. Er beginnt und endet in der Heiliggeistkirche. Alle Stationen, Künstler*innen und Informationen finden Sie HIER.

 

 

 

Der Berner Künstler Diego Sanchez Vila in der Heiliggeistkirche in Bern. 

 

 

 

 

 

 

 

Jürg Curschellas vor der Station «Gefoltert» auf dem Bahnhofsplatz in Bern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Station V «mittragen». Clemens Wild vom Atelier Rohling hat Sans Papiers und Care-Arbeiter*in

29. März 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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