«Pfingsten hat zu tun mit Erwachsenwerden, mit Selbstbewusstwerden, Selbstständigwerden, einen eigenen Stand im Leben zu finden.» Christine Vollmer. Foto: Pia Neuenschwander

Lebensenergie und Mündigkeit

Warum ist Pfingsten so schwer zu verstehen? Seit letztem September leitet die Theologin Christine Vollmer die Pfarreien St. Josef, Köniz, und St. Michael, Wabern. Sie nähert sich in unserem «pfarrblatt»- Gespräch dem Pfingstgeist an.

«pfarrblatt»: Warum ist Pfingsten das wohl unbekannteste Fest im Kirchenjahr?
Christine Vollmer: Pfingsten ist wahrscheinlich deshalb schwierig zu verstehen, weil es nicht zu greifen ist. Weihnachten hat mit dem neugeborenen Kind zu tun. Ostern mit Abendmahl und Karfreitag hat mit dem konkreten Menschen Jesus zu tun, der seinen Weg gegangen ist ...

... und hat auch etwas Körperliches mit Blut und Schmerzen und Verrat.
Genau. Aber Pfingsten fängt mit Ostern an. Mit den Auferstehungserzählungen. Da gab es die ersten Menschen, die nahe mit Jesus gelebt haben und ihn jetzt in einer anderen Form erlebten. Da ist ein Funke aufgegangen, etwas eingefahren, das die Christusbewegung erst ins Rollen gebracht hat.

Kann man verkürzt sagen, die Zurückgebliebenen nach dem Tod Jesu machen in seinem Geist weiter?
In der Ostererzählung waren es Einzelne, die in seinem Geist weitermachen wollten, in den Pfingsterzählungen waren es dann Gemeinschaften, die den Geist Jesu aufnahmen und weiterentwickelten. An Pfingsten geht es nicht mehr um einzelne Funken, sondern um ein Feuerwerk, das eine Gemeinschaft in Bewegung versetzt. Seither gehört zur Nachfolge Jesu, sprich: in seinem Geist weitermachen, auch das Gemeinschaftliche.

Liegt Pfingsten ein jüdisches Fest zugrunde?
Ja. Das christliche Pfingstereignis fand am jüdischen Fest Schawuot statt. Dieses Fest feiert die Offenbarung der Tora an das Volk Israel. Schawuot bedeutet «Wochen» und weist damit auf die mit dem fünfzigsten Tag vollendeten sieben Wochen nach dem Pessachfest, unsere Ostern, hin. Wie kann man das nun auf Pfingsten übertragen? Etwa so: Pfingsten gilt als die Geburtsstunde der Kirche, der kirchlichen Gemeinschaft. Weil die frohe Botschaft Jesu ab da «offenbar» wurde, also offen verkündet wurde.

Jesus war Jude und wollte doch keine Kirche gründen. Ist das nicht ein Verrat, wollte er nicht bloss das Judentum reformieren?
Ich denke, dass das kein Verrat ist, weil die ersten Gemeinschaften ebenfalls nicht eine Kirche gründen wollten. Sie wollten die Botschaft Jesu weiterleben lassen, und dass daraus dann Kirche wurde, ist eine weitere, eigene Stufe der Kirchengeschichte. Das Herz dieser neuen Gemeinschaft wurde das Evangelium mit dem Alten Testament, der Tora, zusammen.

Könnte man auch sagen, dass Pfingsten die Auferstehung fassbarer machen will?
Das Fest Pfingsten ist auch deshalb so schwierig zu begreifen, weil es um den Teil geht, der materiell nicht fassbar ist. Und doch lebt jeder Mensch daraus, aus dem Zwischenmenschlichen. Wir sagen ja auch, ein Verstorbener lebt in unseren Herzen, in der Erinnerung weiter. Aber auch im aktuellen Leben ist es doch so, dass Menschen aus einer Verzweiflung einen Weg finden, aus Verstrickung und Schuld Befreiung erfahren, aus einem Scheitern heraus neue Wege finden. Das alles sind Pfingstereignisse, die über die seelische Not und den physischen Tod hinausgehen. Wir leben aus diesen Impulsen. Der Pfingstgeist lässt uns aufstehen, wenn wir nicht weiterwissen. Er lässt uns neues Entdecken und wagen. Es geht eigentlich um die Lebensenergie in uns.

An Weihnachten sind es die Kerzen, an Ostern die Eier. Welches Symbol gehört zu Pfingsten?
Die Feuerflamme. Natürlich kommt einem die Taube in den Sinn, als Symbol des Heiligen Geistes. Sie verbindet Pfingsten mit der Geschichte Noah. Die Taube bringt da den Olivenzweig als Zeichen, dass wieder Land und Leben in Sicht sind, nach der Sintflut. Sie bringt Frieden. Aber dieses Symbol kommt von aussen. Ich setze lieber auf die Feuerflamme. Sie ist ein Symbol der Lebensenergie in uns, von Verwandlung, von Neuwerden. Es ist das Symbol des Lebensfunkens in uns, der etwas Neues möglich macht. Auch hat es mit dem Zwischenmenschlichen zu tun: Der Funke springt über, sagen wir doch, wenn wir uns sympathisch sind oder gemeinsam für etwas begeistern lassen.

Feiern wir also Pfingsten, um uns dieser Lebensenergie in uns bewusst zu werden?
Auch. Es hilft uns, in uns die Lebensenergie zu entdecken, aufzutun und in einer Gemeinschaft zu leben. Das Göttliche kommt nicht mehr von oben herab, sondern lebt jetzt im Menschen, setzt von innen heraus Kräfte frei.

In bildlichen Darstellungen von Pfingsten fallen die Flammen allerdings auch von oben auf die Jüngerinnen und Jünger herunter.
Ja, die Kraft wird uns geschenkt, sie übersteigt unser menschliches Dasein, aber sie bewegt uns dann von innen, begeistert uns von innen heraus. Die Jünger und Jüngerinnen wagen sich darauf hinaus, mitten in die Stadt. Der Ausdruck «mein Herz brennt für Dich» drückt das doch gut aus.

Die Pfingstberichte erzählen zudem, dass alle in ihren jeweiligen Sprachen gesprochen haben und doch von allen verstanden wurden. Wie kann man das verstehen?
Mir ist neulich ein Text nahegegangen – das Damaskus-Erlebnis von Paulus, der da vom Saulus zum Paulus wird. Heute herrscht in Damaskus ein schrecklicher Krieg. Damals hat Saulus die Judenchristen verfolgt und sie getötet. Und dann hört doch Saulus den Ruf: «Saulus, warum verfolgst du mich?» Dem fährt das so extrem ein, dass es ihn vom Sattel haut. In dem Moment wird aus den namenlos Verfolgten ein konkreter Mensch, der ihn anspricht. Das wendet das Leben und das Verständnis dieses Saulus. Anschliessend geht einer auf ihn zu, der weiss, welche Gräueltaten Saulus begangen hat, und legt ihm die Hände auf. In dieser Geste geschieht nochmals eine Wende: Paulus wird vom Verfolger zum Begnadigten, er wird zum Mensch. Wir lernen den Menschen in seiner tiefen Würde wahrzunehmen, nicht in seiner Funktion oder seiner Abstammung. So lernt man sich gegenseitig verstehen, ohne dass man die gleiche Sprache spricht oder der gleichen Kultur angehört. So verstehe ich das Pfingstwunder mit der Sprache. Die echte menschliche Begegnung geht unter die Haut, bleibt nicht an der Oberfläche hängen.

Mit dem Damaskus-Erlebnis bringen Sie die Brücke zum Heute ins Spiel. Wie kann ich Pfingsten heute sinnvoll verstehen?
Mit diesem Aufeinanderzugehen, mit all dem, was hilft, Barrieren, Vorurteile, Grenzen abzubauen. Mit dem Aufruf, immer wieder auf die konkreten Menschen neben mir zu schauen und den namenlosen Opfern in Kriegen und den Flüchtlingen ein Gesicht zu geben.

Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man meinen, dass Pfingsten das wichtigste, das konkreteste Fest im Kirchenjahr sei. Das lässt sich aber kaum vermitteln, oder?
Das Pfingstfest hat halt diese zwei Seiten, das konkrete Aufeinanderzugehen und das Unbegreifliche, nicht Fassbare, wenn ich Pfingsten auf die Lebensenergie beziehe. Pfingsten bezieht uns ganz auf uns selber. Weihnachten sieht auf einen, der geboren wird, da können wir auf ein Kind schauen, in der Karwoche und an Ostern ist auch einer, auf den wir schauen können. Dann aber geht das Sehen auf uns über, da müssen wir nachvollziehen, müssen wir selber dieser Christus werden, kirchlich gesprochen. Das braucht eine grosse Aneignung und Identifizierung mit der Botschaft Jesu. Es hat zu tun mit Erwachsenwerden, mit selbstbewusstwerden, Selbstständigwerden, einen eigenen Stand im Leben finden. Das braucht ganz viel Beschäftigung mit sich selbst, mit der Botschaft und der Welt.

Man muss also den Funken Menschlichkeit in sich selbst zulassen.
Klar, das Selbstständigwerden ist auch gekoppelt mit der Frage, wie kann ich mein Leben mit all dem Unversöhnlichen, das ich erlebe, dem Schwierigen, das an mir geschieht und das ich auch selber verantworte – wie kann ich mit all dem ein ganzer Mensch sein, um dann selbstbewusst auch bestehen zu können? All diese Facetten müssen wir in unser Leben integrieren können. Keine einfache Aufgabe.

Und das kann mitunter zu anstrengend sein!
Klar, ja (lacht). Immer wieder gibt es sicher solche Momente, wo ich denke, dass soll doch jetzt ein anderer machen.

Als Frau in der Kirche, als Gemeindeleiterin, bekommen sie nicht die vollen Kompetenzen, die volle Mündigkeit für ihr Amt zugesprochen. Selbst die Kirche hinkt der Bedeutung des Festes also hinterher?
Ich habe aufgehört darauf zu warten, dass mir etwas zugeschoben wird. Es gibt natürlich immer Gründe, mit denen ich mich entschuldigen kann, dass ich nicht «mündig» sein kann. Da wartet noch einiges in der Kirche und in uns persönlich auf wirkliche Mündigkeit und Anerkennung der Würde des Menschen in allem. Pfingsten ruft uns auf, aufzustehen für die Mündigkeit, zu «zündeln» und Feuer zu entfachen für diese Entwicklung. Wir sind ja seit Ostern gerufen und befähigt aufzustehen.

Sind viele noch Mitglied der Kirche, weil sie diese persönliche Anstrengung, auf- und hinzustehen für mehr Mündigkeit des Menschen, lieber der Kirche, der Gemeinschaft delegieren?
Sicher gibt man gerne Verantwortung ab und löst sie in der Gemeinschaft auf. Aber wir haben eine Chance, wenn Kirche eine kleinere Gemeinschaft wird, weil das Kleinerwerden uns fähig macht, neue Wege zu gehen. In kleineren Gemeinschaften können die Einzelnen mit mehr Selbstbewusstsein Kirche leben. Das Pfingstliche verlangt von uns ein grosses Vertrauen in die Menschen und ihre Ideen und Kreativität. Es geht nicht mehr, dass wir als Institution sagen, so ist es richtig, so müsst ihrs machen.

Sie sind von Biel nach Köniz gekommen. Vermissen Sie das Multikulturelle?
Das habe ich am Anfang befürchtet. Aber Köniz ist auch multikulturell geprägt, hat ganz vielfältige Angebote, viele Freiwillige, Gruppierungen und ein ausgeprägtes ökolo- gisches Bewusstsein. Die Pfarrei wurde ja mit dem Grünen Güggel ausgezeichnet.

Das ist nicht einfach ein Marketinggag? Die Ökologie wird durch die Pfarrei mitgetragen?
Aber sicher. Die Schöpfungsverantwortung ist in den Gruppen, in Gottesdiensten und im Leben des Seelsorgeteams und den Gremien immer wieder präsent.

In der Pfingsterzählung brechen Jüngerinnen und Jünger auf und tragen die Botschaft in die Welt hinaus. Müssten wir nicht auch in diesem Geist hinaus in die Welt, dorthin, wo Gott sich zeigt?
Das ist eine bleibende Frage, die wohl jeder auch persönlich beantworten muss. Wenn Kirche immer mehr sich selber versteht als Ort mitten in der Welt, mitten in der Gesellschaft, dann vollzieht sich eine Bewusstseinsänderung. Dann sind die Türen schon mal offen, dann wird das, was gelebt wird, auch für die Gesellschaft relevant. Es ist also ein Ausziehen aus den gewohnten Strukturen gefordert. Es geht um eine Bewusstseinsänderung im «Oberstüble» (tippt sich an die Stirn und lacht).

Interview: kr/jm

Lesen Sie dazu den Pfingstbericht aus der Bibel: Apostelgeschichte 2,1-21

 

Christine Vollmer Al-Khalil
wurde in Leverkusen (D) geboren, ist im Badischen Ländle aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie hat in Freiburg i. Br. Theologie studiert, zwischendurch ein Freiwilliges Soziales Jahr bei den Jesuiten (JEV) in Graz absolviert. Nach dem Studium arbeitete sie ein Jahr in der Nähe von Magdeburg in der Beratung von Asylsuchenden. Im Bistum Freiburg, in Kehl und Karlsruhe, absolvierte sie die Ausbildung zur Pastoralreferentin. Christine Vollmer ist verheiratet. Seit 2002 lebt sie in der Schweiz. In Biel arbeitete sie zuerst als Pastoralassistentin, dann als Gemeindeleiterin und Pastoralraumleiterin. Seit September 2016 ist sie Gemeindeleiterin in St. Josef, Köniz und St. Michael, Wabern. jm

 

 

31. Mai 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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