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Lebensfäden

Dem Tumor hatte er einen Namen gegeben. Den Namen einer Katze – einer Katze auf einem Bild in einer Wohnung, die es längst nicht mehr gibt. Seine Kinder konnten sich noch gut an sie erinnern. Sie war schwarz gewesen, die Katze. Lose Enden, zu Sinn verknüpfte Lebensfäden.

Die Gespräche waren intensiv gewesen. Bis zuletzt. Mit erstaunlicher Leichtigkeit erzählte er von Leid, von Enttäuschungen, von Trauer und Schicksalsschlägen. Seine Mutter hatte sich das Leben genommen, als er noch ein Kind gewesen war. Man hatte es ihm verschwiegen. Ein Tumor, hatte man gesagt. Ein Tumor. Ein Tumor. Bei seinem Vater hatte er nicht bleiben können. Aufgewachsen war er dann woanders. Natürlich hatte er die Wahrheit irgendwann herausgefunden. Kein Tumor.

Ich sprach ihn darauf an, auf die Tumorlüge, die alles noch schlimmer gemacht hatte, damals, und auf die schwarze Katze jetzt in seinem Kopf. Zwei Tumore, nicht miteinander vergleichbar, aber beide heftig. Er hörte zu und schüttelte den Kopf. Nein, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, überhaupt nichts, nein. Zwei Enden, zwei lose baumelnde Enden.

Sehr viel später kam er darauf zurück, überraschend für mich, ich hatte den Gedanken längst abgetan. Er aber hatte darüber nachgedacht, immer und immer wieder. Die Tumorparallele sei ihm zu einem Schlüssel geworden in der Beziehung zu seinem Vater.

Mehr sagte er nicht. Ich weiss also nicht, was aufgeschlossen werden konnte. Aber dass etwas Neues er- schlossen worden war, war spürbar. Er hatte zwei lose Enden miteinander verknüpft.

Nadja Zereik, kath. Seelsorgerin

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

23. Dezember 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 1
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