Sr. Maria Raphaela Bürgi wollte der Welt leuchtende Farben entgegensetzen. Foto: Keystone

Leer werden für die Kunst, für Gott

Ein Rückblick auf das Leben von Sr. Raphaela Bürgi (1923-2021), die auch in Bern ihre Spuren hinterlassen hat.

Beitrag von Beatrice Eichmann-Leutenegger

Sie sass auf dem Bett im Pflegeheim und liess Szenen ihres Lebens vorüberziehen. Vorbei die Zeit der grossen Ateliers, der rege besuchten Vernissagen, der öffentlichen Auszeichnungen - zurückgeworfen nun auf einen schmalen Raum. Farbtuben, sorgfältig in einer Schachtel aufgereiht, sprachen als letzte Zeugen ihrer künstlerischen Tätigkeit. Aber sie zeigte sich dankbar. «Der Erzengel Raphael hat mich wie einst Tobias auf meiner Lebensreise begleitet.» Am Ende eines langen Gesprächs im August 2019 legte sie der Besucherin ein Vögelchen aus Ton in die Hand. Hatte sie nicht in ihren Bildern den Flug erträumt, waren für sie die Tiere der Luft nicht Träger einer Sehnsucht gewesen? Nun blieb der Blick aus dem Fenster ihres Eckzimmers auf den Vierwaldstättersee, es blieb das Warten auf den Tod, der am Morgen des 7. Januars 2021 eintrat.

Ihre Kindheit in Olten wurde früh überschattet, denn die Mutter starb 1927 innerhalb von fünf Tagen an einer tückischen Grippe. Die drei Mädchen, sechs, vier und zwei Jahre alt, durften ein letztes Mal mitten in der Nacht an ihr Bett treten. Seine Geige aber versorgte der Vater für viele Jahre im Schrank. Elisabeth, so hiess die mittlere Tochter, begann 1939 eine Ausbildung als Kunstgewerblerin in Basel und trat 1946 ins Kloster der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz in Ingenbohl SZ ein. Über ihre Berufung sprach sie nie – sie blieb ihr Lebensgeheimnis.

Von 1950 bis 1953 weilte sie erneut in Basel, wo sie sich zur Zeichenlehrerin ausbilden liess, denn sie wurde dringend an der Mittelschule Theresianum für dieses Fach gebraucht. Ihre Tätigkeit übte sie während fast vierzig Jahren aus, aber sie spürte die Doppelbelastung als Lehrerin und Künstlerin, die oft für Auftragswerke des Klosters herangezogen wurde. Die Seele der sensiblen Frau geriet in der Lebensmitte in eine Krise, worauf die Oberen verständnisvoll reagierten und ein Sabbatical in London (1970/71) gewährten.

Überwältigend stürzten die Erfahrungen der Grossstadt auf die Frau ein, die sich an der Kunstakademie «Experimental School of Camden Town» einschrieb. Zuerst musste sie das Klischee der malenden Klosterfrau mit religiösen Sujets widerlegen. «Sie sind ja sehr modern», sagte die Schulleiterin verblüfft, als sie die Arbeiten sah. Die Kunststudentin bekam Flügel. Sie orientierte sich auch geistig neu, vor allem an den Schriften von Teilhard de Chardin, der Evolution und Schöpfungsglaube zu vereinen wusste. In ihren Werken setzte sie nun Materialien wie Sand, Schnur oder Jute ein. Immer tiefer drang sie in die oft auch bedrohlichen Gründe der Seele vor und stieg gleichzeitig auf Leitern himmelwärts, wo sich der Kosmos öffnete. In der Radio-Sendung «Persönlich» (Herbst 2003) traf sie mit dem Astronauten Claude Nicollier zusammen, der von der vollkommenen Stille im All sprach. Sie erwähnte dagegen die Stille der Meditation, welche stets ihrer künstlerischen Arbeit vorausgehe, um «leer zu werden für die Kunst, leer zu werden für Gott». Die erste Mondlandung von 1969 hatte für sie eine Zäsur gesetzt, wie sie später bekannte: «Mir erschien der Mensch winzig klein, ausgeliefert den Mächten im Universum. Ich suchte Halt. Da erkannte ich, dass die Bilder mit diesen Leitern im All meine eigene Seele auf der Suche nach dem Göttlichen spiegelten».

1990 bezog sie ein Atelier im Dachstock eines Hauses im Park des St. Claraspitals Basel und wohnte in der dortigen Schwesterngemeinschaft. Sie entfaltete ein vielbeachtetes Wirken als Malerin und Glasmalerin, wovon Kirchen, Spitäler, Heime und Privathäuser im In- und Ausland zeugen. Ihre Blau- und Gelbtöne strahlten, explodierten geradezu, wollte sie doch einer düsteren Welt die Leuchtkraft der Farben entgegensetzen. Deutlich zeichnete sich die Entwicklung von den dunklen Tönungen der Frühzeit zum hellen Spätwerk ab, von der strengen Form zur befreienden Auflösung. Die Glasmalereien in der Viktoria-Kapelle (1962) des Berner Alterszentrums hielten sich noch an den Kanon der figürlichen Darstellung, während spätere Arbeiten in dieser anspruchsvollen Technik grenzsprengende Abstraktionen wählten.

Auch wenn das Alter seine Spuren zeichnete, blieb ihre Stimme jung. Es war, als ob die Sonne aufginge, wenn sie sich am Telefon meldete.


Buchtipp:
Beatrice Eichmann-Leutenegger/Peter Killer: Sr. M. Raphaela Bürgi. Edition Regula Vicha. Evilard 2005

Bildgalerie mit den Glasmalereien aus dem Berner Alterszentrum Viktoria 

11. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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