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Lesetipp-Special: drei Mal nach Afrika

Weisse Flecken auf der Landkarte existieren längst nicht mehr, doch gibt es Orte, wo niemand hinreist. Wirklich niemand? Nun, es gibt eine Handvoll halsbrecherisch veranlagte Autoren, die in die hintersten Ecken Afrikas dringen und ihre Erfahrungen für die Daheimgebliebenen aufschreiben. Drei dieser Autoren haben wir herausgepickt, und mit ihnen drei ungewöhnliche Routen durch Afrika.

Dieses Jahr wird wohl niemand grosse Reisen unternehmen. Darum laden wir ein, aus der sicheren Warte eines Liegestuhls an diese Abenteuer teilzuhaben, ohne Furcht vor Malaria, Mambas und Minen.

Sabrina Durante

Pedro Rosa Mendes, Tigerbucht

«Die Menschen erzählen mir Geschichten», versucht der portugiesische Journalist Pedro Rosa Mendes einem misstrauischen Grenzwächter das Motiv seiner Reise zu erklären. Als er 1997 nach Angola kommt, um eine Reise quer durch den Kontinent vom Atlantik bis zur Tigerbucht in Mozambik anzutreten, hat er bereits einige Einsätze als Kriegsreporter in der Region hinter sich. Das Buch ist aber keine Reportage, kein klassischer Roman – eher eine Collage aus Eindrücken und Begebenheiten, die der 29-jährige in drei Monaten durch kriegsversehrtes Gebiet sammelt. Die Geschichten der kleinen Menschen, die in einer Welt leben, die nach ganz anderen Regeln funktioniert als die unsrige.

Zu Fuss, auf Pirogen, mit dem Zug, Minibus und Auto ist er von der einen zur anderen ehemaligen portugiesischen Kolonie unterwegs, wo sich verschiedene Rebellenfraktionen, Befreiungsarmeen und wie sie sich nennen wollen, bekämpfen. Wo es zwei Sorten Menschen gibt: «wer kann, befiehlt, wer klug ist, gehorcht». Wo eine neue Spezies heranwächst, deren Extremitäten aus Wurzeln, Pirelli-Pneus, Äste, Knochen bestehen: selbstgebastelte Prothesen für die Opfer der unzähligen Minen, die auf Angola verstreut sind.

Was nach einer schwer verdaulichen Kost klingen mag, hat durchaus erhellende, schöne Seiten. Begegnungen, Entdeckungen, wie man in so schwierigen Umständen leben kann und das Schöne im Kleinen findet. Etwa die Begegnung mit der lebenden Jukebox namens Benson, einem Blinden Sambier, der gegen eine Münze Lieder singt oder aus dem Stegreif komponiert. Oder Fundstücke, wie den nie abgeschickten, heimwehgetränkten Liebesbrief eines portugiesischen Händlers aus dem Jahr 1822 an seine geliebte Donna Pemba.


Pedro Rosa Mendes: «Tigerbucht». Aus dem Portugiesischen übersetzt von Inés Koebel.
Ammann Verlag, Zürich 2001. 415 S., ISBN 9783250600374.

Michael Obert, Regenzauber. Auf dem Niger ins Innere Afrikas

Michael Obert ist bekannt für seine mutigen Reportagen aus ungewöhnlichen, gefährlichen Orten. Am Rhein aufgewachsen, erfüllt er sich einen Kindheitstraum und folgt auf einer siebenmonatigen Reise dem Flusslauf des Niger, von der Quelle in Guinea bis zur Mündung in Nigeria. Es beginnt mit einem Besuch bei einem Féticheur, einem Opferpriester, denn ohne seinen Schutz darf man sich einem heiligen Ort wie der Flussquelle nicht nähern. Der Fluss ist eine wichtige Verkehrsader, hier treffen sich Karawanenrouten und Flusshändler, Entwicklungshelfer, Piraten, Fischer, Organhändler. Ganze Welten tun sich entlang dem Niger auf, und in einem der Länder, die der Fluss durchfliesst, brodelt es immer. Doch unerschrocken und neugierig zieht der Autor weiter, horcht den Jeli in Mali, eine Mischung aus Märchenerzähler, Chronisten, Barden und Boten («Nur ein Jeli kann die Geschichte wirklich gut erzählen. Er hütet die Vergangenheit. Ihr habt eure Bücher, wir haben die Jeli»), macht Bekanntschaft mit Guineawürmern und Amöbenruhr, was ihn beinahe das Leben kostet. Er adoptiert einen Hund und erfährt, warum apportieren in Afrika kein gutes Spiel ist. Je bedrohlicher und skurriler die Warnungen seiner Reisebekanntschaften, desto grösser wird sein Wunsch, weiter bis zum Nigerdelta in Nigeria zu reisen. Es wird sich zeigen, ob die Warnungen vielleicht sogar Untertreibungen waren.

Eine abenteuerliche Reise mit spannenden Einblicken in Welten, die für uns in vielen Weisen unverständlich bleiben.


Michael Obert, Regenzauber. Auf dem Niger ins Innere Afrikas National Geographic Taschenbuch, 6. Auflage 2011, 580 Seiten. ISBN: 978-3-89405-249-1 Zur Website des Autors: www.obert.de/news

 

Paul Theroux, Ein letztes Mal in Afrika

Wenn einer eine Reise tut – dann kann er ein Buch darüber schreiben: so könnte man Paul Theroux’ Leben in den letzten Jahrzehnten zusammenfassen. Zu Afrika hat er eine besondere Beziehung, verbrachte er doch als 22-jähriger einen Friedenscorps-Einsatz als Lehrer in Malawi. Während ihn seine letzte grosse Afrikareise mit Bus und Boot von Kairo nach Kapstadt brachte («Dark Star Safari», 2004), nimmt er nun den Weg von Kapstadt über Namibia, Angola nach der sagenumwobenen Stadt Timbuktu auf – so zumindest der Plan. Denn seine Reisen folgen keiner vorbestimmten Route, das Rückflugticket ist nicht bereits im Vorfeld gebucht.

Die Reise beginnt beschwingt, fast idyllisch: Er verbringt einige Tage mit einer Gruppe Jäger und Sammler des Ju/’hoansi-Volkes, (übersetzt «Echte Menschen»), einem Volk, das bereits vor 35’000 Jahren die Savanne durchstreifte. In Kapstadt lässt er sich in die Townships fahren, um zu sehen, was sich in den zehn Jahren seit seiner letzten Reise verändert hat. Erstaunlicherweise hat gerade die Fussballweltmeisterschaft 2010 einiges in Gang gebracht, doch eine grosse Mehrheit wohnt immer noch in Häusern, die «vezinyawo» genannt werden: «die Füsse sind draussen», weil sie zu klein sind, um einen liegenden Menschen zu beherbergen.

Paul Theroux ist weder Voyeur noch Pessimist, doch im Laufe seiner Reise verlässt ihn zuweilen der Glaube an das Gute im Menschen. Er kommt bis nach Angola. Ein Land, wohin sich kaum Reisende verirren. Mit gutem Grund – die Minen aus dem Bürgerkrieg, das erst seit acht Jahren vorbei ist, eine Gesellschaft, in der ganz wenige fast alles und die grosse Mehrheit nicht einmal mehr die Hoffnung haben. Nach über einem halben Jahrhundert Unterwegssein stellt er sich die Grundsatzfrage: «Was tue ich eigentlich hier»? So ist «Ein letztes Mal in Afrika» auch das Abschiedsbuch eines grossartigen Autors.


Paul Theroux: Ein letztes Mal in Afrika. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sigrid Schmid und Reiner Pfleiderer. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2017. 414 Seiten.
ISBN: 978-3-455-40526-2.

14. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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