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Kombination des (bartlosen) Christusgesichts mit dem Strahlenkranz des (normalerweise bärtigen) Sonnengottes. © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg, Schweiz

«Die Heilige Nacht», Antonio da Correggio (eigentlich Antonio Allegri), Gemäldegalerie Alte Meister Dresden, zwischen 1522 und 1530

Licht und Schatten – Kann man beides lieben?

Weihnachten gilt als das Fest des Lichtes schlechthin. Wo Licht ist, werden aber auch Schatten geworfen. Mehrt das Licht nun den Schatten? Betrachtungen zu einem ambivalenten Verhältnis.


von Isabelle Senn


Wir sangen gerne und viel. Und die Hochschulseelsorge bot uns Studierenden einen Ort dazu; denn hier waren nicht nur Diskussionen über existenzielle Fragen möglich, sondern es wurde auch gespielt, gefeiert und gesungen. Oft kam es vor, dass das eine eng mit dem anderen zusammenhing.

Zum Beispiel bei jenem Lied, in dessen Refrain die Zeile vorkam «Licht und Schatten, man kann beides lieben». Diese Worte lösten angeregte und durchaus kontroverse Gespräche aus: Schliessen Licht und Schatten sich nicht gegenseitig aus? Kann man tatsächlich beides bejahen? Und wenn ja: Wie soll das gehen?

Alles hat seine Zeit

Heute darf ich als Hochschulseelsorgerin mit jungen Menschen zusammen unterwegs sein und ins Gespräch kommen über Themen und Fragen, die sie beschäftigen. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, feste Antworten zu finden; vielmehr sollen verschiedene Perspektiven erprobt und die Offenheit des Suchens gestärkt werden.

Ganz in diesem Sinne haben wir die Frage nach dem Verhältnis von Licht und Schatten damals zwar eingehend diskutiert, aber nicht abschliessend geklärt. So kann ich mich dem Phänomen einmal mehr annähern und von da aus, wo ich aktuell stehe, einen neuen Blick darauf werfen.

Ja, mir scheint durchaus, Licht und Schatten haben je ihren Wert. Je nach Jahreszeit sucht man das eine und flieht das andere. Jetzt, wo die Nächte länger und die Tage kürzer werden, ersehnen Menschen das Licht, und sie tun das ihre, damit Häuser und Gärten in vorweihnachtlichem Glanz erscheinen. In der glühenden Hitze des Sommers hingegen war man froh und dankbar, einen Platz im Schatten zu finden.

Das Licht ist in die Welt gekommen ...

Es ist kein Zufall, dass das Fest von Gottes Menschwerdung um den – zumindest auf der Nordhalbkugel der Erde – kürzesten Tag des Jahres herum gefeiert wird. Der Evangelist Johannes bringt das Ereignis von Weihnachten deutend auf den Punkt: «Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt» (Joh 1,9).

Diese Begebenheit, dass das Licht in die Welt gekommen ist, hat der Maler Correggio (eigentlich Antonio Allegri) in einem Gemälde ausgedrückt, das heute als eines ihrer bedeutendsten Werke in der Galerie Alte Meister in Dresden hängt. Correggio malte «Die Heilige Nacht» so, dass das neugeborene Kind selbst die Quelle des Lichtes ist; wie eine Lampe erleuchtet es das Geschehen um sich herum – und blendet gar eine Betrachterin.

Jesu Geburt wird dargestellt als der Sieg des Lichtes über die Finsternis, wie sie Jesaja prophezeiend vorwegnahm: «Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf» (Jes 9,1). Jedes Ereignis, so könnte man sagen, wirft jedoch seine Schatten; zu Jesu Leben gehört nicht nur die Krippe, sondern auch das Kreuz. Der Gedanke liesse sich sogar noch fortspinnen: Je stärker das Licht, desto dunkler die Schatten.

... und die Schatten?

Wenn die Aufmerksamkeit nun auf die Schatten gerichtet wird, sollte zunächst differenziert werden: Die Schatten sind nicht gleichzusetzen mit der Dunkelheit; die Schatten sind vielleicht das, was von der Dunkelheit übrig bleibt, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Denn Schatten können sich nur dort bilden, wo Licht hinfällt.

Das sogenannte «Reich der Schatten» galt den Menschen des Alten Testaments als lichtloser und grauenhafter Ort: Man stellte sich vor, dass sich die Seelen der Verstorbenen dort aufhalten – vergessen, still, beziehungslos. Der Schatten eines Menschen ist hier also das, was sein irdisches Leben und seinen körperlichen Tod «überlebt», was irgendwie noch da, für die Zurückgebliebenen aber nicht mehr greifbar ist.

Ähnlich wird in der Literatur zuweilen das Fehlen eines Schattens inszeniert: Die Märchengestalt Peter Schlemihl, die ihren Schatten dem Teufel verkauft haben soll, ist nicht mehr wirklich Teil der Gesellschaft. Schlemihl ist den Menschen suspekt, und sie meiden ihn. Denn zu jedem real existierenden Lebewesen auf Erden gehört ein Schatten.

Lastreiches und Lustvolles

Dennoch bleibt der Schatten ein ambivalentes Phänomen; es gibt Sprichwörter und Redewendungen, die davor warnen, ihn vorschnell zu rehabilitieren. Wenn Schatten auf jemandem lasten oder man ständig im Schatten eines anderen Menschen stehen muss, ist das belastend. Auch wenn ein Ereignis seine Schatten wirft, sind damit keine guten Entwicklungen angezeigt.

Vermutlich führt eine Differenzierung auch hier weiter: Die eigenen Schatten, das Schwere im persönlichen Leben und die Schwächen, mit denen man immer wieder konfrontiert ist, lassen sich oftmals nicht so einfach ablegen. Im Bild gesprochen: Den eigenen Schatten wird man nicht los. Doch man kann ihn formen und gestalten. Je nachdem, welche Haltung ein Mensch annimmt und in welchem Winkel er zur Lichtquelle steht, verändert sich sein Schatten und nimmt eine andere Gestalt an.

Ohne Weiteres kann ich mit meinem Schatten auch jemandem Schutz bieten – oder ganz einfach durch mein Schattenspiel mich selbst und andere erfreuen. Anders verhält es sich mit fremden Schatten, die bedrohlich und Licht raubend auf mir lasten können. Sie lassen sich meist schwerlich beeinflussen und zur Seite bewegen. Aber möglicherweise gelingt es mir, aus diesem Schatten zu treten; denn mich selbst kann ich in solchen Momenten – manchmal mit grossen Sprüngen, manchmal nur mit millimeterkleinen Schritten – bewegen und so das Licht aus einem veränderten Winkel auf mich scheinen lassen.

Gottes Licht und Gott als Licht

In einem vom allgegenwärtigen Kult des Sonnengottes geprägten Umfeld haben die frühen Christen im römischen Reich das Weihnachtsfest zur Zeit der Wintersonnenwende als bewussten Gegenpol zum Sonnenkult inszeniert. Die Botschaft war eindeutig: Was ihr als stärkste Kraft und höchsten Gott im Universum verehrt, haben wir erkannt in diesem Menschen Jesus von Nazareth; für uns ist er Sohn des einzigen und ewigen Gottes.

In der Folgezeit hat dieser Glaube bildhaft Ausdruck gefunden, etwa indem das (bartlose) Christusgesicht mit dem Strahlenkranz des (normalerweise bärtigen) Sonnengottes kombiniert wurde. Die Sonne, hellste natürliche Lichtquelle, welche Menschen kennen, weist demnach auf Gott. Die Kraft ihrer Strahlen, die Wärme spenden und Leben hervorrufen, gehen zurück auf ihn.

Das Bild besagt jedoch auch dies: Wen die Sonne bescheint, dem verleiht sie einen Schatten. Dieser Schatten liegt dem Menschen, der sich dem Licht zuwendet, allerdings nicht wie ein Hindernis vor den Füssen, sondern er fällt hinter ihn, begleitet ihn auf Schritt und Tritt und bezeugt so dessen Sein in dieser Welt.

Schattenspiele

Wer sich dem Sonnenlicht zuwendet, macht auch die Erfahrung, dass es unmöglich ist, heilen Auges in die Sonne zu blicken. Genau genommen kann man die Sonne selbst nicht sehen, während alles, was auf der Welt ist, letztlich erst durch das Sonnenlicht sichtbar und für das menschliche Auge erkennbar wird. Auch diesen Aspekt gilt es zu berücksichtigen, wenn von Gott als dem Licht der Welt gesprochen wird.

Gott ist – und bleibt – für den Menschen im Letzten ein Geheimnis. Und so sind auch die Worte, die für Gott stehen und die ihn beschreiben, lediglich Umrisse, die der Rede von seinem Wirken in der Welt Kontur geben, aber nur bedingt wiederzugeben vermögen, wer und wie Gott ist. Was durch solche Worte geschieht, die Gott umschreiben, ist wiederum vergleichbar mit dem Schattenspiel: Zu sehen sind Umrisse; es wird das Wesentliche gezeigt – und vieles verborgen.

Beim Schattenspiel wird das zu Sehende auf seine Konturen reduziert. Keine Farben und weiteren Details sind zu erkennen, der Fokus der Betrachtenden wird auf die Form in ihrem Grossen und Ganzen gelenkt. Die kommenden Tage, die von wenig Licht und vielen Lichtern geprägt sind, können dazu einladen, sich dem Phänomen von Schatten und Licht neu zu nähern: Warum nicht mal ganz bewusst auf ein bestimmtes Licht zugehen, Lichter an besonderen Orten anzünden, fremde Schatten wahrnehmen – und mit dem eigenen Schatten spielen?

Vielleicht kann man so tatsächlich beides lieben lernen – Licht und Schatten. Und wer weiss, ob nicht beides auf je seine Weise dazu inspiriert, Gott im eigenen Leben auf der Spur zu bleiben.

 

 

 

Dr. theol. Isabelle Senn, Hochschulseelsorgerin im aki Bern. Foto: zVg

 

 

 

 

 

 

12. Dezember 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 51-52
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