Ljudmila Ulitzkaja, Jakobsleiter

«Die Jakobsleiter ist eine Leiter der Erkenntnis, der Erweiterung des Horizontes, ob wir das wollen oder nicht. Wir alle stehen auf dieser riesigen Leiter, hinter uns stehen unsere Vorfahren, vor uns unsere Nachkommen. Der Sinn dieser Leiter besteht darin, dass wir sie hinaufsteigen. Und ohne zu begreifen, was mit uns geschieht, ohne das Wissen und die Erfahrungen unserer Vorfahren können wir nicht vorankommen», schreibt die Autorin Ljudmila Ulitzkaja in ihrem neusten Buch «Jakobsleiter».

Mit ihrem Roman begeben wir uns auf eine solche Leiter: den Anfang machen eine Geburt – Nora, eine junge Bühnenbildnerin, hat gerade einen Sohn bekommen, und ein Todesfall – den ihrer Grossmutter Marussja. Von ihr erbt Nora eine Truhe, die aber erst mal ganz unspektakulär für einige Monate auf dem Balkon landet. Nur dank des Wachstuchs, in dem sie eingewickelt waren, überleben die Briefe und Tagebücher ihres Grossvaters Jakow. Danach wandern sie nochmals für viele Jahre in einen Sekretär.

Die Erzählung folgt fortan zwei Strängen: einerseits die Geschichte von Jakow und Marussia, die 1910 in Kiew startet und das Leben des jungen Jakows aufzeigt, Sohn eines eingewanderten Juden aus La Chaux-de-Fonds. Dem musikbegeisterten Jakow wird wegen seiner jüdischen Wurzeln die Musikakademie verwehrt, er studiert Ökonomie und zieht als Freiwilliger in den Krieg, um seine beruflichen Aussichten zu verbessern. Er und Maria (von ihm liebevoll Marussja genannt) lernen sich an einem Konzert von Rachmaninow in Kiew kennen, die Liebe zur Musik verbindet sie. Sie erleben Judenpogrome, die Revolution, die neue Staatsordnung, in welcher der intelligente, aber politisch naive Jakow bald als Staatsfeind abgestempelt wird und mehrmals in die Verbannung geschickt wird. In den Tagebüchern wie auch im Briefwechsel zwischen Jakow und Marussja wiederspiegelt sich die Geschichte des Landes wie auch die der Beziehung zwischen den beiden, welche schliesslich durch die zunehmende Entfremdung zerbricht.

Der zweite Erzählstrang begleitet Nora, die Enkelin der beiden, durch ihr eigenwilliges Leben mit einem Sohn, den sie vom Mathematik-Genie, aber sonst sehr weltfremden Vitja hat, und mit ihrer Liebe zum georgischen Regisseur Tengis, der immer mal wieder in ihr Leben auftaucht und verschwindet. Zusammen stellen sie gewagte Inszenierungen in Russland und im Ausland auf die Beine.

Durch ihren Sohn Jurik, der wohl das musikalische Talent des Grossvaters geerbt hat, führt die Geschichte auch in die USA, wo der Junge als freier Musiker eine Zeitlang lebt und später in die Heroinsucht rutscht. Die mutige Nora holt ihn nach Moskau zurück, wo die Geschichte 2011 endet. Und die Briefe und Tagebücher aus der Truhe? Die hat Nora erst viele Jahre nach dem Tod ihrer Grossmutter gelesen – «da waren alle Menschen gestorben, die ihre Fragen dazu hätten beantworten können». Einige Antworten findet sie im KGB-Archiv in den Akten über Verhöre, Hausdurchsuchungen und Gerichtsverhandlungen ihres Grossvaters – so schliesst sich der Kreis zwischen den beiden Erzählungen, welche die Leser über ein Jahrhundert bewegter Geschichte geführt haben. Die Schicksale der «kleinen Leut» untrennbar verflochten mit der «grossen Geschichte», die Themen von Liebe, Mut, Verrat, Einsamkeit zeitlos dargestellt, ohne zu werten – ein berührendes Epos.

Sabrina Durante

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter, Hanser Verlag 2017, 640 S., Fr. 36.50
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1. April 2019
erstellt von «pfarrblatt» online
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