Sibylle Marti und Matthias Kuhl haben das Projekt «Mein heiliger Ort» im Ergänzungsfach Religion lanciert. Foto: Pia Neuenschwander

Die Sitzbank als Heiliger Ort. Foto: Pia Neuenschwander.

Auch dieser Ort ist jemandem heilig. Foto: Pia Neuenschwander

«Man sollte mehr über Religion reden»

Orte können für Menschen heilig sein, auch wenn diese mit Religion nichts am Hut haben. Das zeigt ein Projekt des Berner Gymnasiums Kirchenfeld.


von Sylvia Stam


Ein Fussballplatz, eine Sitzbank, ein Wandschrank mit einem Mikrofon, eine Moschee – vielfältig sind die heiligen Orte, die das Projekt «Mein heiliger Ort» des Berner Gymnasiums Kirchenfeld online vorstellt. In Ich-Form schildern zwölf Personen, was sie als ihren heiligen Ort bezeichnen würden. Verfasst wurden die Porträts von Schüler*innen des Ergänzungsfachs Religion. «Der Begriff ‹heilig› ist zentral für unser Fach», sagt Religionslehrerin Sibylle Marti, die gemeinsam mit Matthias Kuhl für das Projekt verantwortlich ist. «In der Abschlussklasse wollten wir eine Auseinandersetzung mit diesem Begriff in Gang setzen. Nicht allgemein abstrakt, sondern an einen konkreten Ort gebunden», erläutert Marti.

Heiliges im Alltag

Der Begriff «heilig» werde einerseits im religiösen Kontext verwendet, andererseits «ist er längst in der Alltagssprache angekommen», wenn etwa von der «heiligen Tasse Kaffee am Morgen» die Rede sei. «Das war für die Schüler*innen erleichternd», so Marti. Die Definition von «Heiligkeit» wurde so ein Teil der Porträts. Die Definitionen fallen denn auch sehr unterschiedlich aus: «Ein inneres Gefühl und die Verbundenheit mit der Natur», schreibt eine 18-jährige Atheistin, die als ihren heiligen Ort eine bestimmte Sitzbank in Muri nennt.

Für Ayaan, eine 20-jährige Studentin und praktizierende Muslimin, ist die Lindenrain-Moschee in Bern heilig, dadurch definiert, «dass ich mich an diesem Ort am meisten mit meiner Religion und Gott befassen kann». Für den 18-jährigen Benjamin Kabeya, gläubiger Christ und Fussballspieler beim BSC YB, sind der Fussballplatz Schönegg in Münchenbuchsee sowie das Wankdorf-Stadion heilige Orte: «Wenn ich dort bin, bin ich nur dort, komplett befreit von all meinen Sorgen und Ängsten.»

Ehrlichkeit auf dem Fussballfeld

Valentina Ernst, die zusammen mit einer Mitschülerin das Porträt des Fussballers verfasst hat, weiss, wovon er spricht. «Ich spiele selbst Fussball. Auf dem Feld schlüpft man gleichsam in eine andere, ehrlichere Rolle», sagt die 19-Jährige. Sie hat ihn, den sie schon viele Jahre kennt, ausgewählt, «weil er etwas sehr Besonderes erlebt: Er spielt mit 18 bereits in der U21 und hat Chancen auf die Nationalmannschaft.» Auch Jil Steiger hat für das Porträt eine Person gewählt, die sie gut kennt, nämlich ihren Freund. Sein heiliger Ort ist ein zum Musikstudio umfunktionierter Wandschrank. «Ich wollte wissen, ob ich ihn wirklich so gut kenne», sagt Jil Steiger. Das Resultat hat sie überrascht, sie habe aber dadurch gelernt, «dass eine auf den ersten Blick alltäglich gewordene Aktivität wie die Aufnahme von Songs für jemanden so wichtig sein kann», erklärt die 18-Jährige.

Über das Personale hinaus

Die Religionslehrerin Sibylle Marti stellt zusammenfassend fest, dass Orte als heilig bezeichnet werden, «wo man sich selber sein kann, wo man sich ohne Einschränkung ausdrücken kann, wo man seine Ruhe hat und sich auf das Eigene konzentrieren kann». Es gehe bei allen heiligen Orten «um einen sehr persönlichen, stark emotionalen Bezug, der gleichzeitig über das Personale hinausgeht und darum als heilig bezeichnet wird». Zu ihrem Erstaunen seien die Schüler*innen anfangs nicht begeistert gewesen von der Idee, die Porträts online zu stellen. «Sie fanden, Religion sei Privatsache», erklärt Marti. Jil Steiger bestätigt das: «Über so etwas Persönliches wollte ich lieber mit einer Person sprechen, die ich schon kenne.» Auch Valentina Ernst gibt zu, dass es ihr anfangs nicht leichtgefallen sei, mit ihrem Kollegen über Religion zu reden. «Eigentlich sollte man mehr und auch mit weniger Hemmungen darüber sprechen», sagt sie rückblickend.

Über Religionen sprechen

Die nötige Sachkompetenz, um auch über fremde Religionen zu reden, haben beide im Ergänzungsfach Religion jedenfalls gelernt. «Ich kann die Einstellungen von religiösen Menschen besser nachvollziehen», sagt Valentina Ernst. Und Jil Steiger hält fest: «Ich konnte mir eine Meinung bilden und kann dadurch besser an Diskussionen teilnehmen, etwa über den Islam.»


Projektwebseite:
https://religionslehre.mygymer.ch (Rubrik: «Mein heiliger Ort»)

 

 

 

24. Juni 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 14
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