Die Selbstbestimmung kann Sterbende einsam machen. Foto: Jürg Meienberg

Menschenwürdig sterben

Das Sterben ist zu einem öffentlichen Thema geworden. Nahte das Lebensende eines Menschen, wurde früher eher geschwiegen oder diskret weggeschaut. Heute wird hingeschaut und überlegt, wie die letzte Phase im Leben eines Menschen gestaltet werden könnte oder sollte.


In Büchern, Fernsehsendungen und Kinofilmen wird das Sterben kommentiert, jede und jeder sollte rechtzeitig über die eigenen Wünsche nachdenken und diese nach Möglichkeiten in einer Verfügung festhalten. Mehr als symbolische Wirkung hatte das öffentliche Sterben Johannes Pauls II. im Jahr 2005: Der Papst hat der medialen Weltöffentlichkeit gezeigt, wie Alter, Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit konkret aussehen können, mit seinem Sterben hat er gleichsam bezeugt, wie «normal», menschlich und würdig ein langsames Abschiednehmen ist oder sein kann.
Ebenfalls in Erinnerung ist die öffentliche Ankündigung des beliebten Politikers This Jenny im letzten Herbst, seinem Leben im Alter von 62 Jahren mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation ein Ende zu setzen; er wollte sich und anderen die letzten Lebensmonate ersparen, die ihm aufgrund einer Tumorerkrankung bevorstanden.

Diese neue Aufmerksamkeit für das Sterben hat Gründe. In einer technisierten Gesellschaft mit modernster medizinischer Versorgung ist das Sterben zu einer Herausforderung geworden. Viele Menschen erreichen heute aufgrund des Wohlstands ein sehr hohes Alter, die Medizin ist zudem in der Lage, in den Sterbeprozess einzugreifen und in vielen Fällen das Lebensende zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern.
Einerseits ist das erfreulich und führt dazu, dass viele Krankheiten chronisch werden und nicht mehr tödlich enden. Andererseits nehmen die Bedenken und die Ängste zu, Leiden und Pflegebedürftigkeit könnten unnötig und sinnlos in die Länge gezogen werden. Zudem werden Vereinsamung, Isolation und Langeweile bei Menschen in sehr hohem Alter zu einem existenziellen Problem.
Rund um den sogenannten «Altersfreitod» wurde letztes Jahr in der Schweiz ein Würdediskurs eröffnet, in welchem teilweise befremdliche Äusserungen über den Lebenswert von Menschen in hohem Alter getroffen wurden.

Massnahmen der Palliative Care (der lindernden Medizin, Pflege und Begleitung), die Einrichtung von Sterbehospizen, Sterbebegleitung, die rechtliche Regelung von Patientenverfügungen sowie die Ernennung von Vertretungspersonen in medizinischen Angelegenheiten, das zunehmend in Anspruch genommene Angebot der Suizidhilfe sind Reaktionen auf diese neuen Herausforderungen.
Im Zentrum stehen Ideale wie: Leiden zu lindern, eine möglichst hohe Lebensqualität bis zuletzt zu erleben, Sterbende nicht alleine zu lassen und das eigene Sterben möglichst selbst zu kontrollieren.

Einigkeit besteht hinsichtlich des Ideals, ein gutes Sterben sei ein selbstbestimmtes Sterben. Niemand kann oder wird dagegen ernsthaft etwas einwenden. Aber: Erfahrungen mit dem Sterben zeigen, dass mit diesem «Zauberwort» zwar negativ Entscheidendes ausgesagt ist: Niemand will bevormundet werden! Dass hingegen die Frage danach, was jemand dann vernünftigerweise positiv für sich wollen soll, weitgehend unbeantwortet bleibt. Das kann schnell zur Überforderung führen, beispielsweise beim Ausfüllen einer Patientenverfügung. Wir müssen aufpassen, dass die Betonung der Selbstbestimmung uns als Sterbende nicht noch einsamer macht.

Sterben ist auch ein soziales Geschehen. Wir Menschen sind Beziehungswesen. Das zeigt sich besonders, wenn Menschen infolge einer Demenz sterben, oder wenn Neugeborene oder Kleinkinder sterben. Sicher gibt es keine Pflicht, unerträgliches Leiden schicksalhaft annehmen zu müssen, wie es Hans Küng in seiner Autobiographie schreibt. Im Sterben (wie auch sonst im Leben...) sind es jedoch häufig die zwischenmenschlichen Beziehungen, die zu grossem Leid beitragen: Jemanden zurücklassen zu müssen, unbeantwortete Sinnfragen auszuhalten, die Angst vor totaler Isolation oder einem drohenden Selbstverlust zu ertragen... Das ist «unerträgliches» Leiden, das sich weder durch Medikamente noch durch Selbstbestimmung bewältigen lässt.
Was dann zählt, ist vor allem, nicht alleine zu sein, zu wissen, dass andere Menschen versuchen, diese existenzielle Not mit auszuhalten. Das Dabeibleiben mag zuweilen abgründige Erfahrungen mit einschliessen. Es kann aber auch einfach sein, wie Leute wissen, die ihre Zeit für Sterbende in Vereinigungen wie «Wachen und Begleiten» zur Verfügung stellen.

Prof. Dr. Markus Zimmermann Titularprofessor für Moraltheologie/Ethik Universität Fribourg

Hinweis:
Novembervorträge «würdig sterben – (wie) geht das?» Vier Vorträge ab 3. November in der Rotonda der Pfarrei Dreifaltigkeit Bern.
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28. Oktober 2015