Wann wird Nähe übergriffig? Es geht um ein Aushandeln, sagt Christiane Weinand. Foto: C. Jack Shark, unsplash.com

Missbrauchsprävention: «Ist eine Armberührung noch erlaubt?»

Was tun bei einem sexuellem Übergriff? Und wieviel Distanz ist nötig? Christiane Weinand unterstützt Pfarreien und Pastoralräume bei der Umsetzung des Schutzkonzepts des Bistums Basel.


Interview: Regula Pfeifer (kath.ch) und Sylvia Stam


kath.ch: Auf welcher Ebene des Bistums finden die Kontakte mit Ihnen statt?

Christine Weinand: Zurzeit auf der Ebene des diözesanen Fachgremiums gegen «Sexuelle Übergriffe». Hier erarbeiten wir Schutzkonzepte, die Entwicklung eines Haltungspapiers, Best Practice-Beispiele, die man den Verantwortlichen der Pastoralräume und Pfarreien zur Verfügung stellen kann.

Die Umsetzung liegt in der Verantwortung der Pfarreien und Pastoralräume?

Ja. Das Bistum gibt nur die Empfehlung ab, wann, wie und mit wem Pfarreien und Pastoralräume das umsetzen, unterliegt den einzelnen Kirchgemeinden. Wenn diese eigene Bedürfnisse nach einer Schulung mit mir haben, ist das eine Leistung, die sie separat bezahlen müssen. Das ist in meinem 20-Prozent-Pensum nicht machbar.

Was haben Sie auf dieser Ebene bisher gemacht?

Ich habe das Präventionskonzept in verschiedenen Pastoralräumen des Bistums Basel vorgestellt. Etwa in den Kantonen Bern, Zug, Thurgau und Luzern. Das diözesane Präventionskonzept vom Frühling 2019 bietet eine gute Grundlage, um die institutionellen Massnahmen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt zu verbessern, aber nur, wenn diese auch in der Praxis angewendet werden.

Was vermitteln Sie dabei?

Ich erkläre, was neu ist am Schutzkonzept und wie die Betreffenden den Präventionsauftrag umsetzen können. Ich gehe dabei auf die Bedürfnisse des Verantwortlichen in den Pastoralräumen ein.

Was wünschen die Leute?

Viele thematisieren die Besprechbarkeit. Sie empfinden es als schwierig, über zwischenmenschliche Nähe oder Distanz überhaupt zu sprechen. Ich weise sie jeweils darauf hin: Hier geht es immer um ein Aushandeln. Nicht jeder Mensch empfindet dasselbe in derselben Situation. Besonders schwierig ist dies in asymetrischen, also hierarchischen Beziehungen.

Was ist da schwierig?

Vor allem Männer in Leitungspositionen sind verunsichert. Sie fragen sich: Wie gestalte ich die Beziehung zu meiner Mitarbeiterin, meinem Mitarbeiter? Was darf ich noch, was nicht mehr? Ist etwa eine Armberührung noch erlaubt? Auch hier gilt: Wichtig ist: Die Beteiligten sollten miteinander darüber reden können. Ich informiere sie, wie sie solche Gespräche am besten führen. In diesem Sinn versuche ich sie zu stärken.

Gibt es denn keine eindeutigen Grenzverletzungen, die inakzeptabel sind?

Eigentlich sind alle Handlungen, die die Würde eines Menschen verletzen, inakzeptabel. Was Grenzverletzungen gegen die sexuelle Integrität betrifft: Da kann es sein, dass sich die Grenzen verschoben haben. So ist es möglich, dass gewisse unpassende Bemerkungen für ältere Generationen noch akzeptabel waren, es heute aber nicht mehr sind. Über eine solche veränderte Wahrnehmung sollten betroffene Teams oder Personen miteinander reden.

Kommen auch tatsächliche Übergriffe zur Sprache?

Das hoffen wir sehr. Es ist aber nicht meine Aufgabe, in einem konkreten Fall aktiv einzugreifen. Als Präventionsbeauftragte bespreche ich mit Pfarreiteams grundsätzlich, wie sie handeln sollten. Etwa wenn sich jemand meldet und über Erlebnisse berichtet, die übergriffig sein könnten.

Was müssen sie dann tun?

Wichtig ist, dass sie die zuständige Koordinationsperson im Bistum darüber informieren. Diese macht erste Einschätzungen über den möglichen Schweregrad des Übergriffs und koordiniert den Fall mit den verschiedenen Stellen.

Wo liegen die Schwierigkeiten?

Wenn Seelsorgerinnen und Seelsorger von Übergriffen erfahren, stecken sie oft im Dilemma zwischen Meldepflicht und Seelsorgegeheimnis. Oder ein Pfarreiteam bemerkt ein ungünstiges Verhalten eines ihrer Mitglieder und weiss nicht, wie damit umgehen. Auch in solchen Fällen kann die Koordinationsperson beratend einbezogen werden.

Ihr Eindruck: Wo steht die Kirche im Umgang mit Sexualität und Übergriffen?

Ich stelle eine Kultur der Verunsicherung fest. Deshalb ist es gut, dass nun der Dialog in Gang kommt. Die Pfarreien sind sehr offen und empfänglich für den Austausch mit einer Fachperson. Sie sagen, es sei hilfreich, über heikle Situationen zu reden. Oft fragen sie: Wie sehen Grenzverletzungen denn aus?

Inwiefern sind die fremdsprachigen Missionen in die Präventionsarbeit eingebunden?

Mit den fremdsprachigen Missionen bin ich bis jetzt noch nicht vernetzt. Der Auftrag des Bistums lautet aber, dass auch die Missionen ein Präventionskonzept erstellen müssen.

Das heisst, bisher gibt das Bistum Empfehlungen ab, kontrolliert aber die Umsetzung nicht?

Das diözesane Fachgremium gegen «Sexuelle Übergrifffe» hat den Auftrag, das Schutzkonzept mit all seine verschiedenen Bausteinen umzusetzen, dazu gehört auch das Controlling der getroffenen und empfohlenen Massnahmen.

 


Sexualtherapeutin und Präventionsspezialistin Christiane Weinand
ist Präventionsbeauftragte des Bistums Basel im Bereich Prävention sexuelle Übergriffe und der Kulturentwicklung von «Nähe und Distanz».

Die Aufgabe nimmt sie seit Oktober 2020 in einer 20-Prozent-Anstellung wahr.

Christiane Weinand ist ausgebildete Pflegefachfrau, systemische Sexualtherapeutin und Fachfrau Prävention sexueller Missbrauch. Sie bringt langjährige Erfahrung als Erwachsenenbildnerin, Organisationsentwicklerin und Supervisorin mit.

Sie führt heute eine Praxis für Sexualberatung und Sexualtherapie in Bern. Als Präventionsbeauftragte des Bistums ist auch Mitglied des diözesanen Fachgremiums gegen sexuelle Übergriffe.

Foto: zVg

 



29. März 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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