Foto: Roger Wehrli

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«Mit Leib und Seele»

Bischof Felix Gmür zieht in unserem Gespräch zum Jahresanfang Bilanz zum Reformationsjahr, sinniert über Tradition und Dynamik und erinnert sich an seine Kirchenerfahrungen als Jugendlicher.

«pfarrblatt»: Bischof Felix, was hat das Gedenkjahr «500 Jahre Reformation» gebracht?

Bischof Felix Gmür: Ein neues Bewusstsein des gemeinsamen Christentums. Das Bewusstsein, dass alle christlichen Konfessionen einen gemeinsamen Grund und ein gemeinsames Ziel haben. Der Grund ist der Glaube an den dreifaltigen Gott, das gemeinsame Ziel «die Fülle des Lebens» nach Joh. 10.10. Auch hat Luther neu ins Bewusstsein gebracht, dass jeder Mensch vor der Herausforderung steht, seinen eigenen Weg mit Gott zu finden. Dieses gemeinsame Bewusstsein ist wieder im Vordergrund. Das finde ich sehr wichtig.

Ein versöhnliches Nebeneinander ist noch keine Einheit. Streben die beiden Konfessionen eine Wiedervereinigung überhaupt an?

Der Auftrag Jesu im neuen Testament lautet, wir sollten eins sein. Es gibt viele gute Beispiele, wo die Konfessionen Gemeinsames tun. Aber es gibt auch Beispiele, wo wir noch nicht so weit sind. Man sollte diese Unterschiede nicht einfach übertünchen, sondern damit leben können, dass wir noch nicht am Ziel sind.

Es bleibt also ein Ringen um die Einheit?

Ja, es bleibt ein Ringen. Einerseits ist die Einheit eine praktische Frage, andererseits eine theologische. Man muss schauen: Was trennt uns eigentlich? Und was verbindet uns? Hauptpunkt ist die theologische Frage nach dem Blick auf die Kirche und – damit verbunden – auf die Sakramente und die Ämterstruktur.
Da gibt es theologisch noch immer unterschiedliche Positionen. Die katholische Kirche steht da näher bei den verschiedenen orthodoxen Kirchen. Die Reformierten ihrerseits sind auch plural aufgestellt. Hier eine Theologie zu finden, in der sich alle wiedererkennen, ist eine grosse Herausforderung.

Welche konkreten Schritte sind Ihrer Meinung nach nötig, um Einheit glaubwürdig anzustreben?

Die Verschiedenheit der Konfessionen anzuerkennen und sie mit schönen Worten zu umschreiben, macht noch keine Einheit. Wir müssen klären, was uns wirklich verbindet und wie das sichtbar wird. Am einen Ende der Skala steht jemand, der sagt: Es ist alles sichtbar, wir haben eine Einheit im Papst. Das andere Extrem ist, dass einer sagt: Alles wird erst im Himmel sichtbar, jetzt haben wir erst eine unsichtbare Einheit. Da sind noch einige Fragen offen.

Beobachten Sie einen ernsthaften Willen, dass man in der Frage der Wiedervereinigung vorankommt?

Ja, viele Theologinnen und Theologen wollen das. Bei der jüngeren Generation passiert das schon auf praktischer Ebene. Sie singen und beten zusammen. Nehmen wir als Beispiel die Taizé-Treffen: Dort fragt niemand nach katholisch oder reformiert. Und diese guten und praktischen Erfahrungen, die nicht einfach eine Form ausblenden und eine andere überhandnehmen lassen, sondern etwas Neues schaffen, können auch die Theologie beflügeln.

Gerade Taizé-Gebete und -Treffen ziehen viele Jugendliche an.

Die traditionelle Ökumene geht vielen Leuten zu langsam. Auch haben viele jüngere Leute wenig Verständnis, dass es die Ökumene braucht. Sie haben die Erfahrung der Trennung nicht mehr so ausgeprägt erlebt.

Welche Strukturen weist die Kirche zum Diskutieren auf?

Synodale Strukturen gibt es in den Ordensgemeinschaften schon lange, in den Diözesen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, etwa die Pfarreiräte oder auf Ebene Bistum der Seelsorgerat, Priesterrat, Rat der Diakone und Laientheologinnen. Ein grosser Teil meiner Arbeit besteht darin, auf Konferenzen und Plattformen um Fragen und Antworten zu ringen.

Wie zeigt sich der Wille des Herrn in der im Bistum Basel angestossenen Regenbogenpastoral?

Wir stellen fest, dass es eine Reihe von Personen gibt, die eine sexuelle Ausrichtung haben, die anders ist, als es sich die Mehrheit der Menschen gewöhnt ist. Auch diese Personen sind Kinder Gottes.
Wie bringen wir ihnen Gott näher, wie beziehen wir sie ein, damit sie merken können, dass sie auch dazugehören, so wie sie sind? Mir ist der Prozess wichtig, denn auch hier ist der Wille des Herrn nicht ein für alle Mal als unveränderlich erkannt.

Eine dynamische Grösse also?

Ja, immer dynamisch. Auch die Kirche, weil Jesus eine dynamische Figur ist. Er macht einen Weg von Galiläa über das Jordantal hinauf nach Jerusalem. Er stirbt am Kreuz, aber damit ist es nicht einfach fertig. Es folgt die Auferstehung und das Wort an die Jünger. «Geht zurück nach Galiläa», das heisst, es fängt wieder an. Er lebt. Jesus ist nichts Statisches. Und diese Dynamik gilt es, als Kirche wiederzuerkennen und auf die je einzelnen Situationen anzuwenden.

Nun ist aber eines der Hauptargumente, etwa gegen die Priesterweihe der Frau, die Tradition, also gerade nichts Dynamisches. Wie passt das zusammen?

Tradition ist selber auch eine dynamische Grösse. Es gibt Elemente, die jedoch trotz ihrer Dynamik stabil sind: Jesus, sein Tod am Kreuz, die Auferstehung. Dynamisch ist, wie wir das verstehen. Bei den Sakramenten hat ja auch erst das Konzil von Trient gesagt, dass es sieben sind. Der Ständige Diakonat kam erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf. Das ist also eine junge Geschichte.
Beim Thema Frau und Weihe müsste die Frage sein: Ist es historisch bedingt oder hat es einen tieferen Sinn, dass im Zwölferkreis nur Männer waren?
Die Päpstliche Bibelkommission hat schon 1976 gesagt, dass vom Neuen Testament her kein Hindernis für die Weihe von Frauen besteht, weil sich die Frage dort gar nicht stellt. Und dann glauben wir ja, dass der Heilige Geist in der Geschichte wirkt.
Bisher beobachten wir, dass der Heilige Geist scheinbar noch keine Frauen berufen hat. Aber muss das immer so weiter gehen? Da braucht es synodale Denk- und Glaubensprozesse, um den Willen des Herrn zu erkennen, gemeinsam, breit abgestützt.

Nächstes Jahr findet in Rom die Bischofssynode zum Thema «Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung» statt. Zur Vorbereitung hat Papst Franziskus mittels Frage- bogen die Meinung der Jugendlichen eingeholt. Kommen diese Antworten auch zum Bistum?

Die Resultate der Umfrage kommen via Jugendbischöfe zur Bischofskonferenz und gehen dann nach Rom. Entscheidend ist: Man fragt die Betroffenen und lädt sie an die Synode ein. Das ist etwas, was die Kirche schon immer konnte und mal besser, mal weniger gut gelebt hat: die betroffenen Leute einbeziehen. Man spricht nicht über die Jugendlichen, sondern mit den Jugendlichen.

Wie kommen denn die Stimmen der Jugend nach Solothurn?

Die Stimmen hören wir auf vielen Kanälen. Eine Quelle sind die Fachstellen und die Jugendkommissionen. Dann bin ich selbst sehr viel unterwegs in den Regionen unseres Bistums, im Austausch mit den Leuten. Meist beschränken sich die Feedbacks nicht auf einen einzigen Aspekt wie Jugend. Sondern da redet dann einer über Jugendseelsorge und schimpft gleich noch über den Lehrplan 21 und beklagt sich, die Jugendlichen kämen nicht in die Kirche, weil die Kirchenmusik altmodisch sei.
Das betrifft zwar alles die Jugend, es sind aber ganz verschiedene Aspekte. Eine gute Quelle sind die mehreren hundert Firmungen in unserem Bistum pro Jahr. An den vorgängigen Treffen mit den Firmanden kommt vieles zur Sprache, was die Jugendlichen bewegt.

Welche prägende Kirchenerfahrung haben Sie selber als Kind und Jugendlicher gemacht?

Was mich geprägt hat, ist unter anderem der Besuch der Messe jeden Sonntag. Weil es regelmässig war und trotzdem jeden Sonntag wieder ein wenig anders. Die Liturgie ist ja reich an ganz verschiedenen Aspekten. Einer5seits ist sie ein ganzheitliches Erlebnis, es gibt etwas zu spüren, schmecken, riechen und jede Menge zu sehen.
Dann ist es auch ein intellektuelles Erlebnis, denn man hört das Wort Gottes und eine Predigt. Dann singt man, wobei Leib und Seele eingebunden sind. Das Geschehen ist darauf konzentriert, dass Gott jetzt da unter den Menschen ist. Der Glaube wird nicht durch Diskussionen weitergegeben, sondern durch die existenzielle Auseinandersetzung mit Gott im Feiern der Liturgie.

Sie haben die existenzielle Erfahrung der Liturgie beschrieben. Doch selbst die Jugendlichen von Jungwacht Blauring, die der Kirche nahestehen, sind nur selten im Gottesdienst anzutreffen.

Das ist so. Auch manche Ministranten gehen vor allem dann in den Gottesdienst, wenn sie selber im Einsatz sind. Deshalb ist es gut, wenn sie möglichst oft Dienst haben (lacht). Aber man muss auch sagen, dass Kinder heute in einer völlig anderen Welt aufwachsen als ich damals. Wir hatten zu Hause keinen Fernseher. Heute ist es vielleicht eher in einem Taizé-Gottesdienst, der viel ruhiger ist, wo die Jugendlichen eine mystische Erfahrung machen können. Wichtig scheint mir die Erfahrung, dass Gott da ist, erfahrbar wird.

Also gelten dem Bistum nicht ausschliesslich diejenigen Jugendlichen, welche die Lobpreisabende von Adoray besuchen, als hoffnungsvolle Jugend?

Die einen sind bei Adoray, andere in der Jubla, wieder andere bei den Ministranten. Man sollte nicht das eine gegen das andere ausspielen. Das ist Vielfalt. Wichtig ist, dass man sich engagiert. Wenn jemand seinen Weg sucht, will ich das unterstützen.
Das Schöne an Adoray ist die Anbetung. Man ist einfach vor Gott und betet. Das bedeutet nicht jedem gleich viel, aber das Schöne in der katholischen Kirche ist ja, dass es so viele verschiedene Frömmigkeitsformen gibt. Da besitzt unsere Kirche einen riesigen Reichtum.

Interview: Andreas Wissmiller, Kantonales Pfarreiblatt Luzern / Marie-Christine Andres, «Horizonte», Pfarreiblatt Aargau.
Eine Produktion der ARPF Arbeitsgemeinschaft der «pfarrblatt»-Redaktionen der Deutschschweiz.


Bistum Basel

27. Dezember 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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