Die Bestatterin Yvonne Tschanz legt vorsichtig den Deckel auf den Sarg. Sie stellt sich immer vor, der verstorbene Mensch beobachte sie bei ihrer Arbeit. Foto: Pia Neuenschwander

«Da passt etwas Asche rein. Manche fühlen sich den Verstorbenen so nahe.» Foto: Pia Neuenschwander

Vorbereitung für die Aufbahrung: mit Respekt. Foto: Pia Neuenschwander

«Mit Mitgefühl sind wir auf dem richtigen Weg»

Yvonne Tschanz hat ursprünglich als Tierpflegerin, Hundecoiffeuse und im Sicherheitsdienst gearbeitet. Seit sieben Jahren ist sie nun als Bestatterin im Unternehmen von Daniel Lochbrunner im Berner Oberland tätig. Ihr Beruf lässt aufhorchen. Im «pfarrblatt»-Interview zu Allerseelen berichtet sie, wie der Umgang mit Verstorbenen und Hinterbliebenen zu ihrem Alltag gehört und doch nie zur Routine wird.

«pfarrblatt»: Frau Tschanz, warum sind Sie Bestatterin geworden?

Yvonne Tschanz: Während meiner Umorientierung bin ich auf das Bestattungsunternehmen von Daniel Lochbrunner gestossen und durfte reinschauen. Als es mit meiner Stellensuche ernst wurde, konnte ich praktisch über Nacht anfangen. Ich merkte, dass ich viel zuwenig über den Beruf des Bestatters, der Bestatterin wusste. Obwohl es thematisch immer ums Gleiche geht, ist das Spektrum sehr breit.

Als Bestatter*in ist man immer Quereinsteiger*in, da es in der Schweiz keine Lehre dafür gibt. Es braucht einen guten Lehrmeister, der einem dieses schwierige Thema nahebringt. Und dann ist es «Learning by doing», zum Beispiel über die verschiedenen Möglichkeiten der Bestattung, die es gibt oder wie man ein gutes Trauergespräch führt. Diese Vielfalt unterschätzen alle, die in die Branche einsteigen.

Es gilt, manche Hürde zu meistern, bevor man «auf die Leute losgelassen» wird. Wir sprechen von mindestens einem halben Jahr, bis man das Grundwissen hat, um professionell Auskunft zu geben.

Stichwort «Trauergespräch»: Kommen Sie da nicht in Konflikt mit Seelsorgenden?

Wenn ein persönlicher Kontakt zum Pfarrer besteht, melden sich die Leute als erstes bei der Kirche. Meistens läuft der erste Kontakt hier über uns. In den letzten 15 Jahren ist die Administration komplizierter geworden. Wir organisieren die Bestattung nach Absprache mit der Familie. So wie es Hochzeitsplaner gibt, sind wir Bestattungsplaner.

Mit dem Trauergespräch legen wir den Grundstein. Was bei einem Todesfall wann und wie zu tun sei – auch da unterscheiden sich die Kirchgemeinden sehr. In manchen findet die Beisetzung nach der Trauerfeier statt, in anderen ist es umgekehrt. Seelsorgerisch kann es sinnvoll sein, die Trauerfeier nach der Beisetzung auf dem Friedhof zu machen. Jahrelang gab es Diskussionen, wenn Familien die Urne für die Trauerfeier in der Kirche dabeihaben wollte – da sind wir manchmal im Konflikt mit der Kirche. Mittlerweile besprechen die Familien das direkt mit der Pfarrperson.


Was passiert, wenn eine Urne nach der Trauerfeier nach Hause kommt?

Die Familie setzt die Urne beispielsweise im Garten bei. Oder die Asche wird in der Natur verstreut, auf einem Berg oder in einem See oder Wald. Wir beraten die Hinterbliebenen, was im Sinne aller machbar ist. Für eine Ascheteilung gibt es auch kleine Reliquienurnen, Schmeichelherzen aus Holz. Da passen zwei Löffelchen Asche rein. Manche fühlen sich den Verstorbenen so nahe. Die Beisetzungen sind heute leider oft privater geworden. Manche schämen sich für ihre Tränen. Das muss nicht sein, Trauer darf gelebt werden. Man merkt auch, ob der Tod Thema oder Tabu ist – die Haltung der Familie kommt zum Tragen.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihren Beruf?

Ganz unterschiedlich. Manche nehmen es neutral zur Kenntnis, andere meinen, ich mache einen Witz. Einige ekeln sich, und wieder andere finden es spannend und fragen genauer nach. Mit meinem Partner muss ich über meine Arbeit und das Erlebte sprechen können. In meiner Familie reden wir offen über den Tod. Mein Vater und mein Bruder sind beide unerwartet gestorben. Meine Mutter weiss, wie sie ihre Urne gestalten will.

Was berührt Sie?

Als wir einmal für eine Überführung auf dem Weg zur Unfallstelle waren, erfuhren wir, dass es sich um einen meiner Freunde handelte. Oder als mir einmal ein fitter 80-Jähriger berichtete, dass er zu Exit gehen wolle. Als er, lebenssatt, wirklich so starb, hat mich das beschäftigt. Ja, und wenn gestandene Männer weinen, greife auch ich mal zum Taschentuch. Man wird meist unerwartet berührt. Solange wir noch mitfühlen können, sind wir auf dem richtigen Weg.


Sie bereiten Verstorbene jeweils zu zweit für die Aufbahrung oder Einbettung vor. Was geht da in Ihnen vor?

Ich frage mich immer, was dieser Mensch wohl alles erlebt hat, und stelle mir vor, dass er neben mir steht und zuschaut, wie ich arbeite. So sage ich «Oh, Entschuldigung», wenn die Hand der Person runterrutscht. Dieser Respekt ist meine Richtschnur.


Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

Das Vertrauen und die Dankbarkeit der Menschen spornen mich an. Das kenne ich aus keinem anderen Beruf so.


Woran glauben Sie?

Ich glaube, dass es «etwas» gibt. Am ehesten finde ich es in der Natur. Die Kirche ist für mich ein Kraftort, um Merci zu sagen. Wenn ich ab und zu «z’Predigt» gehe, suche ich diese pfarrerabhängig aus. Es gibt so viele Arten zu glauben. Mir ist es wichtig, alle zu tolerieren.

Was sagen Sie, wenn jemand fragt, ob es nach dem Tod weitergeht?

Ich hoffe es. So, dass auch ich meine Lieben wiedersehe. Ich glaube, dass es bestimmt ist, wann wir gehen: wenn unsere Aufgabe erfüllt ist oder wir etwas gelernt haben. So überleben manche Menschen Unglaubliches, und andere sterben schon vor der Geburt.Wie möchten Sie einmal bestattet werden?Ich möchte kremiert werden. Ich bin gesellig und kenne viele Leute. So fände ich es schlimm, wenn sie sich nicht von mir verabschieden könnten, mit Trauerfeier und grossem Essen für alle. Danach sollen sie wieder das Schöne im Leben sehen. Jede*r verdient es, nochmals gewürdigt zu werden. Deshalb stimmt für mich: «Machet e grossi Sach, u fyret ds Läbe!»

Interview: Anouk Hiedl

 


Verstorbene rekonstruieren und konservieren

Thanatologie (gr. thánatos = Tod) ist die Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und von der Bestattung. Daniel Lochbrunner ist einer von zwei praktizierenden Thanatologen in der Schweiz. Nebst der hygienischen Totenversorgung richtet er das gepflegte, natürliche Erscheinungsbild der Verstorbenen für eine offene Aufbahrung wieder her, damit sich Hinterbliebene würdig verabschieden können. «Besonders nach Unfällen oder Suizid bleiben Familie und Freunde dank der optischen Rekonstruktion von der Frage verschont, ob wirklich die ihnen nahestehende Person im Sarg liegt», so Lochbrunner. Verzögert sich eine Beisetzung um mehrere Wochen, balsamiert Daniel Lochbrunner Verstorbene auf Wunsch «von innen» ein. Wie bei einer Dialyse entnimmt er dazu dem Körper das Blut und tauscht es durch eine Formaldehydflüssigkeit aus. In der internationalen Ausbildung zum Thanatologen hat Lochbrunner u. a. fundierte Kenntnisse in Anatomie, Pathologie, Bakteriologie, Desinfektion und der restaurativen Wiederherstellung erworben. (ah)

 


 

 

31. Oktober 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 45-46
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