Unterweg von Landquart nach Davos. Die friedliche Anti-WEF-Bewegung wurde damit wiederbelebt. Foto: Kristian Buus, @strikewef2020 (Facebook)

Foto: Jonathan Biedermann

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Mit Wanderschuhen ans WEF

Aktivist*innen demonstrierten mit einer dreitägigen «Winterwanderung» ans Weltwirtschaftsforum Davos für Klimaschutz und mehr Gerechtigkeit. Ein Erfahrungsbericht.


Von Miriam Helfenstein, Fachstelle Kirche im Dialog, Bern


Am Sonntagnachmittag wird es bunt auf den Strassen von Landquart. Rund 1500 Menschen versammeln sich hier in Wanderschuhen und mit Rucksack. Sie bringen Transparente, bemalte Regenschirme oder Kostüme mit. Nach einem veganen Mittagessen machen wir uns auf nach Schiers. Begleitet werden wir von Musik aus dem Soundwagen, den letzten Sonnenstrahlen, die bald hinter den Bergen verschwinden.

Hüpfend singen wir «on est plus chaud que le climat» – das hält uns warm. Auf unserem Weg begegnen wir Menschen, die winkend und manchmal lachend am Fenster stehen. Wir werden gefilmt, einmal wird uns Tee angeboten. Es beginnt zu schneien. Als wir in Schiers ankommen, ist es bereits dunkel. Dafür erwartet uns ein wärmendes Feuer, bald gibt es Essen und anschliessend fahren Busse zu den Unterkünften: Wir schlafen in der Turnhalle, im Pfadiheim oder einer Sägerei. Bevor wir in unserem Schlafsack schlüpfen massieren wir uns die gewanderten Kilometer aus den Knochen. Es sind noch 40 Kilometer bis nach Davos.

Der zweite Tag beginnt früh. Durch das Laufen werden wir wach und bald singen wir wieder: «We’re on a planet. That has a problem. We’ve got to solve it, get involved And do it now, now, now» Unterschiedlich sind die Menschen, die durch die kalte Morgenluft in Richtung Klosters ziehen: Da sind die pink angezogenen Trommler*innen, die jeder Parole neue Energie geben. Anarchist*Innen mit schwarzen Fahnen laufen neben dem verkleideten Sustaina Claus und Schüler*Innen aus der Klimabewegung her.

Zwei als Koala verkleidete Menschen hinterlassen ihre Spuren im Schnee – der Koala als Klimaflüchtling hat es bis nach Graubünden getrieben. Vom Kind im Wagen bis zum Grossvater meiner Freundin ist jede Altersgruppe vertreten. Clowns, die sich an Kreuzungen neben die Polizist*Innen stellen und uns Vorbeilaufenden lachend in die richtige Richtung winken. Die Ankunft in Klosters beginnt mit einem Nasenrümpfen, als alle Angekommenen ihre Schuhe ausziehen und dabei dem Duft von den gelaufenen Kilometern freien Lauf lassen. Das Abendessen schmeckt umso besser und nach einer Runde Tichu schlafen wir alle in der grossen Halle des Sportzentrums in Klosters: Isomatte an Isomatte.

Auch am letzten Tag organisieren wir uns gemeinsam. Zu Beginn der Wanderung haben sich 6 bis 8 Personen in Bezugsgruppen zusammengeschlossen, von denen nun je eine Person im Delegierten-Plenum das weitere Vorgehen mitdiskutiert. Mit Handzeichen äussern wir Zustimmung oder Bedenken. Wir sind eine Gruppe, in der jede Person eine Stimme hat. Für den letzten Tag haben wir keine Bewilligung, also laufen wir auf dem Wanderweg.

Die verschneite Winterlandschaft zeichnet eine Idylle, von der bald nichts mehr zu spüren ist, als wir am Hotel InterContinental in Davos vorbeilaufen: Der Eingang ist mit Stacheldrahtzaun abgeriegelt, dahinter steht ein Aufgebot an Polizist*Innen. Wir wandern am Stacheldraht entlang. Klimaschutz am WEF – ein Fremdwort?! Wir laufen weiter, die Füsse und Beine langsam müde. Wir wechseln uns ab mit Rucksack tragen, teilen das übriggebliebene Picknick und finden Energie für die letzten Kilometer. Dann stehen wir auf dem Rathausplatz in Davos, klopfen uns auf die Schulter, holen uns einen letzten Teller des tollen Essens. Bald laufen wir zum Bahnhof und als ich im Zug Richtung lang ersehnter und vor allem absolut nötiger Dusche sitze, fehlen mir die Menschen, die starken Parolen, die friedliche Stimmung. Die Solidarität der letzten Tage hat mir gezeigt, wie eine Welt ohne WEF aussehen könnte.

Die «Winterwanderung» wurde in Bern, im Umfeld der Organisation der Tour de Lorraine, angeschoben. Gekommen waren Klimaaktivistinnen, Globalisierungskritiker, junge und alte Menschen. Sie wanderten, um für einen besseren Klimaschutz, mehr Gerechtigkeit und das Ende des Weltwirtschaftsforums zu demonstrieren. Mit dabei war auch Miriam Helfenstein. Sie ist Projektmitarbeiterin bei der Fachstelle «Kirche im Dialog» und hier explizit zuständig für «Kirche für Konzernverantwortung». kr

 

 

24. Januar 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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