Möglichkeitssinn

Vieles sehen wir jeden Tag und gehen daran vorbei, ohne es besonders zu beachten. Aber wenn es anders als erwartet ist, nehmen wir es wahr. Dass sich eine Türfalle auf ungefähr einem Meter Höhe befindet, scheint «normal» – bis wir eine Tür entdecken, bei der der Griff auf der Höhe von einem Meter sechzig angebracht ist. Das Überraschende zwingt uns zum Nachdenken: Wieso ist das so? Was hat sich jemand dabei gedacht? Könnte alles nicht auch ganz anders sein?

Der Glaube stellt diese Frage: «Könnte alles nicht auch ganz anders sein?» Er rechnet mit Möglichkeiten, die unsere Erwartungen sprengen. Er sieht die Dinge in einem neuen Licht. Mit den Augen des Glaubens kann man zum Beispiel die Schönheit eines Menschen wahrnehmen, der auf den «ersten Blick» hässlich wirkt. Die Augen der Liebe sehen den geschundenen und getöteten Jesus als auferstandenen Christus. Der Glaube kann aber auch das, was gemeinhin als schön und richtig gilt, kritisch hinterfragen, Grenzen aufzeigen und Ideologien entlarven.

Meist entscheiden wir uns nicht einfach selbst, etwas mit anderen Augen zu sehen. Zu vertraut sind wir mit dem Gewohnten. Oft ist es eine Krise, die uns zwingt, neu auf eine Situation zu schauen – und darin vielleicht unerwartete Chancen zu entdecken. Ein Mann, der schwer erkrankt war, sagte mir einmal: «Die Krankheit ist schlimm – das ist und bleibt so. Und gleichzeitig habe ich jetzt auch gemerkt, was mir wirklich wichtig ist im Leben und wofür ich die Zeit, die mir bleibt, einsetzen möchte. Das hätte ich vielleicht gar nie entdeckt, wenn ich nicht krank geworden wäre.» 

Auflösung zum Bild: Diese Tür hat keinen Konstruktionsfehler. Im Gegenteil, es ist eine Tür mit Kinderschutz-Griff in der chirurgischen Kinderklinik am Inselspital Bern.

Hubert Kössler, Theologe, Co-Leiter Seelsorge Inselspital Autorenportraits

22. November 2012