Kathedralmoschee in Cordoba, Spanien. Foto: Zaineb Hachami, commons.wikimedia.org

Muslim*innen besuchen Kirche

Der interreligiöse Dialog in Thun darf wiederum auf zwei respektable Anlässe zur Vertiefung der religiösen Beziehungen zwischen Christentum und Islam zurückschauen.

von Hans H. Weber, christlicher Vertreter der IKRE-Moschee in Thun

Während des letzten Halbjahres besuchten Religionsschüler*innen und Schulklassen die IKRE-Moschee in Thun. Der Imam und Vorstandsmitglieder des islamischen Vereins IKRE-Thun betreuten und bewirteten eine ansehnliche Schar unserer jungen Pfarreimitglieder. Der Imam, Azir Aziri, stellte die Moschee vor, erklärte die wichtigsten Elemente der Architektur. Er wies auf die Gepflogenheiten der Gläubigen hin, welche die Moschee besuchen. Immer unter dem Motto «Du musst es nicht glauben, aber du sollst es wissen!» Danach wurden den jungen Besucher*innen die verbindlichen Grundlagen des Korans erklärt. Schwergewicht wurde auf die gegenseitige Akzeptanz und den gegenseitigen Respekt zwischen Christ*innen und Muslim*innen hingewiesen. Danach bot sich die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Ich erachte diesen Teil der Zusammenarbeit als das wertvollste Element der Begegnung zwischen zwei monotheistischen Religionen. An der Basis auf Augenhöhe einen Dialog zu führen, der auch kritische Fragen beantworten lässt. Die beste Art der Integration, des Respekts und des Wissens. Ich bin überzeugt davon, dass dieser kleine Beitrag zur Integration und gegenseitigem Vertrauen gelungen ist.

Am 29. Januar besuchten die älteren Religionsschüler*innen des Imam unsere Kirche der Pfarrei St. Marien Thun. Der erste Gegenbesuch junger Muslim*innen in eine christliche Kirche in Thun. Das Hauptgewicht wurde auf unsere zahlreichen Gemeinsamkeiten gelegt. Der gleiche Gott, gegenseitige ethische Werte, die Freiheit des Glaubens. Ebenfalls unter dem Motto «Du musst es nicht glauben, aber du sollst es wissen!». Nach einer kurzen Präsentation über den christlichen Glauben begann der interessanteste Teil: Fragen und Antworten. Die Fragen richteten sich wesentlich auf den Unterschied von Jesus als Propheten und der christlichen Ansicht als Sohn Gottes. Aber auch die Frage ob Christinnen ebenfalls ein Kopftuch tragen dürften. Ob es in unserer Religion auch Verbote gebe, wie beispielsweise das Verbot, Alkohol zu trinken. Ob die Christ*innen ein bestimmtes Versprechen ablegen müssen, um in die christliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Ich erwähnte das Sakrament der Taufe und die damit verbundenen dogmatischen Elemente, aber auch was unsere Staatsverfassung zur Glaubensfreiheit festschreibt: das Primat der staatsrechtlichen Glaubensfreiheit. Ich möchte ebenfalls unterstreichen, dass solche Fragestellungen elementar wichtig sind, um Vorurteile abzubauen. Die jungen Muslim*innen wurden in kompetenter Art von Christine Schmaus durch die Kirche und Sakristei geführt. Alle Elemente, vom Kelch bis zum Gewand der Priester, die Elemente der kirchlichen Ausstattung, vom Altar bis zum Beichtzimmer, erklärt.

Unsere gemeinsame Arbeit, zusammen mit dem Imam und dem IKRE-Vorstand, hat letztes Jahr begonnen, gegenseitige Besuche zu organisieren. Auch Mitglieder von Behörden und Kirchgemeinden haben wir eingeladen, die Moschee zu besuchen. Inzwischen konnten wir uns auch mit dem Dachverband der muslimischen Vereine (FIDS) vernetzen. Es ist vermutlich die erfolgreichste Art, das interreligiöse Zusammenleben an der Basis unserer Gläubigen zu etablieren.

 

In der Frage-Antwort-Stunde nach dem Kirchenbesuch äusserten sich die muslimischen Religionsschüler*innen etwa wie folgt (ein Zusammenzug): «Die Christen hassen uns ja gar nicht! Sie haben eine Religion, die die gleichen Ziele verfolgen. Wir haben gar nicht gewusst, dass Christen und Muslime so respektvoll miteinander umgehen können. Was wir durch Filme und Propaganda erfahren ist grösstenteils eine Lüge. Wir sind begeistert und haben ein neues Blatt in unserer eigenen Religion aufschlagen dürfen».

5. Februar 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 4
  • Pfarrblatt / Angelus
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