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News-Artikel

Foto: Bruno Cervera/unsplash.com

Nahe sein im Social Distancing

Die vergangenen Wochen haben uns neue Erfahrungen geschenkt. Über Schicksalsschläge und Krankheiten hinaus haben uns die weltumspannenden Folgen des Covid-19-Virus zum Nachdenken gebracht. Wir sehen unser Leben in einem grösseren Zusammenhang von Leben und Tod. Wir spüren unsere Abhängigkeit von heilenden Kräften in unserer Gesellschaft und in der Welt. Vor allem die Abstandsregeln erinnern uns daran, wie gern wir uns umarmen. Wir sind daran gewöhnt, Freud’ wie Leid körperlich Ausdruck geben zu können, wenn die Worte versagen. Social Distancing führt uns vor Augen, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Worauf kommt es an? Was möchte ich noch erleben? Was kann ich in die Tat umsetzen?

Im Spital hat es durch die Pandemie grosse Herausforderungen für uns alle gegeben: Die Pflegenden müssen sich verstärkt Covid-19-Patient*innen widmen. Eigene Ängste müssen zurückgestellt werden. Stärke und Zusammenhalt der Teams müssen sich bewähren. Viele Menschen blicken erwartungsvoll auf die im Gesundheitswesen tätigen Ärztinnen und Pflegenden.

Seelsorgende erfuhren sich plötzlich einmal mehr als «systemrelevant». Sie sind bei den engagierten Behandlungsteams. Sie werden von Angehörigen angesprochen, die Patient*innen nicht mehr begleiten dürfen.

Werdende Mütter konnten ihre Männer nur kurz sehen, wenn sie selbst manchmal Wochen im Spital verbringen mussten. Sie waren einsam in der Ungewissheit über ihre Kinder zuhause und im eigenen Leib. Besonders belastend bleibt das Abschiednehmen im Todesfall. Bei Covid-19-Patient*innen war das Abschiedsritual mit nur einer Person eine seelische Herausforderung. Dieser Traurigkeit kann nur standgehalten werden, wenn man sich der Zuversicht hingibt, wie es Hiob konnte: «Unter Tränen blickt mein Auge zu Gott auf» (Hiob 16,20). Daraus wächst das Vertrauen auf einen grösseren Zusammenhang des Lebens und Leidens. Wir wenden den Blick vom Tod zum Leben.

Neben den vielen ein- und beschränkenden Massnahmen, die wegen der Pandemie getroffen wurden, stellen sich auch viele berührende Erfahrungen ein. Ein Freund aus Deutschland nennt es einen «Kollateralgewinn»: Das erste Telefonieren über die Grenzen hinweg mit Facetime oder Skype – sich sehen können! Im Chat verabreden sich Familien zum virtuellen Treffen. Jugendliche kaufen für Ältere ein, Nachbarn kümmern sich umeinander, viele kommen überhaupt zum ersten Mal ins Gespräch.

Wir in der westlichen Welt sind sehr privilegiert: Wir profitieren von ausreichendem Essen, geniessen Garten oder Balkon. Wir sehen aber auch die Not derjenigen, die den Job verloren haben, mit Kurzarbeit leben, in Not sind. Es gibt bleibend schwierige Situationen in Familien, Kinder, die ihre Gspänli oder Grosseltern nicht mehr sehen durften und dürfen. Aber wir haben auch gute Erfahrungen gemacht. Sie haben unser Leben bereichert. Mit ihnen können wir gut nach vorne sehen. Wir sind gestärkt und haben Vertrauen hinzugewonnen.

Isabella Skuljan, kath. Seelsorgerin

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

23. Juni 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 14
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