Erika Calzaferri ist seit vier Jahren Freiwillige in der Palliative Care. Foto: zVg

«Noch darfst du Worte verschenken»

In fast vier Jahren hat Erika Calzaferri aus Bremgarten dreizehn Menschen am Ende ihres Lebens begleitet. Dabei nimmt sie sich selber zurück – und hört gut zu.

von Marcel Friedli

«Bald ist deine Zeit um. Bald wächst der Himmel unter dem Gras. Noch darfst du lieben, Worte verschenken. Sei, was du bist. Gib, was du hast.» Diese Worte der Poetin Rose Ausländer, die uns an die Endlichkeit unseres Lebens erinnern, motivieren Erika Calzaferri aus Bremgarten, für Menschen in der letzten Lebensphase da zu sein.

Sie tut dies seit bald vier Jahren. Ihre freiwilligen Einsätze reichen von einer einzigen Nacht bis zu wöchentlichen Besuchen über mehrere Monate (lesen Sie weiter unten «Die Brücke über den Bach»). «In meinem Leben», erzählt die 77-Jährige, «gab es mehrere Begegnungen mit dem Tod. Und immer bedauerte ich, dass Situationen rund um das Lebensende in unserer Gesellschaft zu wenig weise und zu wenig achtsam behandelt wurden: dass Traditionen wie das Aufbahren zu Hause fast gänzlich verschwunden sind. Oder dass man im Spital möglichst schnell verschwinden muss, damit das Zimmer wieder belegt werden kann.»

Der passende Mantel

Ein weiteres Ereignis, das zu ihrer Tätigkeit als Freiwillige führte, war die Begegnung mit einem Garderobenständer, an dem Mäntel hingen – an einer Ausstellung zum Thema Sterben im Berner Kornhausforum. «Einer der Mäntel», erzählt sie, «war aus feuchtem Moos, ein anderer aus trockenem Tannenreisig.» Der Clou: Mit Hilfe dieser Mäntel wurde Palliative Care veranschaulicht. Pallium ist lateinisch und bedeutet: Mantel, Umhang. «Also den Menschen, die dies wünschen, in der letzten Phase ihres Lebens den Mantel geben, den sie brauchen. Den Mantel, der zu ihnen passt. Sie mit diesem Mantel wärmen, bei ihnen zu Hause.»

All das fügte sich im Laufe der Jahre zu ihrer neuen Aufgabe: Erika Calzaferri absolvierte in Zürich einen interdisziplinären Lehrgang in Palliative Care, wurde Freiwillige beim Verein Etoile – und absolvierte zudem einen Kurs, bei dem es um den spirituellen Aspekt geht: um den Part, um den sich die katholische Kirche im Kanton Bern kümmert (vgl. Kasten).

«In diesem Kurs», sagt Erika Calzaferri, «war es für mich besonders gewinnbringend, meine religiös-spirituelle Biografie zu erkunden. Mir wurde bewusst, welche Erlebnisse mich als Christin verwurzelt hatten und wo meine eigenen Unsicherheiten und Ängste sitzen. Auch setzte ich mich intensiv mit meiner Beziehung zum Göttlichen in meinem Leben auseinander.» Das habe zu Klarheit über ihr eigenes Leben geführt. «Darum ist es möglich, mich selber bei meinen Einsätzen noch bewusster draussen zu lassen.»

Die köstlichen Früchte

Sich vom Ego für ein paar Stunden zu befreien, öffnet den Raum für den Menschen, den Erika Calzaferri begleitet: «Ich höre jeweils aufmerksam zu, was er mir erzählt. Sagt er nichts, stelle ich offene Fragen nach seinen Quellen für Geduld und Mut während der Krankheit. Dabei begegne ich unterschiedlichen Denkweisen und Glaubensrichtungen.» Dann sucht Erika Calzaferri nach passenden Inputs. Die Palette reicht von Liedern, Gebeten, Gedichten und Psalmen zu Versen von Lao Tse über Meditationsübungen bis zu Bodyscan und Atemübungen. «Immer», betont sie, «gibt die Person die Anregung. Ich lese vor oder wir schweigen und atmen gemeinsam.»

Nur wer selber in seiner Mitte ist, kann für andere in einem so ausserordentlichen und einmaligen Moment – dem Übergang vom Irdischen ins Überirdische – ein Anker sein. Darum nimmt sich Erika Calzaferri jeden Tag Zeit für sich und füllt ihren Energietank, zum Beispiel via Meditation in Bewegung, mit Shibashi. Eine weise Frau bietet Pfirsiche an: So heisst eine ihrer Lieblingsübungen. «In der fernöstlichen Mythologie gibt es eine Insel, auf der eine Göttin Pfirsiche wachsen lässt. Diese saftigen, köstlichen Früchte sind in China und Japan sehr kostbar. Sie symbolisieren Lebensqualität.» So, wie es Erika Calzaferri auch den Menschen im Finish ihres Lebens ermöglichen will. Dabei gibt sie, was sie zu geben hat: Worte – und Liebe.

 


Palliative Care im Kanton Bern

Palliative Care bezeichnet die ganzheitliche Pflege und Betreuung von Menschen, die – aufgrund einer Krankheit – eine begrenzte Lebenserwartung haben. Diese Fürsorge beinhaltet medizinische, psychologische, soziale und spirituelle Aspekte. Das Ziel: die Lebensqualität von Betroffenen und ihren Angehörigen zu erhalten und zu verbessern. Der Mobile Palliativdienst (MPD) Spitex Bern deckt den Pastoralraum Bern ab. Wird das Bedürfnis nach spiritueller Begleitung wahrgenommen, kontaktiert der MPD entweder direkt die Pfarrei, Kirchgemeinde oder die Fachstelle für Sozialarbeit FASA. Diese ist in Kontakt mit dem Verein Etoile. Die katholische Kirche engagiert sich laut FASA im ganzen Kanton Bern in Palliative Care. Dabei übernimmt sie den spirituellen Part und arbeitet je nach Kantonsteil mit diversen Partnern zusammen: mit medizinischem Fachpersonal, Sozialstellen, Freiwilligen etc. Hausärzt*innen oder Spitex verweisen an die entsprechende Stelle.

FASA: 031 300 33 46; fasa.bern(at)kathbern.ch; Palliative Care
www.verein-etoile.ch


Die Brücke über den Bach

Erika Calzaferri greift in ihren Schatz mit Geschichten, die ihr die Erfahrungen als Begleiterin von Menschen am Ende ihres Lebens geschenkt haben:

«Kurz vor Weihnachten hielt ich bei einer Sterbenden Nachtwache. Ich wollte ihrem Mann, der sie pflegte, den dringend benötigten Schlaf ermöglichen. Die junge Frau war sediert und nicht ansprechbar, atmete laut und röchelnd. Ich sagte ihr, dass ich diese Nacht bei ihr wache. Nach einer Weile las ich ihr das Lied 93 von Rabindranath Tagore vor, in dem er den Tod als Freund begrüsst. Ich ging ins Zimmer nebenan, um mich auszuruhen. Dann merkte ich: Stille, kein Atemgeräusch mehr. Die Frau lag ruhig da, als ob sie schliefe. Ich streichelte ihre Hände, ihren Hals. Kein Puls, kein Atem! Ohne sich zu bewegen, hatte sich ihr Leben sanft ausgehaucht. In Gedanken begleitete ich sie auf ihrem Weg. Ich rief die Fachfrau Palliative Care an. Sie sagte, sie sei in zwei Stunden da.
Der Mann war – nach dem ersten Schreck – relativ gefasst. Seit Tagen hatten beide den Tod erwartet. Da wir noch zwei Stunden Zeit hatten, bis wir den Arzt kontaktieren konnten, schlug die Pflegefachfrau vor, dass wir die Verstorbene gemeinsam schön kleiden und schmücken. Als sie dalag, umgeben von Rosenblättern, zündeten wir zwei Kerzen an. Mit gutem Gefühl konnten wir so den Mann mit seiner Frau allein lassen.

Ein anderes Beispiel stammt von einem längeren Einsatz: Während einigen Monaten begleitete ich eine schwer herzkranke 92-jährige Frau. Sie war geistig wach und lebte allein in ihrer Wohnung, mit Hilfe der Spitex. Sie habe ein gutes Leben gehabt, sagte sie. Jetzt ziehe sie jeweils eine Schublade und nehme eine Erinnerung nach der anderen heraus. Denke sie an den Tod, sehe sie eine wunderschöne Blumenwiese und eine Brücke über einen Bach. Sie brauche nur über diese Brücke zu gehen. Auf unsere Besuche freute sie sich jeweils sehr. Sie war eine grosse Blumenfreundin und plante jeweils im Voraus, welche Gärten im Quartier sie im Rollstuhl entdecken wollte. Nach einem Sturz wurde sie in ein Pflegeheim gebracht. Nach zwei oder drei Frühlingsausflügen machte sie sich auf – um durch die Blumenwiese und über die Brücke zu gehen.»

4. März 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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