Foto: Lago di Lugano. Foto: Alamy Stock Foto

Noch einmal im Leben an den Luganersee

Franz Kafka am Wasser

Autorin: Beatrice Eichmann-Leutenegger

Eine fremde Gegend lernt man kennen, wenn man in ihren Seen schwimmt – davon war der Prager Dichter überzeugt. Er und sein Freund Max Brod hatten die Schweiz- und Italienreise (August/September 1911) den Seen entlang geplant. Im Zürich- und Vierwaldstättersee, im Luganer- und Langensee schwammen die beiden lustvoll. Kafka notierte im Tagebuch «die republikanische Freiheit des Sichausziehens vor dem Kleiderhaken», da im Männerbad der Stadt Zürich Kabinen teilweise fehlten. Dem Gebirge dagegen wichen die Reisenden mit Ausnahme der Rigi aus, fühlte sich doch Kafka während des Frühstücks im Hotel Sternen, Flüelen, «zu sehr eingesperrt von Bergen». «Man sitzt gebückt, die Nase fast im Honig», schrieb er an seine Schwester Ottla.

Früh hatte Hermann Kafka seinen Sohn in die «Civile Schwimmschule» an der Moldau mitgenommen, wo man noch bis 1900 aufs jüdische Ghetto blickte. Der magere Junge genierte sich neben dem stämmigen Vater, aber bald entwickelte sich Franz zu einem vorzüglichen Schwimmer und Ruderer, der die Erfahrung physischer Leichtigkeit im Wasser genoss. «Franz war unerschöpflich im Erfinden neuer sportlicher Varianten», erinnerte sich Brod, «ungezählte schöne Stunden verbrachten wir auf den Brettern der Prager Badeanstalten.» Berühmt wurde in der Nachwelt Kafkas lapidare Tagebuchnotiz vom 2. August 1914: «Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. Nachmittag Schwimmschule».

Wer zu Kafkas Lebzeiten eine der Moldaubrücken passierte, entrichtete beim «Wassermaut-Kontrollor» eine Gebühr. Allerdings wurde bereits der Siebenjährige Zeuge einer Katastrophe: Am 4. September 1890 brach die Karlsbrücke ein, denn nach ausgiebigen Regenfällen hatte das fünfhundertjährige Bauwerk erstmals den Wassermassen nicht mehr standgehalten. Kein Prager vergass je dieses Menetekel.

Oft wählte die Familie als Urlaubsziel eines der reizvollen Dörfer an der Moldau, so 1900 Roztok bei Prag, wo sie sich beim Postmeister Kohn einquartierte. Dessen siebzehnjährige Tochter Selma setzte sich abends mit dem gleichaltrigen Franz auf eine Bank, eine brennende Kerze in der Hand. Er las ihr aus Nietzsche vor und überredete sie zu einem Studium, das aber Selmas Vater nicht guthiess. «…man sah so weit, das ganze Tal, das silberne Band der Moldau», erinnerte sich Selma später.

Nach dem Abitur reiste Kafka 1901 auf die Inseln Norderney und Helgoland, aber weit mehr prägte sich ihm ein Aufenthalt am Gardasee ein. Im Herbst 1913 fuhr der Dreissigjährige, der 1912 die schicksalhafte Beziehung mit der Berlinerin Felice Bauer begonnen hatte, ins Sanatorium Riva. Dort verliebte er sich in eine achtzehnjährige Frau, die in der sonst so minuziösen Kafka-Biographik namenlos als «die Schweizerin» auftaucht. Kafka hält im Tagebuch fest: «Ich verstand zum ersten Mal ein christliches Mädchen und lebte fast ganz in seinem Wirkungskreis.» Der Gardasee inspirierte ihn zur Erzählung «Der Jäger Gracchus» (1917), deren Protagonist, Kafkas Version der hebräischen Legendenfigur Ahasverus, ruhelos über die Gewässer treibt. «Mein Kahn ist ohne Steuer, er fährt mit dem Wind, der in den untersten Regionen des Todes bläst», so der letzte Satz. Witzig mutet dagegen die Erzählung «Poseidon» (1920) an. In Kafkas Aneignung des griechischen Mythos ist Poseidon als Chef-Beamter für die Verwaltung aller Gewässer verantwortlich, kann sich aber leider kaum in seinem Element tummeln und ärgert sich über die geläufige Vorstellung, dass er «immerzu mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere».

Er sei nie wieder «so ausgeglichen heiter gewesen» wie in diesen Reisewochen mit Kafka, sagt Max Brod später. Ernüchtert durch den Geldverlust im Grand Casino Luzern entwickelten die beiden in Lugano die Idee eines Billig-Reiseführers mit allen nötigen Détails. «Franz hatte eine kindische Freude daran» - so Brod. Doch eine üble Neuigkeit trieb sie auf andere Gedanken. Vorerst wollten sie nämlich nach Venedig und Triest weiterreisen, doch in Oberitalien wütete die Cholera. Max verfiel in Hysterie, Franz blieb gelassen und beruhigte den Gefährten. Nun nahm man Paris ins Visier. In Stresa allerdings lockte der Lago Maggiore. Nichts wie los liefen sie zum See und umarmten sich im Wasser vor Erleichterung, der Seuche entronnen zu sein: der kleinwüchsige Max und der grosse Franz.

«Lebwohl», schrieb der schwerkranke Dichter ein halbes Jahr vor seinem Tod an Max, «und möge uns noch einmal die Luganosonne scheinen.»

29. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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