«Ente, Tod und Tulpe» im Spital.

Parat

Gut 60 Jahre alt ist die Frau und ringt nach Atem. Eben war der Arzt bei ihr, und ohne Umschweife eröffnete er der Patientin die lebensbedrohliche Diagnose: «Ein paar Monate noch –und dann sind Sie tot.» «Wie kann einer, der gesund ist, so reden?», fragt sie mich und schaut mich mit wachen Augen an.

Ich sehe diese Frau, sehe ihre Augen: Sie leuchten. Seit Jahren lebt sie mit einer Lungenkrankheit und ist umgeben von ihrer Familie, von Kindern und Kindeskindern. Sie steht mitten im Leben.

Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn: «Ente, Tod und Tulpe» von Wolf Erlbruch. In einfachen Sätzen beschreibt er, wie sich die Ente zunehmend an den Gedanken gewöhnt, dass der Tod zum Leben gehört und immer schon in ihrer Nähe war. Die Ente reagiert erschrocken, und doch wird sie ihn nicht mehr los. Schliesslich macht sie sich mit dem Tod auf den Weg durchs Leben, macht sich mit ihm vertraut, bietet ihm ihre Hilfe an, richtet ihre Fragen an ihn und betrachtet ihn zunehmend als Teil ihres Lebens. Und doch bleibt er ihr fremd. Den Teich ohne Ente, das kann sie sich nicht vorstellen. Aber eines Morgens, als die Blätter an den Bäumen welken, ist die Ente auf einmal sehr, sehr müde. Ein Jahr oder mehrere sind ins Land gezogen. Der Jahreskreis hat sich geschlossen. Die Ente legt sich dem Tod in die Arme und stirbt. Soviel Leben haben die beiden miteinander geteilt. Soviel Schönes haben sie gemeinsam erlebt. Und der Tod trägt die Ente zum Fluss. Er legt sie behutsam aufs Wasser und gibt ihr einen vorsichtigen Schubs. Dann schaut er ihr lange nach, und als er sie aus den Augen verliert, ist der Tod fast ein wenig betrübt – aber so ist das Leben.

Und diese Frau ist ein bisschen wie die Ente, erschrocken und in vollem Bewusstsein: Die ganze Kostbarkeit ihres Lebens, die Kraft, die sie ausstrahlt, die Farbe, die sie umgibt, alles ist geprägt vom Wissen, dass sie in naher Zukunft sterben wird. Und doch bleibt die Frage: Wie kann man mit dieser Tatsache fertig werden? Wie kann man sich auf seinen Tod vorbereiten? Mit wachen Augen blättert sie im Buch, betrachtet eingehend die Bilder, klappt das Buch dann unvermittelt zu und sagt: «Dieser Tod ist mir etwas unheimlich.» Sie schaut mich an und lacht. «Danke für das Buch. Sie dürfen es jetzt wieder mitnehmen.»

Simone Bühler, ref. Seelsorgerin, Inselspital

Buchtipp
Wolf Erlbruch Ente, Tod und Tulpe
Kunstmann, 2010, Fr. 14.50

Der Tod ist ein leichtfüssiger Begleiter, schon immer da, man merkt’s nur nicht. Man weiss nie – aber man weiss, dass Wolf Erlbruch mit poetischen Bildern und Geschichten auf die grossen Fragen einfache Antworten findet. Ein meisterhaftes, tröstliches Buch für kleine und grosse Menschen. Das Buch wurde im deutschsprachigen Raum bislang über 50'000 Mal verkauft, in 16 Sprachen übersetzt und u. a. mit dem Hans Christian Andersen Preis ausgezeichnet.

Die Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

24. Juli 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 16
  • Pfarrblatt / Angelus
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