«Wenn wir das Erbe der Aufklärung und damit des kritischen Bürgers und der Demokratie erhalten wollen, braucht es eine Diskussion über die Ethik des Bildungswesens.» Thomas Philipp. Foto: Pia Neuenschwander

Thomas Philipp (Hrsg.) Welche Bildung braucht die Wirtschaft? Antworten aus Wirtschaft, Pädagogik, Wissenschaft, Spiritualität und Politik. hep-Verlag 2017, 216 Seiten, 36 Franken

Partizipation oder der Heilige Geist als Korrektiv

Nach 17 Jahren verlässt der Leiter der katholischen Hochschulseelsorge das aki Bern, um sich ganz dem Schreiben über die Ethik im Bildungswesen widmen zu können. Das «pfarrblatt» sprach mit dem Theologen und Autor Dr. Thomas Philipp über seine Erfahrungen in der Studierendenseelsorge.


«pfarrblatt»: Wie hat sich in den letzten Jahren die Arbeit im aki verändert?

Thomas Philipp: Der entscheidende Einschnitt war die Bologna-Reform. Vorher waren hier theologische Seminare noch möglich, danach kaum mehr. Was keine Punkte fürs Studium bringt, lockt keine Studierenden mehr an. Dann kam eine Zeit, da hatten wir fast keine Freiwilligen mehr, so zwischen 2006 und 2008. Jeder dachte, ich muss nun Punkte machen, ich hab’ keine Zeit mehr. Bald wurde aber bemerkt, dass viele Prüfungen banale Prüfungen sind und dass die Studierenden ihre eigenen Themen kaum einbringen konnten.
Das spielte uns in die Hände. Die Studierenden nutzten unsere Nische, beteiligten sich wieder am Forum, unserem Leitungsgremium, das aus Freiwilligen besteht und die Gestaltung unseres Programmes bestimmt. Ab ungefähr 2011 war dann die Situation fürs aki besser als vor 2006. 2009 gab es den Aufstand der Studierenden, der allerdings nicht wirklich was gebracht hat.

Was war der Grund für den Aufstand?

Der Protest ging damals gegen die Bologna- Reform durch ganz Europa. Aber man hat ihn nicht eigentlich wahrgenommen. In Bern wurde die Aula in der Uni zwei Wochen besetzt, ungefähr 300 Studierende beteiligten sich. Ich erlaubte ihnen, hier bei uns zu kochen. Wir versuchten auch den Austausch zwischen Uni und politischen Verantwortlichen zu unterstützen.

2009 verliessen die Jesuiten das aki.

Richtig. Bis 2006 war ich hier Mitarbeiter, dann wurde ich zum Leiter gewählt, da waren die Jesuiten noch da. Sie verliessen das aki 2009, und es gelang uns, das aki unter der Obhut der Landeskirche weiterzuführen und ihm eine neue Gestalt zu geben.

Hing damals der Fortbestand des aki tatsächlich mit dem Wegzug der Jesuiten – nach 80 Jahren Präsenz in Bern – an einem Faden?

Wenn der damalige Präsident des Kleinen Kirchenrates, Josef Durrer, sich nicht so klar und stark für das aki eingesetzt hätte, wäre wohl alles in Frage gestellt worden wie: brauchen wir noch eine Hochschulseelsorge, braucht es dieses Haus mit dem verträumten Garten noch? Nicht nur das Haus konnte mit dem Verkauf an die Gesamtkirchgemeinde erhalten bleiben. Dank Josef Wäckerle, der damals Präsident des Augustinusvereins war, bekamen wir auch 40 Stellenprozente mehr. Die wurden von 120 auf 160 Stellenprozente aufgestockt.

Wie kamen Sie dazu, Hochschulseelsorger zu werden?

Nun, das war vorneweg eine Selbsteinschätzung. Ich bin Studierter und bin Pfadfinder. Diese Eigenschaften ergänzen sich gut. Der Pfadfinder in mir ist zupackend im technischen wie organisatorischen Sinn, der Akademiker selbstreflektierend. Mein Ziel war schon in Deutschland, Hochschulseelsorger zu werden. Das war in meiner Heimatdiözese nicht möglich, deshalb bewarb ich mich in der Schweiz. Ich bin begabt, mit jungen Menschen unterwegs zu sein, vielleicht auch wegen einer gewissen Unfertigkeit und Offenheit meiner eigenen Existenz. Ich hab’ mich immer geärgert, dass die Kirche im Lebensmilieu der Jungen wenig präsent ist und deren Fragen nicht aufnimmt.

Was sind die Fragen der Jungen, und haben sich diese Fragen in den 17 Jahren Ihrer Tätigkeit im aki verändert?

Das katholische Milieu hat sich verflüchtigt. Von der Kirche wird nichts mehr erwartet. Das ist eine Konstante. Aktionen wie Starting Days, Crêpes gegen Hunger, Filmabende oder Anlässe zu Bildungsthemen öffnen Türen. Es muss über Themen gehen und nur indirekt über den kirchlichen Kommunikationsraum.
Andererseits stirbt der Geist Gottes in den Herzen der jungen Menschen nicht. Die Suche nach Leidenschaft, Begeisterung, Hoffnung, nach irgendetwas, das mehr ist, dass grösser ist als das banale Lernen unter Marktbedingungen zu funktionieren, die stirbt nicht, will mit Sorgfalt begleitet sein, ohne zu vereinnahmen.

Auch die Suche nach dem Mehr hat sich als Konstante erwiesen?

Ja, allerdings war unter Benedikt XVI. für uns eine fürchterliche Zeit. Diese Zweifel in den Blicken junger Menschen, die uns begegnet sind – es war unglaublich. Ich hab’ mich auch selbst geschämt für gewisse Entscheidungen des Papstes. Diese Ablehnung und die Zweifel haben nun unter Papst Franziskus abgenommen. Viele sagen zwar, Kirche sei schwierig, die Frauenrechte nicht eingelöst, aber es gibt jetzt eine Grundsympathie dank Franziskus. Das hat sich verbessert und spielt eine grosse Rolle.

Was ist Ihnen und dem aki gelungen, wo sind Sie angestanden?

Gelungen ist die partizipative Seelsorge, die ich von Christian Rutishauser und Franz-Xaver Hiestand übernommen habe. Das Forum hat es immer gegeben, es ist aktuell wieder mit acht Studierenden besetzt, die sich freiwillig um die Gestaltung des Programms des aki kümmern und das unbezahlt, das ist mir wichtig. Dann konnten wir drei Praktikantenstellen schaffen, eine für Gerechtigkeit, zwei im pastoralen Bereich. Wenn man junge Leute im Team hat, bleibt das aki lebendig, bleibt ganz nah an der Realität der Jungen.
Und diese Jungen können bei anderen andocken, mit ihnen einen Weg gehen. Was wir nicht geschafft haben, war die Einrichtung einer Studierenden-WG im Haus. Und dass wir es nicht geschafft haben, die Jesuiten in Bern zu halten, tat mir weh. Leider gelang es mir auch nicht, mit der Universitätsleitung einen konstruktiven Dialog über Bildungsziele zu führen. Schon 2007 sagte mir der damalige Rektor nach einer Veranstaltung über Bologna im Haus… «No veruggd, wie idjalisdisch dir sid.»

Was sind die Bedürfnisse der Studierenden in Glaubensfragen?

Es gibt viele, die beten, aber sie schämen sich, das zu zeigen. Ich lade zum Beispiel Studierende ein, in unserem Chor mitzusingen. Wir singen an drei Gottesdiensten. Damit bin ich in ein musikalisches Projekt eingebunden und brauche nicht zu sagen, ich besuche einen Gottesdienst.
Oder unsere Praktikanten, die nehmen an den Dienstagsgottesdiensten teil, die im Praktikum eingebunden sind und sie entscheiden sich mit dem Praktikum auch für eine Schweigewoche bei den Jesuiten. Ich verkaufe das als spirituelles Experiment: Probiere doch mal aus, wie das ist. Man darf sie nicht dazu nötigen, ein Bekenntnis abzulegen, das ist Gift.

Ist dies das Erkennungsmerkmal gegenüber anderen Gruppierungen, Adoray oder den Freikirchen, dass man im aki kein Bekenntnis abzulegen braucht?

Natürlich setzen Engagements in Pfarreien als Kirchgemeinderat oder als Oberministrant eigentlich ein Bekenntnis voraus. Das ist nicht nur bei den Freikirchen so. Aber im aki setzen wir eher die Brüchigkeit der Existenz, die Zweifel in den Mittelpunkt, nicht das Ja oder das Nein zu etwas. Wir arbeiten an den Zweifeln und erwarten kein Bekenntnis. Die unsichere, suchende Subjektivität versuche ich ins Zentrum zu stellen. Da bin ich in der Berner Kirche ein Fremdkörper gewesen.

Stehen dabei persönliche Erfahrungen Pate?

Ja. Mit meinen Fragen als junger Mann fand ich mehr Halt bei den Benediktinern in Münsterschwarzach als in der Heimatpfarrei oder in der Volkskirche. Ich rechne nicht damit, dass jemand zu einer geschlossenen Gestalt, zu einem Bekenntnis finden muss, sondern ich will dem Heiligen Geist Raum lassen. Wenn wir in Liebe, Sehnsucht, Hoffnung, Kreativität Gottes Geist entdecken, trotz vielem Dunkeln und Chaotischem in uns selbst und in der Welt, hilft das eher, eine Landkarte für das eigene Leben zu entwerfen. Dafür stehen auch Drewermann und Anselm Grün.

Und warum empfanden Sie sich als Fremdkörper in der Berner Kirche?

Ich mache das am Partizipativen fest. Die Berner Kirche hat viel Geld und kann deshalb für viele Aufgaben Hauptamtliche anstellen. Damit will und kann man Professionalität erreichen. Die Versuchung dabei ist zu sagen, es sei viel besser, wenn Professionelle die Arbeit machen statt Freiwillige. Aber wenn ich an den Heiligen Geist glaube und damit meine, dass es um Gottes Geist geht und nicht um die Professionalität, dann vertraue ich den Talenten Einzelner.
So viel wie möglich will ich Freiwilligen anvertrauen, kaum ein Angebot bei uns, hinter dem nicht eine Studentengruppe steht. Das fordert einen Macht-, einen Kontrollverzicht der Hauptamtlichen, den man leicht unterschätzt. Da habe ich eine andere Gewichtung gehabt und fühlte ich mich in Bern manchmal etwas allein.

Mit was für Gefühlen treten Sie ab?

Wehmut ist dabei, natürlich. Bin ein bisschen stolz darauf, was wir hingekriegt haben. Ich bin dankbar, dass man mir trotz allen Unterschieden viel Vertrauen entgegengebracht hat und dass wir uns in verschiedene Richtungen frei entwickeln konnten. Nicht alles ist gelungen.
Ich verursachte auch Verletzungen, wurde verletzt, wir alle sind Sünder. Aber dass wir das Forum durchziehen konnten, rund 50 Menschen um die Bildungsangebote mitarbeiteten, dass der Chor über die vielen Jahre gelebt hat – da kann ich nur von Herzen dankbar dafür sein.

Wohin geht’s nun?

Ich bleibe in Bern und werde über Bildungsfragen schreiben. Ich glaube tatsächlich, dass wir eine ethische Reflexion über das Bildungswesen brauchen. Du kannst heute eine Sterbeethik, eine Tierethik, eine Bioethik diskutieren und das ist richtig so. Aber in der Bildung machen wir das nicht, die ist für den Arbeitsmarkt da. Wir wollen ja reich bleiben.
Wir denken nicht genügend darüber nach, das Bildung am Ende nicht empirisch, sondern normativ ist. Wenn wir das Erbe der Aufklärung und damit des kritischen Bürgers und der Demokratie erhalten wollen, braucht es eine Diskussion über die Ethik des Bildungswesens.

Sie bleiben dran, trotz der Schwierigkeiten, die Sie mit einer entsprechenden Tagung und Tagungspublikation bekamen?

Ich habe das zu machen. Das ist zwischen Gott und mir.

Interview: Jürg Meienberg

Die Feier zum Abschied:
Heiliger Geist – Empathie – Kreativität. Sonntag, 1. Oktober, 18.00, Dreifaltigkeitskirche Bern. Mit Kammerchor Jubilate und Apéro.

 

Was ist das aki?

 

«aki» steht für «Akademikerhaus». Es ist ein Haus der Begegnung und beherbergt die katholische Hochschulseelsorge in Bern. Es steht allen Studierenden offen für persönliches Arbeiten, Gespräche, Sitzungen, Proben, Vorträge, Feste und Veranstaltungen. Während des Semesters bietet das aki ein Programm mit verschiedensten Aktivitäten an. Das Haus ist eine Gründung des Jesuitenordens, der von 1927–2009 die Studierenden- und, wie es früher hiess, Akademikerseelsorge verantwortet hat.
Weitere Infos: www.aki-unibe.ch

20. September 2017
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus