Den Blickwinkel ändern. Foto: Miss X / photocase.de

Perspektivenwechsel

Flach im Spitalbett liegend werde ich Richtung Operationssaal geschoben. Meine Augen versuchen sich am Muster der Decke festzuhalten. Ab und zu erscheint ein freundliches Gesicht am Rande des Gesichtsfeldes. Grussworte schlingern an mir vorbei, ohne dass ich sie entgegennehmen könnte.

Schlagartig wird mir speiübel. Dass sich diese Transportart so unangenehm anfühlt, gibt mir zu denken, gehört sie doch seit Jahren zu meinem Berufsalltag. Immer unterwegs in den Spitalkorridoren, treffe ich ständig Patienten, die in ihren Betten von hier nach dort geschoben werden.

Wie wenig ich von deren Befindlichkeit bisher wahrgenommen habe, beschämt mich. Erst jetzt wird mir die Unzulänglichkeit dieser freundlich gemeinten Kontakte bewusst. Die Spitalroutine besteht aus vielen unverbindlichen Annäherungen, aber – das merke ich als Patientin – sie mangelt an wirklicher Begegnung. Und doch sind es genau diese Begegnungen, die für mein Wohlbefinden entscheidend sind.

Liegend bin ich darauf angewiesen, dass mir Menschen entgegenkommen und mich in meinem Ausgeliefertsein wahrnehmen.
Wer steht oder sitzt, redet und handelt, wer liegt, wird beredet und behandelt.

Marianne Kramer, reformierte Seelsorgerin


Die Kolumne der Spitalseelsorge im Überblick

31. Juli 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
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