Poesie eines konservativen Richters zur Homosexualität

Wie man auch über Homosexualität sprechen kann, zeigt Anthony Kennedy – konservativer Richter am Obersten Gerichtshof der USA. Im historischen Urteil zur Zulassung der «Ehe für alle» begründet Kennedy die Entscheidung des Gerichtshofs mit poetischen Worten.

In einer endgültigen Entscheidung vom 26. Juni hat der Oberste Gerichtshof der USA die Ehe zwischen homosexuellen Menschen für zulässig erklärt. Damit müssen die 50 US-Bundesstaaten gleichgeschlechtliche Ehen gleichberechtigt erlauben und vollumfänglich, inklusive Adoptionsrecht, anerkennen. Der Entscheid des «Supreme Courts» geht in die Geschichtsbücher ein als «Obergefell v. Hodges». Es ist dies die Sammelbezeichnung für die vier vor dem Gerichtshof verhandelten Fälle zum Thema.

Hintergrund
Der Oberste Gerichtshof der USA besteht aus neun Richtern. Diese werden vom jeweiligen Präsidenten auf Lebzeiten ernannt. Aktuell sind fünf Richter von republikanischen und vier von demokratischen Präsidenten ernannt worden. Den Ausschlag zugunsten der Kläger im aktuellen Fall gab der Republikaner Anthony Kennedy. Der 79jährige Richter wurde noch von Präsident Ronald Reagan ernannt. Die Begründung für die Zulassung der Ehe für Homosexuelle wurde im Namen des Gerichts ebenfalls von Anthony Kennedy verfasst. Der letzte Abschnitt ist ein bewegendes Statement des Richters, was für ihn Ehe zwischen zwei Menschen bedeutet. Egal welcher sexuellen Ausrichtung diese Menschen angehören. Kennedy breitet in den vorangehenden Abschnitten sämtliche Argumente und Gegenargumente der «Ehe für alle» aus. Am Schluss antwortet er den Kritikern der Ehe für Homosexuelle, die argumentieren, sie würde das traditionelle Verständnis der Ehe unterminieren und eine uralte Institution neu definieren. Kennedy nimmt auf den Inhalt der Ehe, auf die Idee der Ehe Bezug. Was ist Ehe, was verkörpert sie? Er argumentiert, dass mit der Ehe für Homosexuelle die Ehe als Ganzes nicht geschwächt werde, sondern im Gegenteil gestärkt, indem sie ausgeweitet werde, für mehr Menschen zugänglich, man müsse die Ehe im eigenen Leben mehr respektieren.

Die Passage im Wortlaut
Der oberste Gerichtshof der USA ist der Meinung: «Keine Verbindung ist tiefgründiger als die Ehe, denn sie verkörpert in der Liebe, Treue, Hingabe, Opferbereitschaft und Familie die höchsten Ideale. Indem zwei Menschen eine eheliche Gemeinschaft bilden, werden sie zu etwas grösserem als sie es zuvor waren. Wie einige der Kläger in den vorliegenden Fällen demonstrieren, verkörpert die Ehe eine Liebe, die sogar den Tod überdauert. Man würde diesen Männern und Frauen nun Unrecht tun, wenn man ihnen vorwerfen würde, die Idee der Ehe nicht zu respektieren. Ihr Appell hier lautet, dass sie diese Idee durchaus respektieren, dass sie diese Idee sogar so sehr respektieren, dass sie versuchen wollen, sie für sich selbst Realität werden zu lassen. Ihre Hoffnung ist, dass sie nicht dazu verurteilt sind, in Einsamkeit zu leben, ausgeschlossen von einer der ältesten Institutionen der Zivilisation. Sie bitten um die gleiche Würde in den Augen des Gesetzes. Die Verfassung gewährt ihnen dieses Recht. (…) Es ist so angeordnet» (Opinion of the Court, Justice Anthony Kennedy, Seite 33).

Andreas Krummenacher


Das ganze Urteil gibt es HIER

Die Bibelwissenschaft hat zum Thema Homosexualität in der Bibel längst darauf hingewiesen, dass die Sachlage um einiges komplexer ist, als uns gewisse Bischöfe glauben machen wollen. Homosexualität in einer Partnerschaft als sinnstiftendes Identitätsmerkmal, verbunden mit Liebe, als öffentlich kommunizierte, sexuelle Orientierung gab es in der Bibel und selbst im ganzen Altertum nicht. Diese Texte müssen im je eigenen Kontext gelesen werden und können in keinem Fall unbesehen als Argumente für die heutige Sexualethik herangezogen werden. Die ökumenische Arbeitsgruppe «Homosexuelle und Kirche» in Deutschland hat viele Hintergründe und Texte dazu gesammelt. Dem ist nichts hinzuzufügen: www.huk.org

In der Schweiz beschäftigt sich die ökumenische «lesbische und schwule Basiskirche Basel» intensiv mit dem Thema: www.lsbk.ch

 

 

5. August 2015