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Politische Gewalt, die –

Martin Luther King sagte einmal, die christliche Doktrin der Liebe, die sich in der Gewaltlosigkeit zeige, sei die wirksamste Waffe der Unterdrückten. Er sagte auch, gewalttätige Ausschreitungen seien die Sprache der Ungehörten. Das erste Zitat stammt aus dem Jahr 1960 – das zweite aus dem Jahr 1967, nachdem Rassenunruhen stattgefunden hatten, die von der Regierung mit bis anhin nicht vergleichbarer Härte niedergeschlagen wurden. Die Haltung Kings gegenüber der Gewaltlosigkeit wird kontrovers diskutiert. Obwohl er ein Symbol des friedlichen Protests ist, scheint King gegen Ende seines Lebens seine Ablehnung von Gewalt als Waffe der Unterdrückten teilweise revidiert zu haben. 1968 starb er durch die Kugel eines rassistischen Attentäters.

In der Bergpredigt begegnet uns Jesu Aufruf zur Gewaltlosigkeit: die Forderung, die andere Wange hinzuhalten. Eine radikale Ablehnung von Gewalt als Antwort. Jedoch: Als er in Jerusalem die schamlosen Händler im Tempel sieht, greift er zur Peitsche, jagt sie hinaus und verwüstet ihre Tische. Nächstenliebe ist die zentrale christliche Doktrin. Der Verzicht auf Gewalt im Angesicht der Gewalt, der Verzicht darauf, seinen Feind zu hassen, ist die stärkste Haltung, die Christ*innen verwirklichen können.

Die schwarzen Gemeinden in den USA waren gewaltlos, viele Jahrzehnte lang. Es gab Mahnwachen, Kampagnen, Obama. Doch jedes Jahr starben junge Männer durch Polizeigewalt, und die Zustände in den überwiegend schwarzen Vierteln der Städte verschlechterten sich. Politiker*innen, vorwiegend weiss und privilegiert, lamentierten, riefen zu Liebe, Verständnis und Dialog auf, zu Gewaltverzicht auf beiden Seiten. Und die Unterdrückten starben weiter.

Christliche Nächstenliebe muss radikal sein. Sie muss den uniformierten Polizisten einschliessen. Doch sie ist unglaublich schwer. Denn wenn wir fordern, man solle die andere Wange hinhalten, rechnen wir damit, dass die Gewalt nach dem zweiten Schlag zu Ende ist.

Sebastian Schafer

«Katholisch kompakt» im Überblick

 

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10. Juni 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 13
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