«Wir bilden jetzt die Situation ab, wie sie an der Basis herrscht. [...] ». Christian Furrer Kirchgemeinderatspräsident Heiligkreuz Bern. Foto: Jürg Meienberg

Das neue katholische Kirchenzentrum in Bremgarten ist Johannes dem Täufer gewidmet. Foto: Andreas Krummenacher

Näher geht Ökumene amtlich gar nicht mehr: die beiden Türklingeln klingen zwar unterschiedlich, begrüsst wird aber konfessionsunabhängig. Foto: Andreas Krummenacher

Im Johanneszentrum - viel Raum für Gottesdienste. Foto: Andreas Krummenacher

Das Johanneszentrum. Hier wird gebetet und gefeiert. Foto: Andreas Krummenacher

Profil gewinnen und als Christen erkennbar bleiben

Das neue katholische Kirchenzentrum St. Johannes des Täufers in Bremgarten – nicht des Evangelisten, wie der katholische Kirchgemeinderatspräsident Christian Furrer dezidiert betont – ist bezogen. Das Pfarramt wird ökumenisch genutzt und die Kirche Heiligkreuz in der Tiefenau ist verkauft und entwidmet. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.


Das St. Johanneszentrum Bremgarten strahlt frisch renoviert an diesem Vorfrühlingstag mitten im Januar. Kinder spielen auf dem nahen Spielplatz. Die tiefe, aber strahlende Sonne spielt mit Schatten und Licht im einladenden, forumsähnlichen Kirchenraum des Zentrums.
Wir treffen Christian Furrer, den langjährigen Kirchgemeindepräsidenten der Pfarrei Heiligkreuz zu einem Bilanzgespräch über den gelungenen Umbau in Bremgarten und den Verkauf der Förderer-Kirchenburg in der Tiefenau.

Er führt im neu gestalteten Pfarramt an Sekretariat und Büros vorbei, hinein ins Sitzungszimmer. Da arbeiten reformierte und katholische Seelsorgende neu Tür an Tür, die Sekretärinnen teilen sich den Empfang.
Beim Eingang gibt es zwei Türklingeln, eine für das reformierte und eine für das römisch-katholische Pfarramt. Sie tönen zwar verschieden, begrüsst wird aber konfessionsunabhängig. Näher geht Ökumene amtlich gar nicht mehr.

Christian Furrer drückt es anders aus: «Wir bilden jetzt die Situation ab, wie sie an der Basis herrscht. Wir haben seit jeher in Bremgarten eine gute ökumenische Basis, viele konfessionsverschiedene Familien. Für sie ist eine solche enge räumliche Zusammenarbeit normal und voller Zukunft».
Die Verhältnisse sind zudem klar. Die reformierte Kirche ist bei den Katholiken eingemietet. «In diesem Sitzungszimmer», Christian Furrer zeigt mit einer ausladenden Handbewegung in den funktional eingerichteten Raum, «tagen der reformierte, genauso wie der katholische Kirchgemeinderat.
Im Zentrum werden reformierte und katholische Kinder in Religion unterrichtet. Wir benützen dieselben Räume, bleiben aber unserer Konfession treu. Die Zusammenarbeit wird enger. Wir haben schliesslich alle die gleichen Probleme».

Diese Probleme fasste Christian Furrer in seiner Rede zur Eröffnung des frisch renovierten Zentrums St. Johannes in Bremgarten prägnant zusammen: «Die Anzahl der Gläubigen beider Konfessionen wird kleiner, weil Mitglieder austreten; ärmer, weil die Einnahmen aus Kirchensteuern schwinden und älter, weil wir Mühe haben die Jugend zu gewinnen.» Diese Ehrlichkeit gab nach der Eröffnung zu reden. Christian Furrer lacht: «Ich nehme das ernst, natürlich. Aber die Lage ist wohl schwieriger als wir uns das denken.
Nehmen Sie die Kirchenaustritte. Gut situierte Katholiken – emigriert aus den katholischen Stammlanden – treten aus der Kirche aus.

Unseren Status quo bei Mitgliedern und Finanzen verdanken wir den Migranten und Migrantinnen aus anderen Kulturen. Diese machen im Kanton Bern über 40% der Gläubigen aus. Weil sie aber nicht soviel verdienen, bezahlen sie auch weniger Kirchensteuern. Kommt dazu, dass in absehbarer Zeit die vollständige Trennung von Kirche und Staat wieder in die politische Debatte im Kanton eingebracht werden wird. Dafür gibt es einige Anzeichen, jedenfalls keine die dagegen sprechen. Diese Realitäten muss man in neue Planungen und Projekte einbeziehen.»

Er sagt es nicht resigniert. Eher mit realistischer Hoffnung. Das zeigt sich auch in seiner Meinung über den Verkauf der Kirche Heiligkreuz: «Der Verkauf war unumgänglich. Die Gottesdienstbesuche lagen meist unter 20 Personen. In der Tiefenau sterben uns die Gläubigen weg, die Jungen gestalten ihr Leben woanders. Und die Italiener, die vor Jahrzehnten hier zahlreich ansässig waren, sind kaum mehr in der Pfarrei aktiv.»

Dafür war die kroatische Gemeinschaft mit ihren regionalen Gottesdiensten und verschiedenen anderen Anlässen während über dreissig Jahren Mitbenützerin in Heiligkreuz. Warum hat man ihnen die Kirche nicht überlassen? Das Thema ist Christian Furrer wichtig, er holt aus: «Die kroatische katholische Mission gehört zur Landeskirche. Ihre Gläubigen haben zumeist den Schweizer Pass und bezahlen Kirchensteuern. Die Mehrheit der Kroaten lebt im Berner Westen, nicht in der Tiefenau oder im Rossfeld. Hierher kamen sie, weil wir ein schönes Zentrum mit einem grossen Parkplatzangebot hatten.

Ich bin der Meinung, dass sich die zweite und dritte Generation der Migranten in den Schweizer Pfarreien integrieren sollte. Die anderssprachigen Gemeinschaften können ihre Gläubigen weiterhin mit Sprachkursen, kultureller Unterstützung und Anlässen begleiten. Aber sie sollten nicht eigene Kirchen betreiben. In der kroatischen Gemeinschaft ist noch die erste Generation aktiv.
Die Landeskirche Bern will und kann Kirchen nicht selber unterhalten. Das geschieht auf Kirchgemeindeebene. Deshalb suchte man eine Lösung im Westen Berns. Mit der reformierten Kirche Bethlehem in Zusammenarbeit mit St. Mauritius, dem katholischen Zentrum, hat man nun eine Lösung gefunden.

Der rumänisch-orthodoxen Gemeinschaft Bern ist zudem auch gedient. Sie haben schon lange nach einem Zentrum gesucht. Wir haben in Heiligkreuz die Kroaten immer unterstützt. Ein Verbleib war aber, wie uns Schweizern, nicht mehr möglich. Die Arbeit der Mission für die erste Generation ist nicht bestritten. Aber die Zusammenarbeit mit den Schweizer Pfarreien, einschliesslich Unterricht, soll für die zweite und dritte Generation gezielt gefördert werden.»

Das Thema beschäftigt ihn auch als Mitautor der neuen bernischen Kirchenverfassung auf Landeskirchenebene. Er macht es sich also nicht einfach. Aber er glaubt an neue Aufbrüche. Auch in Bremgarten.
Christian Furrer erzählt ein Beispiel. In Zeiten der grossen Flüchtlingsströme wurden letztes Jahr in Bremgarten 100 junge Männer, darunter viele Eritreer, einquartiert. «Hier im Zentrum, neben der Schule. Die Bedenken waren anfangs gross. Gemeinsam suchten die beiden Kirchgemeinden Freiwillige für die Beschäftigung und Begleitung der Flüchtlinge. Gemeldet haben sich 130 Personen. Davon waren etwa 30 Aktive aus den Kirchgemeinden, der Rest war sonst wenig aktiv in Kirchgemeinde und Pfarrei, aber am besonderen Projekt interessiert. Es lief ausgezeichnet und beeindruckend. Projektmässig sind die Menschen also bereit, Unterstützung zu leisten, nicht nur mit ihren Kirchensteuern. Das war sehr ermutigend.»

Christian Furrer schweigt einen Augenblick, einen kurzen nur, und schiebt eindringlich und überzeugt nach: «Dieses Erlebnis bestätigte meine Meinung. Wenn die Bedeutung der Kirche abnimmt, verschafft die ökumenische Zusammenarbeit mehr Profil, damit man als Christen erkennbar ist. Diesen Schritt haben wir mit dem gemeinsamen Bürotrakt jetzt auch äusserlich vollzogen. Auch wenn wir noch zwei Türklingeln haben.»

Jürg Meienberg

 

Zur Person
Christian Furrer ist in Altdorf geboren und dort aufgewachsen. Das Gymnasium absolvierte er an der Stiftsschule Einsiedeln. An den Universitäten von Zürich, Bern und Freiburg, wo er sich auch dem Kirchenrecht widmete, studierte er die Rechte. Nach Studienabschluss war er von 1970 – 2007 in verschiedenen Funktionen im Dienst des Bundes tätig, u.a. als Generalsekretär des Eidg. Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements. Während langen Jahren engagierte er sich in kirchlichen Räten, seit 2009 präsidiert er die Kirchgemeinde Heiligkreuz Bern/Bremgarten. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.

 

Pfarrei Heiligkreuz Bern

 

 

25. Januar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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