pfarrblatt:

News-Artikel

Andreas Hugentobler Álvarez (28) Studium der Theologie in Fribourg und El Salvador. Er arbeitet als kirchlicher Jugendarbeiter in Biel.

Programm für eine andere Welt

Ich bin kein täglicher Bibelleser. Auch habe ich die Bibel noch nie an einem Stück durchgelesen. Vielmehr bin ich ein Bibel-Nascher. Ich habe meine Hit-Liste, die sich je nach Stimmungs-, Bedürfnis- und Weltlage verändert. Zuoberst stehen oft Texte von beglückenden Lebenserfahrungen und solche, die Hoffnungsperspektiven auf Veränderung im Jetzt gegen alle Skepsis und Kritik wachhalten. Ein solcher Hoffnungstext, der gleichzeitig keinen Konflikt scheut, ist für mich das Programm Jesu, die sogenannten Seligpreisungen aus dem Lukas-Evangelium. Es bestärkt mich im Glauben, dass Jesus nicht nur verschiedene individuelle Glückserfahrungen ermöglichte, sondern solche Begegnungen unter ein grösseres Projekt stellte: das Projekt der Umkehrung aller Lebensverhältnisse, welche Betroffene als ungerecht und gemein erfahren. Einige dieser Betroffenen werden im Text sogar genannt – das find ich mutig. Es fordert heraus, Menschen in ähnlichen Situationen heute zu erkennen und mit ihnen etwas von dieser Dynamik zu erfahren, die in solchen Betroffenheiten steckt: das neue Erkennen von Realitäten und das kreative Tüfteln an Alternativen. Wo ich solche Bewegung erfahren kann, bin ich glücklich – ich spüre, wie sich mein individuelles ICH auf andere hin öffnet und sich dadurch etwas Neues ereignet. Diese Dynamik erlebe ich auch in den Seligpreisungen: Menschen werden zu glücklichen Menschen, weil sich andere ihnen zuwenden und in diesem Zusammenspiel etwas aufbricht. Was hier entsteht, ist ein neues Projekt, das sogenannte Reich Gottes. Wie es konkret aussieht, wird nicht gesagt. Einzig die Bedingungen werden festgelegt: Im Zentrum stehen die bis anhin verdrängten Menschen und Realitäten und alle andern sind eingeladen, Teil dieses Projekts zu werden und sich beglücken zu lassen. Und die andern, jene, die nicht mitmachen wollen? – Die Freude der neuen Bewegung wird sie nicht erreichen – ihr Reichtum und ihre Sicherheit hindern sie daran. Persönlich glaube ich, dass in diesem Projekt, welches von Menschen unterschiedlichster Couleur, Weltanschauung und Religionszugehörigkeit realisiert wird, ein Reichtum liegt, für den es sich lohnt zu leben.  

31. März 2011