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Rechtzeitig

Manchmal bin ich nicht rechtzeitig da. Heute zum Beispiel verspäte ich mich, weil ich fünf Minuten zu lange bei einer Patientin geblieben bin, obwohl ich doch wusste, dass ich mit einer Gruppe freiwillig tätiger Menschen der Palliativstation zu einem Erfahrungsaustausch verabredet bin. Auf dem Weg zum Ort des Treffens komme ich ins Philosophieren. Ein Satz kommt mir in den Sinn, der mich durch meine Pfarramtsjahre begleitet hat. Ich hatte ihn auf die vorderste Seite meines Beerdigungsdossiers geschrieben. Den Unterlagen, die ich dann hervorzusuchen pflegte, wenn eine Person in der Gemeinde verstorben war und ich mich auf das Gespräch mit der Trauerfamilie vorbereitete. Ein Gedanke von Pierre Stutz zu Psalm 1, Vers 3. «Verwurzelt der Mensch, der darauf vertraut, dass es wohl auf ihn ankommt, aber letztlich nicht von ihm abhängt».

Manchmal bin ich nicht rechtzeitig da und es ereignen sich Dinge, gerade weil ich (noch) nicht da bin, davon bin ich überzeugt. Deshalb mache ich mich in Ruhe auf den Weg, wenn mich mitten in der Nacht ein Anruf der Intensivstation aus dem Schlaf holt. Ich habe mir abgewöhnt, mich absichtlich zu beeilen. Mir Zeit zu lassen, um an den Ort des Geschehens zu gelangen, bietet mir Gelegenheit, mich zu üben im Wissen darum, «dass es wohl auf mich ankommt, aber letztlich nicht von mir abhängt». Ich vertraue darauf, dass ich zur rechten Zeit am rechten Ort sein kann, ohne ständig auf die Uhr zu schauen.

«Verwurzelt der Mensch,
der darauf vertraut,
dass es wohl auf ihn ankommt,
aber letztlich nicht von ihm abhängt»

Pierre Stutz

Manchmal entsteht etwas aus einem Leerraum, das in meiner Anwesenheit so nicht entstehen würde, denke ich und bin doch ein klein wenig ausser Atem, als ich mit fünf Minuten Verspätung die Kapelle betrete, wo die Freiwilligengruppe bereits versammelt beisammensitzt. Sie haben sich organisiert, haben aus den Stühlen im Raum einen Stuhlkreis geformt und sitzen um eine leere Mitte. Manchmal geschehen Dinge, gerade weil ich (noch) nicht da bin. Das sehe ich jetzt und fühle mich aufgehoben und willkommen in diesem Kreis von Menschen. Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es fühlt sich gut an, dass ich genau jetzt gekommen bin.

So selbstverständlich und es ist alles parat. Ich lege ein goldenes Tuch in die Mitte, dann teile ich meine Ge- danken mit einer Schar lachender Gesichter und bald schon erzählen wir uns gegenseitig, wo uns das Leben in letzter Zeit beschenkt und wo es uns in Frage gestellt hat.

Simone Bühler Kedves, ref. Seelsorgerin

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

18. März 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 7
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