«Spielt für die eigene Identifikation die Religionszugehörigkeit eine Rolle?» Haus der Religionen, Bern. Foto: Jürg Meienberg

Religionsunterricht nach den Terroranschlägen in Paris

Zugegeben, auch schon vor diesen Ereignissen war es nicht einfach, den jungen Menschen religiöse Werte und Inhalte zu vermitteln, die ihnen Halt geben und Mut, ihr Leben aus dem Glauben heraus zu gestalten.

Einerseits bemühen wir uns, Toleranz und Achtung vor anderen religiösen Sichtweisen zu vermitteln, andererseits definieren sich die verschiedenen Konfessionen und Religionen zunehmend in Abgrenzung voneinander. Gesellschaftlich gesehen verlieren die Kirchen Mitglieder in grosser Zahl, andererseits berufen sich immer grössere Kreise auf «unsere » jüdisch-christlichen Werte, die es zu verteidigen gilt und die nicht zulassen, dass Moscheen mit Minaretten gebaut werden oder dass «zu viele» Flüchtlinge ins Land kommen. Spielt für die eigene Identifikation die Religionszugehörigkeit kaum mehr eine Rolle, stehen die Muslime alle in Verdacht, radikal zu sein.

Mit zunehmendem Verlust an religiösem Wissen und an Verwurzelung in einer religiösen Gemeinschaft finden radikale Ausrichtungen «Anhänger», die wenig kritisch einfache Heils- Botschaften und Versprechen übernehmen. Solche Ideen entstehen nicht in den Köpfen von jungen Menschen, sie werden gezielt von charismatischen Predigern verkündet. Dies geschieht nicht nur in Moscheen. Wenn Glaubensfragen nirgends zur Sprache gebracht werden können, zur Privatsache und beliebig werden, suchen junge Menschen anderweitig Orientierung. Der breite Graben zwischen dem christlichen Traditionsgut und dem Weltbild der heutigen Jugend ist für die Weitergabe des Glaubens eine grosse Herausforderung.

Was vermitteln wir den jungen Menschen? Geschichten aus der Bibel? Die zehn Gebote? Das Gebot der Nächstenliebe? Die Dogmen und Weisungen unserer Kirche? Sicher, diese Themen sind nach wie vor wichtig, aber es müssen auch Hintergründe und Wirkungsgeschichte zu Bibel und Kirche vermittelt werden.

Ich bin überzeugt, wir kommen nicht darum herum, unsere Inhalte kritisch zu hinterfragen. Was trägt zu einem friedlichen Miteinander auch noch in vierzig Jahren bei? Wo beginnt Toleranz und wo hört sie auf? Wie gelingen Leben und Zusammenleben, wenn Ressourcen und Platz enger werden? Woran glauben wir und worin besteht unsere Hoffnung?

Wir müssen uns diesen Fragen stellen. Es reicht nicht zu sagen, dass Gott es schon richten wird. Wir müssen vermitteln, dass es keine einfachen Antworten gibt. Junge Menschen brauchen Gesprächspartner, die sich für ihre Fragen und ihr Leben interessieren. Solche, die sich nicht hinter Stellungnahmen verstecken, sondern mitdenken, nachfragen und sich selber für ein gelingendes Zusammenleben aller Menschen einsetzen.

Diese Aufgabe ist anspruchsvoll. Ich bin überzeugt, dass religiöse Orientierung und Beheimatung anders nicht gelingen kann. Und wir sind zuversichtlich für die kommenden Jahre: In den letzten Tagen haben zwanzig Frauen die Ausbildung zur Katechetin in Angriff genommen, Frauen aus verschiedenen Kontinenten, mit unterschiedlichen Kirchenbildern und Lebenserfahrungen.

Mutig stellen sie sich dieser Aufgabe. Sie werden die Schülerinnen und Schüler hinführen zu einer gelingenden Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen und letztendlich zum einen Gott, den es immer zu denken und entdecken gilt.

Esther Aeschlimann, Fachstelle Religionspädagogik

28. Januar 2015