Vor 22 Jahren noch mit Haftstrafe bedroht, dürfen Homosexuelle in Irland heute heiraten. ft

Riss zwischen Kirche und Gesellschaft

In Irland dürfen künftig homosexuelle Menschen ordentlich heiraten – nicht nur ihre Partnerschaft eintragen lassen. Gegen den Willen der katholischen Kirche stimmte das Inselvolk im weltweit ersten Referendum zu diesem Thema mit grosser Mehrheit für die Einführung der Ehe für alle.


62,1 Prozent der Wähler stimmten am 22. Mai für die entsprechende Verfassungsänderung. Wahlberechtigt waren rund 3,2 Millionen Iren. Gegen die Zulassung der Eheschliessung für gleichgeschlechtliche Paare hatte sich vor allem die katholische Kirche eingesetzt. Doch mehrere Skandale um Kindesmissbrauch haben den Einfluss der einst in Irland übermächtigen Institution schwinden lassen. Der Volksentscheid in Irland hat auch Auswirkungen auf die gesellschaftspolitische Diskussion im Vatikan. Dort tagt derzeit der Rat der Bischofssynode, um die Familiensynode im kommenden Oktober vorzubereiten. Und viele Gläubige, vor allem in Europa, erhoffen sich von Franziskus eine Öffnung der Kirche in Familienfragen. Diese Hoffnung hat der Papst mit diversen positiven Äusserungen genährt. 2013 sagte er: «Wenn jemand schwul ist und er den Herrn sucht und guten Willen zeigt, wer bin ich, das zu verurteilen.»

Die Hoffnungen könnten im Herbst allerdings auch bitter enttäuscht werden. Drei Tage nach der Volksabstimmung sagte nämlich der Vorsitzenden der päpstlichen Kurie, Staatssekretär Pietro Parolin – gewissermassen der Premierminister des Papstes – er sei sehr traurig über das irische Abstimmungsergebnis. Kompromisslos fügte er an: «Und ich denke, dass das nicht nur eine Niederlage für die christlichen Prinzipien ist, sondern eine Niederlage für die Menschheit.»
Der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, erkannte in einer ersten Stellungnahme einen «substanziellen Riss zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft». Dem Resultat sei zu entnehmen, dass nicht nur sehr viele junge Menschen mit Ja gestimmt hätten, sondern auch viele noch kirchlich gebundene Iren. Welche genauen Konsequenzen die Kirche aus diesem Ergebnis ziehen müsse, stehe noch nicht fest; sicher gelte es, die Jugendpastoral auf den Prüfstein zu stellen. Mit dem Volksentscheid, so Dublins Oberhirte weiter, setze sich ein «individualistisches Familienverständnis » durch. Sein Amtsbruder in Armagh, Primas-Erzbischof Eamon Martin, hatte bereits zuvor vor einer neuen «Leitkultur der geschlechtsneutralen Ehe» gewarnt, die es der Kirche noch schwerer machen werde, ihr Eheverständnis zu vertreten.

Irland ist das weltweit 19. Land, das die Ehe für alle einführt. In Europa sind es derzeit 13. Die Schweizer Lesben- und Schwulenverbände zeigten sich in einer ersten Stellungnahme erfreut über das irische Abstimmungsergebnis. Sie forderten nun aber auch die Schweiz zum Handeln auf. Die «bedingungslose Öffnung der Ehe und die Gewährung aller damit verbundenen Rechte» sei eine Grundforderung, hiess es. In der Schweiz können gleichgeschlechtliche Paare bislang eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, die der Ehe rechtlich nicht gleichgestellt ist. Eine parlamentarische Initiative der Grünliberalen fordert nun auch in der Schweiz die Ehe für alle. Sie wird in der Sommersession besprochen. Derweil feiern in Irland Schwule und Lesben ihre Gleichstellung. Gesundheitsminister Leo Varadkar, selber homosexuell, sprach von einer «sozialen Revolution». Für Irlands christdemokratischen Premierminister Enda Kenny ist die Abstimmung in jeder Hinsicht eine «Pioniertat».

Andreas Krummenacher
Mit Material von Reuters, kath.ch, kna

3. Juni 2015