Judith Hanhart: «Die meisten Täter zeigen ein grosses Bedauern.» Foto: zVg

Scham und Gewalt

Überforderung und Stress stehen oft am Anfang von häuslicher Gewalt. Gesundheitliche Probleme, finanzielle Sorgen oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz begünstigen ein solches Verhalten. Ein Gespräch mit Judith Hanhart, Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt.


                  Interview: Oliver Lüthi, Caritas Bern

Oliver Lüthi: Neben Sensibilisierungs- und Öffentlichkeitsarbeit ist die Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt auch in der Täterberatung aktiv. Welche Auslöser von Gewalt erkennen Sie dabei?

Judith Hanhart: Oft liegt eine Stress- und Drucksituation vor, wenn es zu Gewalt kommt. Die Leute kommen mit ihrem Leben oder mit einem Teil davon nicht zurecht. Das muss nicht immer mehrere Ursachen haben. Es kann auch nur ein existenzieller Faktor sein, der am Anfang von häuslicher Gewalt steht. Vielen Situationen ist gemein, dass der Stressfaktor einen permanenten Charakter hat. Er kehrt immer wieder und schafft so Aussichtslosigkeit und totale Überforderung.

Welches sind solche Faktoren?

Eine schwere Gesundheitsdiagnose, eine Trennung, ein Jobverlust, finanzielle Schwierigkeiten. Gerade finanzielle Schwierigkeiten haben oft einen dauerhaften Charakter. Wenn Sie ständig Angst haben müssen, dass am Ende des Monats nicht genügend Geld da ist, um die Familie zu ernähren, führt dies irgendwann zu einer Überforderung, die sich in Gewalt äussern kann. Manchmal liegen einem Gewaltausbruch aber auch unterschiedliche Rollenbilder und damit verknüpfte spezifische Erwartungen zugrunde.

Wie ist das zu verstehen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Kürzlich hatten wir einen etwa 45-jährigen Mann in der Beratung, der auf dem Bau arbeitete. Wegen Rückenproblemen konnte er seinen Beruf kaum mehr ausüben. Aufgrund seines traditionellen Familienbildes fühlte er sich aber verpflichtet, zu arbeiten und als Ernährer für seine Familie zu sorgen. Die Kombination aus dem Verantwortungsgefühl, für das Wohl der Familie zuständig zu sein, verbunden mit der Scham, seiner Rolle nicht mehr gerecht werden zu können, stand am Anfang der Gewalt.

Welches Verhalten zeigen die Leute in der Beratung?

Die meisten zeigen grosses Bedauern. Sie erlebten den Moment der Gewaltanwendung als Blackout, als einen Verlust an Steuerfähigkeit. Oft empfinden sie danach grosse Scham, auch Abscheu gegen sich selbst. In unseren Beratungen versuchen wir Strategien zu entwickeln, um solche Gewaltanwendungen künftig zu vermeiden.

Müssten Sie nicht vor allem die Ursachen der Gewalt angehen, um nachhaltig zu wirken?

Bei uns lernen Betroffene, zu verhandeln und Konflikte zu lösen, ohne andere Menschen physisch oder psychisch zu verletzen. Wenn aber nicht fehlende Konfliktlösungsstrategien, sondern andere Probleme und Nöte die Ursache sind, können wir die erforderlichen Hilfeleistungen nicht selber erbringen. In solchen Fällen schlagen wir Brücken zu spezialisierten Stellen wie Schuldenberatungen, Sozialdiensten oder auch Suchtberatungen. Und wir versuchen, ihnen in unseren Beratungen immer Wertschätzung entgegenzubringen, denn die Menschen, die bei uns sind, haben einen ersten wichtigen und auch mutigen Schritt aus dem Gewaltkreislauf gemacht, indem sie sich bei uns gemeldet haben.

 

Hintergrund
Die Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt ist dem Generalsekretariat der Polizei- und Militärdirektion des Kanton Bern angegliedert. Die Stelle ist dafür besorgt, dass das Thema häusliche Gewalt in allen kantonalen Direktionen fachübergreifend Beachtung findet. Entwicklungen sollen beobachtet werden. Die Interventionsstelle erarbeitet Anpassungen in der Vernetzung und der Koordination der kantonalen Behörden, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Mittel dazu sind beispielsweise «Runde Tische» und Datenerhebungen. Ein wichtiger Teil ist auch die Arbeit mit Täter*innen, insbesondere mit dem Lernprogramm gegen Gewalt in Ehe, Familie und Partnerschaft . Damit will man die Hauptziele der Interventionsstelle erreichen: 1. Häusliche Gewalt stoppen; 2. Opfer und Kinder schützen und begleiten; 3. Täter und Täterinnen zur Verantwortung ziehen.
Andreas Krummenacher

 

Hinweis
Anlässlich einer Tagung der «Interkonfessionellen Arbeitsgruppe Sozialhilfe» (IKAS) im Berner Käfigturm am 8. Mai und 5. Juni wird der Psychologe Allan Guggenbühl aufzeigen, was Kinder benötigen, um geschützt aufwachsen zu können. Weitere Informationen auf www.caritas-bern.ch/agenda
Dieser Artikel ist in ähnlicher Form im Magazin «Nachbarn» 1/18 der Caritas erschienen.

Caritas Bern
Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt

 

 

 

18. April 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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