Geschichtenerzähler Jürg Steigmeier (links), Musiker Patrik Zeller. Foto: zVg

Schaurige Geschichten mit guten Botschaften

Der November ist die Zeit, um der Toten zu gedenken. Rund um die Tage von Allerseelen oder Halloween gibt es auch viele Sagen, wie Tote die Welt der Lebenden besuchen. Jürg Steigmeier erzählt davon am 24. November in der Dreifaltigkeitspfarrei. Wir haben mit ihm vorab gespochen.


«pfarrblatt»: Sie erzählen von der wilden Jagd, armen Seelen und allerlei Geistern. Warum faszinieren solch geheimnisvollen und unheimlichen Stories?

Jürg Steigmeier: Diese Geschichten beinhalten immer auch gesellschaftliche Regelwerke. Sie drehen sich um fundamentale menschliche Gesetze. Sie berichten vom «Es», der allumfassenden Macht. Wir sagen ja auch im Alltag: «Es schneit» oder «es regnet». Niemand weiss, wer dieses «Es» ist. Zu den Mächten hinter dem «Es» aber gibt’s Regeln, die müssen Menschen einhalten. Wir müssen anständig sein. Wenn man die Regeln bricht, geschieht etwas. Wenn jemand Grenzen verschiebt, muss er dereinst zurückkommen, um es wieder gutzumachen.

Manche Sagen erzählen, wie die Seelen heimkehren, um etwas zu klären, zu erlösen. Sie berichten von der Seele nach dem Tod.

Die Geschichte der grauen Katze (Anmerkung: siehe Kasten) zum Beispiel zeigt, wie die Seele als Katze fortgeht – der menschliche Leib bleibt leblos zurück. Die Seele schlüpft bei der Rückkehr durch den Mund ins Mädchen zurück, bei der Vereinigung schüttelt es die junge Frau. Hier erkennen wir die Katze als Seelentier. Solche Sagen führen uns weit in die Vorgeschichte der Menschheit zurück, quasi in ihre Kindheit und zu allen Völkern, denn überall herrschen die gleichen Gesetze.

In solchen Geschichten gehen Seelen auf Wanderschaft?

Und wir hoffen, sie kehren zurück. Manche Leute nennen es träumen, wenn die Seele unterwegs ist. Im Volksglauben kehren etwa Maus, Fliege, Wiesel und Vogel als Seelentierchen wieder, als flinke und behände Wesen. Auch in modernen Stories oder Filmen, wo Menschen plötzlich die Fähigkeit haben zu fliegen, schwingt die alte Vorstellung der Seelentiere mit.

Interpretieren Sie die Sagen?

Einordnen kann das jeder selber. Es ist überraschend, wie die Geschichten verschieden betrachtet werden. Manchmal haben sie klare Anweisungen: Wie soll man eine Mutter behandeln, wenn ihr Kind gestorben ist, - wir sollen sie einkleiden, die Schuhe anziehen usw. Es sind weise Erkenntnisse, eine Mischung von Regeln voller Tiefenpsychologie.

Vertragen sich die alten Geschichten mit christlichem Glauben?

Oft verbindet sich katholischer Volksglaube mit einem urtümlichen magischen Denken. Typisch ist bei Alpensagen die Vorstellung, dass Seelen aus Gletscherspalten kommen und heimkehren. Wenn es zum Rosenkranz läutet, müssen die Seelen wieder gehen. Für sie zünden wir in der Nacht ein Licht an, auch damit sie ihren Weg finden. Heute noch lassen wir auf dem Friedhof Kerzen leuchten. So sind wir verbunden mit urtümlichen Gedanken und Geschichten.

Wie beeinflusst Sie Ihre katholische Kindheit?

Ich war als Kind in der Jungwacht und trete gerne in Kirchen auf. Mit normalen Sagen oft bei den Reformierten, mit dem neuesten Programm aber nur in katholischen Pfarreien. Die reformierten Kirchen haben keinen Zugang zu diesem «Geisterzeugs» und der Seelenvorstellung dahinter.
Mit dem Programm «Jenseitige Begegnungen» docke ich an der katholischen Volksfrömmigkeit an. Eine ältere Walliserin hat mir vor 20 Jahren viel von den armen Seelen erzählt. Dann kriegte sie ein TV-Gerät, und ein halbes Jahr später hat sie alles abgestritten, woran sie früher felsenfest geglaubt hat. Deshalb müssen wir diese Geschichten sorgfältig bewahren.

Streben die armen Seelen immer nach Erlösung?

Es geht nicht darum, ob die Geschichten wahr sind oder nicht. Aber sie erzählen immer auch von dem, was nach dem Bösen oder den Problemen passiert. Zum Beispiel, dass auch ein nicht getauftes verstorbenes Kind in geweihter Erde beerdigt werden kann. Oder dass die zu früh verstorbenen Buben und Mädchen am Bärzelistag beim Kreuzweg von Frau Holle abgeholt werden, die sie rettet, damit es ihnen gut geht. Selbst die schaurigsten Geschichten haben zum Schluss eine gute Botschaft.

Gespräch: Karl Johannes Rechsteiner

E graui Chatz
Einisch isch e Bueb zume Meitli gange. Du chunnt e graui Chatz zum Pfäischter ihe. Gli druf schüttlets das Meitli, wie wen es tät früre. Du merkt der Bueb erscht, dass er no schlofsturm isch u im Erwache u fragt das Meitli, was gange sig, ob es sig furt gsi. Das het ihm ume mutze Bscheid gä. Der Bueb het gnue gwüsst. Er het das Meitli lo ne graui Chatz si u isch nie meh zue-n-ihm gange.

 

Jenseitige Begegnungen
Der bekannte Geschichtenerzähler Jürg Steigmeier und Musiker Patrik Zeller kommen mit urigen Geschichten und Klängen zu Besuch. Altmodische Erzählkultur spielt zusammen mit coolen Liedern.

Wann: Freitag, 24. November, 19.30
Wo: Saal neben der Dreifaltigkeitskirche Bern, Taubenstrasse 4, 3012 Bern
Veranstalterin: Kirche im Dialog
Eintritt frei, Kollekte.
Weitere Infos

Fachstelle Kirche im Dialog

8. November 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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