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Schneider Zumbach

Eine Frau geht zu Schneider Zumbach, um sich eine neue Jacke nähen zu lassen. Nachdem sie den Stoff und passende Knöpfe ausgesucht hat, nimmt Schneider Zumbach Mass und macht sich an die Arbeit. Ein paar Tage später ist Anprobe. Die Jacke ist überhaupt nicht geraten, die Ärmel sind zu lang, der Schnitt nicht symmetrisch und der Kragen viel zu eng. «Doch, doch», pariert der Schneider die Klagen der Kundin, «wenn Sie sich nur etwas nach vorne beugen, die Arme nach vorne strecken und die rechte Schulter zum Ohr hochziehen, passt die Jacke prima.» Eingeschüchtert verlässt die Kundin das Atelier, in die verdrehte Jacke gezwängt. Unterwegs trifft sie eine Bekannte. «Oh», ruft diese aus, «welch schöne Jacke, bestimmt ist sie vom Schneider Zumbach! Keiner vermag so perfekt auf krumme Körper zu schneidern wie er!»

Lorenz Marti erzählt diese alte Geschichte in seinem Buch «Türen auf» als Gleichnis für autoritäre Religionssysteme. Eine Patientin erzählt mir davon, ihr gehe die Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Innerlich sei sie ihren Kleiderschrank durchgegangen, auf der Suche nach Zumbach-Kleidern. Hängen dort nicht auch ein paar Muster und Rollen, in die sie nur mit grösster Mühe passe? Scheue sie sich nicht auch davor, die von Fachleuten angefertigten Modelle anzuzweifeln? Wie oft verkrümme und verdrehe auch sie sich eher, bis Muskeln und Gelenke schmerzen, als dass sie sich getraue, den Schneider zu hinterfragen? Dieser schere sich bestimmt keinen Deut darum, ob ihr das Kleid passe oder nicht. Und seltsamerweise bekomme sie Lob und Anerkennung gerade für die unbehaglichsten Kleider.

Ihr persönlicher Schneider Zumbach beziehe seine Schnittmuster allerdings nicht aus religiösen Quellen, sondern aus einem etwas veralteten aber immer noch beliebten Fundus für Frauenbekleidung, mit Modellen, die da heissen: «Nimm dich nicht so wichtig», «Werde nie laut und emotional» und «Bleibe stets fröhlich und kooperativ». Es werde doch jetzt langsam Zeit, meint die Patientin, all diese Zumbach-Klamotten «... abzulegen und die neue Frau anzuziehen, die geschaffen ist nach Gott in wahrer Gerechtigkeit» (nach Epheser 4,22).

Marianne Kramer, ref. Seelsorgerin

Gedanken aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

 

 

13. November 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 24
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