«Sorry We Missed You» erzählt die Geschichte von Ricky, der versucht als selbstständiger Paketauslieferer die Familie über Wasser zu halten.

Schöne neue Arbeitswelt

Er hat schon alle möglichen Arbeiten gemacht, der Familienvater Ricky aus Newcastle, England. Beim Bewerbungsgespräch hört man ihn sagen, er sei am liebsten sein eigener Chef – doch der Job, den er dann annimmt, hat von der Selbständigkeit nur die Risiken, verbunden mit dem Druck einer Akkord-Arbeit. Im Paketdienst, wo er als «selbständiger Franchise-Nehmer» anheuert, bringen die Fahrer ihren eigenen Lieferwagen, sind für Unterhalt, Reparaturen und allfällige Parkbussen zuständig, doch das Unternehmen gibt ihnen vor, wie viele Pakete sie in welcher Zeit auszuliefern haben. Der allgegenwärtige Scanner überwacht Route und Lieferzeiten, da gehört der Sprint die Treppe hoch zum täglichen Programm. So hetzt Ricky nun durch den Tag, sechs Tage die Woche, durch dichten Verkehr, muss sich mit bissigen Hunden, falschen Adressen und aggressiven Kunden herumschlagen.

Um die Anzahlung für den Lieferwagen aufzubringen, hat Ricky den Kleinwagen seiner Frau Abby verkauft. Sie arbeitet als Pflegerin in einer Spitex-ähnlichen Organisation und muss nun mit dem Bus zu ihren Kunden, von 07.30 morgens bis 09.00 abends. Ihrer Tochter gibt sie per Telefon die Instruktionen für den Tag durch, was sie sich zum Essen aufwärmen soll, oder dass sie erst nach den Hausaufgaben eine halbe Stunde an den Computer darf – freilich kontrollieren kann das niemand.

Was, wenn nun der Teenager-Sohn die Schule schwänzt, auf dem Polizeiposten landet und überhaupt lieber Graffiti-Künstler wäre als irgendetwas anderes? Abby kann ihre kranken oder behinderten Kunden nicht fallen lassen, Ricky muss einen Ersatzfahrer für seine Tour finden oder eine saftige Busse zahlen, wenn er seine Ware nicht ausliefert – die Performance-Statistiken des Unternehmens dulden keine Ausfälle oder Verspätungen.

Mit «Sorry we missed you» hat Regisseur Ken Loach wieder einmal den Finger auf einen wunden Punkt unserer Gesellschaft gelegt. Die sogenannte «gig economy» macht zwar alle zu Mini-Unternehmern, wirft jedoch alle sozialen Errungenschaften der letzten hundert Jahre (geregelte Arbeitszeiten, Arbeitnehmerschutz, Lohnfortzahlung bei Krankheit und so weiter) über den Haufen. Aus diesem Hamsterrad auszusteigen, ist schier unmöglich. Ein Film, der einen mit voller Wucht in den Solarplexus trifft, mit Darstellern aus dem echten Leben, ungeschminkt, roh, echt.

Sabrina Durante, «pfarrblatt»-Film- und Buchkritikerin


Sorry we missed you. GB/FR/BE 2019. Regie: Ken Loach. Mit: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor. Der Film läuft in Bern im Cine ABC (Moserstr. 24).

 

 

9. Dezember 2019
erstellt von «pfarrblatt» online
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